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Shutter Island (2010)
Eine Kritik von Mr. Barlow (Bewertung des Films: 9/10) eingetragen am 16.03.2010, seitdem 843 Mal gelesen
Wenn ich es mir genau überlege, muss ich an dieses eine Bild von Joscha Sauer denken: Ein Mann im Hühnerkostüm steht vor einer Weggabelung und betrachtet zwei Schilder, die in entgegengesetzte Richtungen zeigen. Auf dem einen steht "Hühnerstall", auf dem anderen "Irrenanstalt". Die Person auf dem Bild ist verwirrt.
So in etwa kommt auch "Shutter Island" daher, ein vielleicht zuerst unscheinbarer Thriller, angelegt auf einer Insel mitsamt Heilanstalt. Es lässt sich schon erahnen, dass "Shutter Island" irgendwas an sich hat. Ein Film spielt nicht umsonst in einer so merkwürdigen Gegend, und das ganze wird bestimmt nicht wie ein handelsüblicher Krimi ablaufen, wie es uns die ersten zehn Minuten vielleicht glauben lassen wollen. Stattdessen wird der Zuschauer irre gemacht.
Angelegt in den mittleren 50ern, begleiten wir Marshal Edward Daniels (von Freunden und Bekannten "Teddy" genannt) auf eine Insel, auf der eine komplexe Heilanstalt vor sich hin modert. Eine gefährliche Patienten ist geflohene und treibt offenbar in der ungemütlichen Natur der Insel ihr Unwesen. Teddy soll mitsamt eines neuen Partners die Frau finden, mehr nicht. Zunächst jedenfalls. Schnell wird klar, dass nicht alles so zu laufen scheint, wie es Teddy gerne hätte. Die Leiter und Doktoren der Anstalt benehmen sich merkwürdig, und der Wahnsinn aller Patienten ist allgegenwärtig und greift nach einem.
Ein Film wie eine dieser Drehscheiben, auf denen Kreise abgebildet sind, und wenn man sie dreht verlaufen sich die Kreise zu einem Wirbel. So verwirrend ist "Shutter Island", die neuste Zusammenarbeit zwischen Martin Scorsese und seinem Liebling Leonardo Das Caprio. Wie gesagt, alles startet als handelsüblicher Krimi mit ein paar gruseligen Szenen, fast so wie ein Schwarzweißkrimi mit Sherlock Holmes, der in sumpfigen Einöden nach des Rätsels Lösung sucht. Irgendwann entwickelt sich dann hieraus ein Verwirrspiel zwischen Teddy und den Leitern der Anstalt, der sich langsam aber sicher hintergangen fühlt. Ab und zu werden noch ein paar Szenen aus dem zweiten Weltkrieg gezeigt. Eingefrorene Leichen vor einem KZ, offenbar ein Trauma Teddys aus seiner Zeit als Soldat.
Zwischendrin ein paar verstörende Szenen, halt der typische Alltag in einer Heilanstalt. Die Patienten reden verrücktes Zeug, einige sehen auch nicht mehr ganz frisch und freundlich aus. Und immer mehr wird klar, dass das alles hier auf eine ganz andere Schiene hinausläuft. Plötzlich steht Teddy im Zielrohr der Angestellten, und auch sein lockerer Partner ist mir nichts dir nichts verschwunden und eventuell sogar tot. Teddy fühlt sich langsam in die Enge getrieben. Und am Ende wird in einem ziemlich langen Finale alles aufgeklärt, jedenfalls von Seiten der Ärzte. Teddy ist verrückt. Er sollte sein Leben als Marshal noch einmal nachspielen auf der Insel, um vielleicht zu genesen, doch daraus wurde nichts.
Hier läuft der Film in zwei gleich große Richtungen, und es liegt ganz allein beim Zuschauer, welche Ausfahrt man nimmt. Ist Teddy wirklich verrückt oder wird er nur verrückt gemacht? Das Problem ist, dass es auf beiden Seiten sehr gute Argumente gibt, nichts widerspricht sich grob, jede Geschichte scheint glaubwürdig, aber nur eine kann wahr sein. Der Streifen selbst wird zur Irrenanstalt, und der Zuschauer (wenn er sich ein paar Gedanken macht) wird verrückt, will er das Rätsel entschlüsseln. Grund genug, den Film öfters zu sehen, denn durch diese gewollte Zweischneidigkeit wird er niemals annährend lahm.
Beeindruckende Schauspieler würzen das ganze dann noch angenehm. Leonardo DiCaprio hat endlich sein Image als milchgesichtiger Bubi hinter sich gelassen und steigt ein in die Klasse der Charakterdarsteller. Sein Teddy wirkt zu jeder Zeit authentisch. Die besonderen Schauwerte sind allerdings ganz klar an die Leiter der Klinik vergeben. Ben Kingsley gibt eine ziemlich unangenehme Vorstellung als Dr. Cawley ab, da man ihn nie in eine Kategorie, sprich Freund oder Feind, einteilen kann. Offensichtlicher wird das beim mittlerweile steinalten Max von Sydow, der immer noch zur großen Garde gehört und trotz des Alters nichts von seinem Charme eingebüßt hat. Nebenbei wäre da auch noch der Direktor, gespielt von Ted Levine, der den allseits unbeliebten Psychopaten bei "Das Schweigen der Lämmer" spielen durfte und nun ironischerweise Direktor einer Heilanstalt ist.
"Shutter Island" ist ein zutiefst beunruhigender Film ohne erkennbares Ziel und mit großartigen Darstellern, gespickt nebenbei mit Horrorelementen, die in die Knochen ziehen. Daneben sorgt auch noch ein Soundtrack für Nervenkitzel und Gänsehaut, gerade das Stück, das zu Anfang gespielt wird, charakteresiert den ganzen Film auch recht gut.
Fazit
Bedrückende Atmosphäre, verwirrende Stränge, verrückte Patienten und merkwürdigen Ärzten. Das ist "Shutter Island", ein Film für Leute, die gerne selbst bekloppt werden.
9/10
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