"Mythologie-Kirmes im Actiongewand"
Wer vor dem Zubettgehen gerne in den „Sagen des klassischen Altertums" schmökert und dabei in wohlig-schauriger Erregung in der griechischen Mythologie versinkt, der sollte diese gute Tradition besser fortsetzen und die nahegelegenen Lichtspielhäuser meiden. Wer allerdings poppiges Trashkino zu seinen bevorzugten Vergnügungen zählt und sich nicht an einem äußerst freien Umgang mit den klassischen griechischen Götter- und Heldensagen stört, der kann mal wieder so richtig nach Herzenslust seinem Hobby frönen. Ja, der bereits in den 1980erJahren zu Kultstatus gelangte Mythen-Zirkus Kampf der Titanen ist wieder in der Stadt. Bei 600 Kopien gastiert das 120 Millionen Dollar-teure Spektakel garantiert auch in eurer Nähe. Also nichts wie rein ins Kino und ab geht die Post vom Olymp in den Hades und zurück.
Gut, die filmische Neuauflage der Perseus-Sage ist nichts für Mythologie-Puristen, aber blanker Nonsens ist sie auch nicht. Der Halbgott und Zeus-Sohn hat tatsächlich die Schlangenköpfige Medusa enthauptet, sich des geflügelten Streitrosses Pegasus bedient und den von Poseidon entfesselten Riesenkraken Keto getötet, um die Prinzessin Andromeda zu befreien.
Reinste Fantasy ist dafür die Rahmenhandlung um einen Streit zwischen Göttern und Menschen, bei dem der verschlagen-bösartige Hades seinen gutmütigen Bruder Zeus dazu überredet den aufmüpfigen Menschen eine ordentliche Lektion zu erteilen. Entgegen der Überlieferung plant Hades einen Putsch gegen seine göttliche Verwandtschaft, da ihn sein trostlosen Dasein als Herrscher der Unterwelt schon lange zermürbt. Einzige Hoffnung der Menschen ist der erwähnte Perseus, zumal er nach der Ermordung seiner irdischen Ziehfamilie durch Hades nicht lange motiviert zu werden braucht.
Nach Terminator 4 und Avatar spielt der ehemalige australischen Trucker Sam Worthington zum dritten Mal in Folge in einem millionenschweren CGI-Spektakel. Mürrisch, viril und kompromisslos zupackend, erinnert er allerdings weit mehr an Brad Pitts Rüpel-Achill in Troja, als an seinen nicht nur namentlich längst in Vergessenheit geratenen Schwiegersohn-Vorgänger im originalen Titanenscharmützel.
Auch der übrige Cast ist erstaunlich namhaft für einen solchen ganz unverhohlen vornehmlich auf lärmige Unterhaltung zielenden Budenzauber. Vor allem Liam Neeson (Zeus) und Ralph Fiennes haben die Intention der Macher genau begriffen und liefern sich ein herrliches Overacting-Duell als zankendes göttliches Brüderpaar. Was blieb ihnen auch übrig in einem neblig-glitzernden Olymp-Setting, das dem Begriff „Kitsch" erst seine Daseinsberechtigung zu geben scheint. Danny Hustons androgyner Miniauftritt als Meeresgott Poseidon ist dabei das plüschige i-Tüpfelchen. Bonds Casino Royale-Widersacher Mads Mikkelsen beweist da schon wesentlich mehr Bodenhaftung als Perseus grimmiger Mitstreiter Draco.
Kampf der Titanen kann es hinsichtlich Trashfaktor und Unterhaltungswert ohne weiteres mit dem kultigen Vorbild aufnehmen. Die zunächst bösartigen und später als Transportmittel domestizierten Riesenskorpione, die in der Unterwelt hausende Riesenschlange Medusa und vor allem der monströse Kraken wirken trotz modernster Computertechnik ähnlich überkandidelt und irreal wie die von Effekt-Legende Ray Harryhausen kreierten Stop-Motion-Monster des Originalfilms.
In der Darstellung der Unterwelt und den gezeigten Landschaften wirkt die Neuauflage allerdings wesentlich düsterer. Vor allem Charons Fähre sowie die Fahrt über den Styx vermitteln eine schaurig-wohlige Gruselatmosphäre. Auf ihrer Mission marschieren Perseus und seine Getreuen durch allerlei schwarzes Gestein und bedrohlich gezackte Felsformationen.
Einen gewissen Sinn für Realismus - der in der Originalversion übrigens gänzlich fehlt - hat man offenbar auch gehabt. So sind Rüstungen, Waffen, Helme, Schiffe und Gebäude zumindest authentisch antik-griechisch, wenn man sich auch nicht die Mühe gemacht hat eine bestimmte Epoche abzubilden bzw. sämtliche Requisiten zeitlich aufeinander abzustimmen. Da es sich aber natürlich keinesfalls um einen historischen Stoff handelt, ist das Gezeigte schon wesentlich mehr, als man erwarten konnte.
Letztendlich zählen hier nur die Schauwerte und da kann man nicht meckern. Die Kämpfe sind schnell und rasant geschnitten, aber - den Göttern sei's gedankt - keinesfalls so unübersichtlich wie in vielen aktuellen Actionfilmen. Der französische Regisseur Louis Leterrier (Transporter 1 und 2) versteht jedenfalls sein Handwerk. Choreographie, Länge und Häufigkeit der Kampfeinlagen bilden eine stimmige Einheit und tragen entscheidend zum Event-Charakter des Films bei. Die relativ kurze Lauflzeit von 106 Minuten sorgt zusätzlich dafür, dass eigentlich nie Langeweile aufkommt.
Klar, die Dialoge sind nicht gerade auf Shakespeare-Niveau. Der Plot ist simpel und die Dramaturgie nicht unbedingt raffiniert. B-Fantasyfans werden nicht trotzdem, sondern gerade deswegen ihren Spaß an dem Mythologie-Kirmes haben. Ob ein solches Trash-Spektakel Gustav Schwab gefallen hätte ist zwar eher zweifelhaft, aber zumindest hatte er das gleiche Zielpublikum wie moderne Hollywoodblockbuster. „Die Sagen des klassischen Altertums" richteten sich vornehmlich an Kinder und Jugendliche.
(6,5/10 Punkten)