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Alice im Wunderland (2010)

Eine Kritik von Vince (Bewertung des Films: 5/10)
eingetragen am 16.03.2010, seitdem 565 Mal gelesen


Mit einem Mal wird es Alice schlagartig bewusst: sie hat dieses Leben schon einmal gelebt. Die Träume vom Wunderland waren keine Träume, sondern Erinnerungen an etwas, das Alice als Kind bereits erlebt hat. Ihre Erkenntnis wächst und stellt sie über den wunderbaren Nonsens einer kunterbunten Welt. Und wie sie so erwacht und endgültig ihre Augen öffnet, wird klar: Tim Burton hat dem Wunderland seinen Sinn zurückgegeben.

Während der Mann, der auf dem Papier für die Neuverfilmung der Carroll-Geschichte prädestiniert scheint, die Dimensionen von „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“ ineinander verkeilt und versiegelt, wird der Reiz endloser Ellipsen und Tautologien neutralisiert. Die Episoden- und Sprunghaftigkeit der Vorlage wird detailgenau nachgezeichnet, erlangt aber ausgerechnet dadurch eine innere Struktur, die zuletzt gar in eine Dramaturgie auslädt mit einem Finale, das Dinge schließt und beendet. Die erzählerischen Konventionen Disneys brechen ihren Stab über der Ausstattungswut Burtons, der eine wahrhaft wundersame Welt erschafft, in ihr jedoch nichts Beunruhigendes oder Rätselhaftes zu generieren weiß; nichts, das erschüttern, nachdenken oder auch nur nachfragen ließe.

Stellvertretend dafür steht Johnny Depp in seiner x-ten Zusammenarbeit mit dem Wunderweltenregisseur. Als Hutmacher wird ihm einmal mehr die Ehre zuteil, der ambivalentesten Figur des Films sein Schauspiel zu leihen. Eine beeindruckende Kreatur gelingt ihm, die jedoch ohne das Vorhandensein von Sweeney Todd, Jack Sparrow, Willy Wonka, Ichabod Crane und Edward um ein Vielfaches beeindruckender wäre.
Der Hutmacher bricht schon in seiner ersten Szene aus der Käferschachtel seiner selbst und wird für Alice und später die ganze Welt zum unbedingten Handlungsträger, ohne dessen Zutun nichts an der Geschichte einen Sinn ergäbe. Doch ist es nicht gerade das, was man sich von einer „Alice“-Verfilmung erhofft? Ist es im Umkehrschluss nicht der – vor allem durch den Hutmacher, nicht zuletzt aber auch ausgerechnet die Grinsekatze vorangetriebene - Konzeptcharakter der Handlung, auf den man gut und gerne hätte verzichten können?

Den Surrealismus der Vorlage erlebt der Zuschauer folgerichtig nur im Plakativen: den Froschdienern, der Überdimensionalität des Kopfes der roten Königin, der Eiförmigkeit von Tweedledee und Tweedledum, den Schnörkeln in der Fauna von Unterland und dem verschwenderischen Detailreichtum von Gebäuden und Einrichtungsgegenständen. In der Psychologie jedoch dient alles einem klaren Plan. Er läuft auf das Zusammentreffen mit Jabberwocky hinaus. Der Drachen verliert in einem Finale, das es nicht hätte geben dürfen, seine Symbolik: diejenige des bedingungslosen Nonsens.

Es scheint, als hätten sich die Seiten verkehrt. Unterland ist von mehr Logik geprägt als es geprägt sein sollte, im Umkehrschluss ist Alice aber längst nicht mehr die Identifikationsfigur aus dem Disney-Klassiker. Das mag man der starren, vermutlich von Burton bewusst zur Passivität verdonnerten Darstellung einer noch relativ unerfahrenen Mia Wasikowska zuschreiben, der Wahrheit näher kommt aber wohl der traurige Umstand, dass Alice von ihrer Umwelt schlicht und ergreifend nicht mehr in die Identifikationsrolle getrieben wird. Denn wieso sollte man mit einem Mädchen mitleiden, das im Grunde ihres Herzens jederzeit über den Dingen steht, während das arme Ding von damals mit den blonden Haaren und dem blauweißen Kleid in eine dunkle Höhle voller Bestien geworfen wurde, deren Verhalten selbst die größten Experten des Behaviorismus nicht voraussagen könnten. Tatsächlich also hat der Gewinn von Struktur- und Sinnbildung den Nebeneffekt einer sich verlierenden Düsternis. In Anbetracht des Umstandes, dass das völlige Abhandensein von Regeln und Konventionen zu den ältesten Ängsten der Menschheit gezählt werden kann, muss ihr neuerliches Hinzufügen eine Abmilderung des Grundtons der Geschichte zur Folge haben.

So weitreichend, fantasievoll und kreativ mag man Unterland / Wunderland und seine Bewohner noch nie gesehen haben. Leider sah man es auch nie so glatt und eben. Tim Burton hat es vollends auf seine Spiegeloberfläche reduziert. Bei der Betrachtung der Reflektionen ist jedoch vollkommen in Vergessenheit geraten, dass unter der Oberfläche die Ängste hausen. Nur wenn sie da sind, kann die Forderung rollender Köpfe ein tiefschürfendes Grauen entfalten.


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