Die Briten gelten im allgemeinen als deutlich reservierter und zurückhaltender, aber auch verkrampfter und verklemmter als ihre häufig extrovertierteren und lockereren US-amerikanischen Sprachverwandten. Auch der sprichwörtliche englische Humor schlägt meist wesentlich leisere und subtilere Töne an als ihr nicht selten polterndes und plakatives Pendant aus Übersee. Vielleicht liegt es an diesen trotz aller Klischeehaftigkeit nicht gänzlich wegzudiskutierenden Mentalitätsunterschieden, dass englische Film-Komödien und Dramen oft berührender, hintersinniger und letztlich lebensechter wirken. Mit Kitsch, Pathos oder albernen Späßen - durchaus gängige Ingredienzien in Hollywood-Produktionen - wird man kaum konfrontiert.
So gesehen ist es durchaus eine erfreuliche Nachricht, dass der Film über den stotternden Monarchen George VI. ein größtenteils britisches Gemeinschaftswerk geworden ist. Schließlich geht es ja auch um die eigene Geschichte und die lässt man sich traditionell eher ungern vom großen Bruder (um-)interpretieren. Zumal sowohl des Königs Handicap wie auch seine identitätsstiftende Funktion während des Zweiten Weltkriegs die eine oder andere Steilvorlage für einerseits derbe Späße und andererseits pathetisches Getöse böten.
The King´s Speech tappt glücklicherweise in keine dieser Fallen, im Gegenteil. Regisseur Tom Hooper fand eine stimmige Balance zwischen leisen, humorvollen und dramatischen Momenten. Dass sein Film nie zu komisch, zu theatralisch oder zu rührselig wird, ist aber insbesondere den grandiosen Darbietungen des Hauptdarstellerduos geschuldet. Vor allem Colin Firth zeigt als stotternder König wider Willen eine phantastische Leistung, die ihm völlig zu recht seine zweite Oscar-Nominierung einbrachte und selbst den Vorsitzenden der britischen Stotterervereinigung überzeugen konnte. Ohne übertriebenes Chargieren oder verbissenes Method Acting schafft er es fast unmerklich - nur durch Blicke und Körperhaltung - die tief sitzenden Unsicherheiten seines öffentlichkeitsscheuen und introvertierten Charakters herauszuarbeiten.
Um so zu brillieren, ist ein ebenbürtiger Gegenüber unerlässlich. Geoffrey Rush ist ohne Frage ein Glücksfall für The King´s Speech, vor allem aber für Colin Firth. Sein extrovertiertes, teilweise zum Overacting neigendes Spiel harmoniert wunderbar mit Firths wesentlich zurückhaltenderem Ansatz, zumal Schauspielstil und Rollenprofil jeweils eine symbiotische Einheit bilden.
Der von Rush verkörperte, australische Sprachtherapeut Lionel Logue ist in jeder Hinsicht das krasse Gegenteil seines berühmten Patienten. Aus einfachen Verhältnissen stammend, ohne medizinische Ausbildung oder gar ärztliche Zulassung, ist er felsenfest von seinen Fähigkeiten überzeugt. Wenn der selbstbewusste, lebenslustige Autodidakt und der von permanenten Selbstzweifeln gepeinigte, leicht aufbrausende Adelsspross aufeinandertreffen, sprühen regelrecht die Funken. Die völlig unterschiedlichen Charaktere bieten dabei sowohl dialogisch wie mimisch ein ungeheures Spektrum an Entfaltungsmöglichkeiten, das sowohl vom Drehbuch, wie auch den beiden Darstellern geradezu genüsslich ausgeschöpft wird.
Im besonderen gilt dies für die „Kennenlernphase" der beiden Protagonisten, wenn man sich gegenseitig beschnuppert und das für ein funktionierendes Arzt-Patienten-Verhältnis so unerlässliche Vertrauen erst aufgebaut werden muss. Wenn Logue den völlig verdutzten Prinzen mit seinem Spitznamen „Bertie" anredet - schließlich beruht sein Erfolgsrezept auf absoluter Gleichstellung zwischen Therapeut und Patient - und ihm ungeniert Fragen über Privatleben und Kindheitserinnerungen stellt, oder den auf strengste Etikette achtenden Adeligen zu nicht gerade anmutigen Leibesübungen und äußerst weltlichen Kraftausdrücken ermuntert, dann ist das teilweise brüllend komisch ohne allerdings je ins Lächerliche abzugleiten.
Vor diesem Hintergrund ist es zu verschmerzen, dass sich der Film weit mehr für die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft interessiert, als für die korrekte Aufarbeitung einer ohnehin wenig bekannten historischen Episode. So konnte Logue den späteren König zwar tatsächlich von seinem Leiden kurieren, das aber bereits 1927 und nicht erst zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, wie uns der Film aus offensichtlichen dramaturgischen Gründen glauben machen will. Auch die belegten Sympathien von Alberts Bruder Edward für den Nationalsozialismus werden ordentlich verniedlicht. Zu guter letzt wird der in Wahrheit mehr als reservierte Winston Churchill (Timothy Spall als einzige klare Fehlbesetzung) kurzerhand zum Sympathisanten des blaublütigen Stotterers uminterpretiert. Beides passte wohl nicht so recht ins Bild vom harmonischen Schulterschluss zwischen Politik und Königshaus und dem deutlich durchschimmernden patriotischen Grundtenor des Films.
Etwas schwerer wiegt dagegen schon die doch recht simpel gestrickte Dramaturgie, die sich am altbewährten Dreiakt-Muster zahlloser Beziehungsdramen bzw. -komödien orientiert: Kennenlernen - Krise - Versöhnung. Ganz traditionell sind dabei auch die jeweiligen Stimmungslagen angelegt: amüsant - dramatisch - anrührend. Im finalen Akt - wenn König George VI. die erste seiner berühmten Kriegsansprachen hält - gehen dann zudem doch noch etwas die Pathospferde mit dem ansonsten unauffällig inszenierenden Hooper durch. Zum zweiten Satz aus Beethovens 7. Symphonie kämpft sich der Monarch durch seine erste stotterfreie Rundfunkansprache und leistet damit seinen ganz persönlichen heroischen Beitrag zum eisernen Widerstand und Durchhaltewillen seiner Untertanen im Zweiten Weltkrieg.
Wer aber die nach wie vor enorme Bedeutung dieser Zeit für die britische Volksseele kennt - bis heute hadern nicht wenige immer noch mit der Tatsache, dass trotz des Sieges über Nazideutschland das Empire endgültig verloren ging -, kann den pathetischen Unterton schon fast wieder als Understatement werten. Womit wir dann doch wieder bei der vermeintlich typischen britischen Zurückhaltung wären.