Christopher Nolan gilt unter Filmkennern als einer der talentiertesten Regisseure der Neuzeit. Diesen hochtrabenden Titel trägt er, betrachtet man sein bisheriges filmisches Schaffen, auch nicht ganz zu unrecht. Mit dem Ausnahmewerk Memento, das über seine gesamte Lauflänge nicht chronologisch abläuft, erlangte Herr Nolan erstmals die Aufmerksamkeit der breiten Masse. Auf geschickte Art und Weise bemächtigte er sich über Raum und Zeit, um der breiten Filmlandschaft ein völlig neues und unkonventionelles Werk zu schenken. Sein nächster Streich war die Neuinterpretation der Batman Saga, mit der er den tot geglaubten Helden förmlich mit dem Defibrillator ins Leben zurückgerufen hatte. Weitere Lorbeeren konnte er mit dem hervorragenden Mysterythriller „The Prestige“ ernten, der sich nahtlos in die tadellose Filmographie einreihen darf. Mit Inception stand nun sein neuer Blockbuster ins (Licht)haus. Die Erwartungen an den Film waren aufgrund seiner bisherigen Werke entsprechend hoch. Doch um es kurz zu machen: Sie konnten vollends erfüllt werden.
Inception ist ein Film der trotz einer monumentalen Lauflänge von 148 Minuten zu keiner Sekunde von seiner versprühten Magie verliert. Dabei ist die Handlung selbst eigentlich eher peripher. Vielmehr sind es die vielen ineinander verschlungen Teilelemente, die das Geschehen maßgeblich ausmachen. Die gesamte Komplexität des Films wird hauptsächlich durch das Konzeptionelle erzeugt. Dabei wurde die visuelle Komponente vom Meister der surrealen Kunst M.C. Escher inspiriert, während man sich bei den psychologischen Aspekten, nämlich dem Unterbewusstsein, auf Sigmund Freud referenziert.
Trotz der enorm hohen Komplexität, in der Fehler fast vorprogrammiert wären, gelingt es Christopher Nolan, eine in sich logische und funktionierende Filmrealität zu schaffen. Das gezeigte hat wirklich Hand und Fuß und wurde tatsächlich fehlerfrei abgeliefert. Denn sein filmisches Konstrukt folgt klar vordefinierten Gesetzmäßigkeiten, die selbst für den kritischen Betrachter, im Rahmen des Filmkosmos, stets nachvollziehbar und stimmig sind. So wirkt sich beispielsweise der physikalische Zustand einer höher liegenden Ebene des Traums, stets auf die darunter liegende Trauminstanz folgenschwer aus. Somit ist es z.B. möglich, dass ein abstürzender Wagen der sich noch gerade im Fall befindet, durch das verzerrte Raum-Zeit Kontinuum, in der Realität der tieferen Ebene eine Schwerelosigkeit hervorruft. Diese Art der Verschachtelung erlaubt es dem Film völlig neue inszenatorische Wege zu gehen. So ist es z.B. Saito (Ken Watanabe) nicht möglich aus einer tiefer geschachtelten Traumwelt zu seinem Körper zurückzukehren, da dieser in der Realität bereits Bewusstlos ist.
Christopher Nolan appelliert an die ständige Wachsamkeit seiner Zuschauer, denn jede noch so kleine Unaufmerksamkeit wird bitter bestraft und wirkt sich überaus abträglich auf das Gesamtverständnis aus. Bis hier ist Inception das perfekte Meisterwerk ohne jegliche Schwachpunkte.
Doch mit einer einzigen, nicht zu vernachlässigenden großen Schwäche muss Inception dann doch kämpfen, nämlich dem Charakterdesign. Der Hauptprotagonist Cobb (Leonardo Di Caprio) ist ein gekränkter und psychisch labiler Mann, der sich vorwirft für den Tod seiner Frau verantwortlich zu sein. Leider ist er wegen seiner Zerrissenheit für den Zuschauer eher unzugänglich und somit avanciert die junge Traumarchitektin Ariadne (Ellen Page) mit fortlaufender Zeit zur Identifikationsfigur. Sie ist neu im Team und genau wie das Publikum mit den Gesetzmäßigkeiten noch nicht vertraut. Daher bietet sie den idealen Einstiegspunkt um die Zusammenhänge nachzuvollziehen. Man sollte jetzt nicht denken, dass der Charakter von Cobb weniger interessant gezeichnet wurde, im Gegenteil. Unter anderem darf man als Zuschauer in seine tief vergrabenen seelischen Abgründe steigen in denen seine Frau Mal (Marion Cotillard), als sein personifiziertes Unterbewusstsein auftaucht. Gerade diese Komponente gestaltet sich als facettenreich, blockiert aber auch wie bereits erwähnt jegliche Bezugspunkte zu Cobb.
Der Rest der Schauspielertruppe liefert eine durchwegs routinierte Leistung ab. Lediglich der Auftritt von Michael Caine verkommt dank gefühlten drei Minuten Screentime zur Nullrunde. Schade.
Fazit: Mit Inception bietet Christoher Nolan höchst anspruchsvolle Kost, die auf nahezu allen Ebenen überzeugen kann. Herr Nolan beweist mit seiner neuen filmischen Errungenschaft, dass er weiterhin der wohl talentierteste Regisseur Hollywoods ist. Er darf sich bei gleichbleibender Leistung bald darauf freuen, in einem Atemzug mit den ganz großen Pionieren und Visionären der Filmwelt genannt zu werden.