Scientology dürfte vor allem Filmfans ein Begriff sein. Kein Wunder, ist die Organisation doch gerade unter den amerikanischen Filmemachern kein unbeschriebenes Blatt. John Travolta und Tom Cruise sind die größten und bekanntesten Aushängeschilder der Sekte, aber auch andere Prominente wie Kirsty Alley folgen den "Lehren" des Sci-Fi-Autors L. Ron Hubbard und seiner gegründeten Gemeinschaft. Die Situation in Deutschland ist da schon ein wenig anders. Nicht nur, dass die Zahl der Scientologen mit knapp 6000 Mitgliedern weit geringer ist, als in Übersee, hierzulande wird Scientology vom Verfassungsschutz beobachtet, während sie in Amerika als Religionsgemeinschaft anerkannt ist. Doch wie genau die Machenschaften der Sekte hierzulande sind, wissen nur wenige. Doch mit "Bis nichts mehr übrig bleibt" wagt die ARD jetzt einen mutigen Schritt in Richtung Aufklärung und präsentiert zudem einen der besten Fernsehfilme der letzten Zeit.
"Bis nichts mehr bleibt" erzählt die fiktive Geschichte des ehemaligen Scientology-Mitglieds Frank, der um das Sorgerecht seiner Tochter kämpft. Diese ist bei der Mutter untergebracht, welche von Frank damals in die Gemeinschaft gebracht wurde und bis heute eine aktive Gläubige ist. Dabei wird dem Gericht (für den Zuschauer in Rückblenden) das Leben von Frank bei Scientology vor Augen geführt. Von ersten Auditings, über unbezahlbare Seminare, der Karriere in der Gemeinschaft, der Sprache, bis hin zum grausamen Missionieren des vom Wege Abgekommenen. Alles hat Frank bisher durchgemacht, doch der Kampf um seine Tochter ist schwieriger als alles zusammen... Zusammen mit ehemaligen Mitgliedern entstand dabei ein Drehbuch, das der Realität sehr nahe kommen soll und in dieser Form nicht nur aufrüttelt und einen innerlich zerwühlt, sondern auch als Film an sich überzeugen kann.
Dabei ist es vor allem unheimlich spannend und interessant mit anzusehen, wie die Sekte ihre Mitglieder formt, um sie buhlt und jedwede ideologische Macht ausübt, bei der man sich als klar denkender Mensch sich nur fragt, wie es überhaupt möglich ist, dass Menschen so etwas mit sich machen lassen. Da werden bei so genannten Auditings, durch eine billige Lügendetektorkopie, die Leute bis zum letzten intimen Detail ausgehorcht, sie müssen in abstrus wirkenden Seminaren andere Mitglieder anschreien, Macht über sie ausüben und erniedrigen oder ellenlange Wissensberichte verfassen, bei denen sonst keiner so wirklich erklären kann, was diese eigentlich für einen Sinn haben. Dann gibt es die Karrieren bei Scientology, vom "Clearer" bis zum "OT 8", welche verbunden sind mit weiteren, sauteuren Seminaren, mit denen sich die obersten Tiere der Gemeinschaft dann eine goldene Platte machen. 100000 von € (bzw hier im Film sind es noch DM) sind da im Jahr keine Ausnahme, die nicht wenige der Mitglieder in den wirtschaftlichen Ruin treiben, so dass sie dann bei Scientology Jobs annehmen, um ihr weiteres Bestehen in der Gemeinschaft "finanzieren" zu können. Und wer vom Wege abkommt, der kommt ins Missionierungscamp, zur Rehabilitation. Kein auch noch so ungemütlicher Aspekt wird ausgelassen, jedes Thema wird zumindest einmal angekratzt, meist sogar recht ausführlich aufgezeigt. Am erschreckendsten ist dabei der Umgang mit den Kindern anzusehen, welche z. Bsp. in völlig verdreckten Kindertagesstätten untergebracht werden und irgenwann selbst zu kleinen Befehlshabern ummodeliert werden.
Und dabei begeht der Film nicht den Fehler nun den warnenden Zeigefinger aufzuzeigen, sondern es wird teilweise sogar erstaunlich neutral aber dennoch ehrlich und erschreckend aufgezeigt, was Scientology für Gefahren mit sich bringt und vor allem auch welcher Idiotismus hinter all dem "Glauben" steckt. Das Gründer Hubbard ein Sci-Fi-Autor war dürfte bekannt sein, doch wie sehr er seine geistige Verwirrung aus Elementen der Science Fiction, in dem Glauben der Mitglieder verankert hat, dürfte hiervor wirklich kaum einer so richtig mitbekommen haben. Denn es wird hier nicht an einen Gott geglaubt sondern, vereinfacht ausgedrückt, daran, dass das unsterbliche Wesen des Menschens im Laufe der Jahre zerstört worden ist und nur durch Scientology und dessen (teure) Techniken wieder repariert werden kann. Klingt für normal Denkende nach blühendem Blödsinn, doch es gibt wirklich Leute, die daran glauben. Der scientologischen Gehirnwäsche sei Dank!
Aber nicht nur im Aufzeigen der Machenschaften ist der Streifen gelungen, auch als Film an sich, darf sich "Bis nichts mehr übrig bleibt" als empfehlenswertes Fernsehstück verstanden fühlen. Schon von der ersten Minute an, kann sich eine gewisse Spannung nicht leugnen lassen und auch wenn man sich mit den Machenschaften der Sekte schon früher auseinander gesetzt hat, wird man bis zum (mutigen) Schluss gespannt vor dem Fernseher sitzen bleiben. Der Rahmen mit der Gerichtsverhandlung ist gelungen, die Charaktere gut aufgebaut und nie macht sich das ungute Gefühl breit, dass die Handlung nur als Aufhänger gebraucht wird. Auch ohne den realen Hintergrund des Geschehens würde der Streifen jedenfalls als sehr spannendes Fernsehdrama durchgehen.
Zudem machen auch die Darsteller ihre Sache allesamt gut. Felix Klare ist als geknickter und verzweifelter Familienvater gut besetzt und Silke Bodenbender als dessen Ehefrau einfach nur eine absolute Wucht. Wie sie die total verblendete Anhängerin darstellt, die irgendwann, außer ihrer Karriere bei Scientology, absolut nichts mehr sieht und gegen jede Antihaltung zu Scientology, und sei sie auch noch so gering, verbittert vorgeht, ist schlichtweg sagenhaft gut gelungen. Dazu Kai Wiesinger als genauso verblendeter Anwalt und Robert Atzorn als besorgter Schwiegervater. Aber auch alle Anderen machen ihre Sache einwandfrei.
Fazit: Ein schwieriges Thema, mutig und gelungen umgesetzt. "Bis nichts mehr bleibt" deckt die Machenschaften einer Gemeinschaft auf, die ernsthaft gefährlich ist und das nicht nur auf eine sehr glaubwürdige-, sondern auch sehr spannende und dramaturgisch äußerst ausgewogene Art und Weise. Das Scientology-MItglieder den Film als "unverschämte Lüge" bezeichnen ist dabei absolut logisch, doch jeder klar denkende Mensch dürfte doch sehr schnell erkennen, dass all das Aufgezeigte hier der Realität sehr nahe kommen dürfte, was auch ehemalige Mitglieder, wie der Autor des Buches "Das wahre Gesicht von Scientology", Wilfried Handl, schon bestätigt haben. Auf jedenfall ist "Bis nichts mehr bleibt" eine der sehr wenigen Empfehlungen, im heutigen Sumpf deutscher Fernsehfilme.
Wertung: 8/10 Punkte