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Ferris macht blau (1986)

Eine Kritik von Carbusters (Bewertung des Films: 8/10)
eingetragen am 01.09.2009, seitdem 393 Mal gelesen


Abgesehen von seinem unbestrittenen, teilweise albernen Unterhaltungswert: Mit etwas gutem Willen sage ich „Ferris macht blau“ folgendes nach: Der Film ist anarchisch, originell, kulturkritisch, den Rahmen sprengend, das Genre gegen den Strich bürstend.
Wie komme ich darauf?


Ferris spricht permanent in die Kamera. Eine Meta-Ebene, ein Brechtscher Verfremdungseffekt, der dem (jungem) Filmpublikum viel zu selten zugetraut wird. Diese selbstreflexive Ebene passt bereits zum Folgenden, wo ich Ferris überdurchschnittliche Intelligenz usw. nachsage.


Denn Schulschwänzer Ferris schwänzt keinesfalls aus Faulheit, mangelndem Geschick oder Willen zur Destruktion. Viel eher wirkt er hochbegabt und damit unterfordert in einem Schulsystem, das abstumpft und jeden Spaß an Bildung raubt. So präsentiert es der Film, so kritisieren es auch diverse „Deschooler“ genannte Wissenschaftler, Künstler und Philosophen seit den 70er Jahren.


Diese Anti-Schul-Bewegung des „Deschooling“ („Entschulung“) (*) hat sicherlich als Inspiration für „Ferris macht blau“ gedient, wenn man z.B. liest, was laut Ivan Illich für reales Lernen nötig ist:

Dinge und Informationen; Menschen als Modell für Fähigkeiten und Werte; „peers“, Kritik und Ältere.


Denn, so der Theologe Illich: Ein Kind wächst in einer Welt der Dinge auf. Es ist umgeben von Leuten, die als Beispiel für Fähigkeiten und Werte dienen. Es findet Gefährten, die es zu Argumentation, Wettbewerb, Zusammenarbeit und Verständnis herausfordern; und, wenn das Kind Glück hat, ist es Konfrontation und Kritik von Älteren ausgesetzt, denen es wirklich etwas bedeutet.


Fällt den Ferris-Kennern etwas auf?! Genau all das findet in „Ferris macht blau“ statt. Wobei Ferris eher der Lehrende als der Lernende ist.


Eigentlich hat er ausgelernt. Und er ist ein positiver Typ, ein Techniker/Naturwissenschaftler (er bastelt komplizierte technische Apparaturen, um seine Eltern zu täuschen), er singt und tanzt auf einer großen Parade „Twist and Shout“ und entfesselt eine Riesenshow, mitten in Manhattan; seine Art des Schwänzens führt ins Kunstmuseum, wo die Jugendlichen in die Betrachtung impressionistischer Klassiker versinken; er hat eine feste Freundin – statt nur, wie im durchschnittlichen Teenie-Film, eine Freundin oder ein Sexobjekt zu SUCHEN. Wo normalerweise die Suche die Hauptsache ist, sind Ferris und Sloane bereits wie Eltern für Cameron.


Damit ist Ferris auch, trotz Schwänzens/“Gesetzesbruchs“, eine Art bürgerliches Rollenmodell. Dazu gehören seine eigenartige Barettmütze, sein Glaube an technische Machbarkeit und sein hemmungsloses Konsumieren auf höchstem Luxusniveau, was ihn zum mustergültigen Vertreter des westlichen Lebensstils/-Ideals macht.


Aber mehr noch, wie oben gesagt, er ist zugleich eine Art Lehrer, dient als Vorbild für MitschülerInnen und die engsten Freunde Sloane und Cameron, ganz im Kontrast zu den wirklichen Lehrern (die ihre Schüler mit unerträglichem Frontalunterricht in Katatonie versetzen), dem verkorksten, lebensuntüchtigen Direktor (in seinem Überwachungs- und Spionagewahn ein Hinweis auf die paranoide Kommunistenhatz der McCarthy-Ära?) und der doofen Schulsekretärin. Auch Ferris' naive Eltern glänzen nicht gerade durch Menschenkenntnis (wenn sie Ferris' Kindchem-Spiel bedenkenlos glauben) oder Geistesgegenwart (wenn sein Vater nicht vermag, im rennenden Ferris seinen Sohn zu erkennen).


Die Komödie speist sich nicht aus dem Versagen des Helden; vielmehr ist Ferris durchgehend „erfolgreich“ (ganz anders als die Erwachsenen): Er ist ein „Macher“, als Bastler, Organisator, Menschen-Manipulator, Tänzer, Sänger und, am Ende, als Sportler/Hindernisläufer (wenn er durch die Suburbia-Vorgärten nach Hause rennen muß, um seinen Eltern zuvor zu kommen). Damit erinnert er an den bastelnden, rennenden, „erfolgreichen“ Buster Keaton aus „Der General“ und „Steamboat Bill, Jr.“. Und vor allem wird Ferris von seinen Mitschülern geliebt (am deutlichsten bei ihrer Spendenaktion „Save Ferris!“, um den bemitleideten, „kranken“ Ferris zu retten).


Zuletzt reizt mich auch noch der Exkurs, auf die symbolische Funktion des Autos zu verweisen, des berüchtigten „Roten Ferraris“, der ja auch, bei manchen Fassungen des Films, zentral auf Cover oder Plakat präsentiert wird. Im Film wird schon konkret erwähnt, welche Macht und Funktionen ihm die Personen übertragen (zuallererst als Vehikel zum Ausstieg, zum „Davonfliegen“, auch der Parkwächter; aber auch als Kindersatz, Fetisch usw.).


Aber auch dem Drehbuch dient der Ferrari als Symbol, für die museal erstarrte Erwachsenenwelt. Bei Camerons „Erwachen“ durchbricht er in einer gewaltigen Explosion die gläsernen Wände seines Gefängnisses; noch kurz zuvor zeigte das Auto, dessen Tacho nur vorwärts geht, daß sich eine bereits erfolgte Entwicklung nicht zurückdrehen lässt: Weder das gesetzesbrecherische Schwänzen, noch die Reifung, das Erwachsenwerden lassen sich zurückdrehen. Sie streben alle nur in eine Richtung.


Wobei interessant am Roten Ferrari ist, daß er erst dem Weg in die Freiheit dient, dann aber, beim nächsten Schritt in die Freiheit, zerstört wird. Die Zerstörung ist sogar nötig, denn das Auto löst in „besonderem Maße Regressionen“ aus und macht damit „Autofahrer zeitweilig zu Kindern, ohne daß die Betroffenen es unbedingt bemerken“, wie der Psychoanalytiker Micha Hilgers schreibt (**).


Hilgers notiert sogar weiter zum Thema „Auto und Selbstentwicklung“, genau abgestimmt auf „Ferris macht blau“: „Die kindliche Selbstentwicklung spielt sich maßgeblich auf dem Feld der Bewegung ab. […] Auto und Motorrad ermöglichen […] das Gefühl eigener Größe und Grenzenlosigkeit. […] Das Auto bietet ein Refugium für infantile Größenphantasien und […] erfüllt die Funktion von Rausch und Ausstieg. […] Das zeitweilige Ausleben von Größenphantasien und die Leugnung persönlicher Grenzen befreit von den Zwängen und Beschränkungen der Realität. […] Das Auto wird zur sozialen Droge, allgemein akzeptiert.[...] Ohne Anrüchigkeit, als Rausch ohne Fahne und als Refugium der Seele ist es viel zu ideal, als daß es einem reiferen Umgang […] Platz machen wird.“ Doch, wie bei Drogen üblich: Im Erfolg liegt schon der Rückschlag: „Mit dem Besteigen des Autos findet […] eine Regression des Ichs […] statt, so daß sich Wahrnehmung, Affekt, Realitätsprüfung und Verhalten infantilisieren.“


Soweit Micha Hilgers. Die Leistung des Films liegt darin, daß den Jugendlichen (und Camerons unsichtbarem Vater) tatsächlich eine Weiterentwicklung gegönnt wird, ein „reiferer Umgang“, indem das Auto, das erst der Entwicklung diente, dann aber wie jedes Auto (aufgrund seiner Natur) zugleich zur Infantilisierung, zur Regression führt, am Ende abgeschafft, weil zerstört wird.


Womit die Personen tatsächlich einen Schritt weiter kommen. Eine Stufe über das Auto hinaus (das stets regressiv wirkt). Was sich vielleicht in Ferris' rasanter Fußbewegung äußert: in dem rasanten Sprint, mit dem er die Geschichte zum glücklichen Ende bringt.


(*) http://de.wikipedia.org/wiki/Entschulung

(**) Micha Hilgers, „Total abgefahren – Psychoanalyse des Autofahrens“, Freiburg/Breisgau, 1992


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