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Larry Cohen ist der Filmwelt vornehmlich als Low-Budget-Filmer ein Begriff und so verwundert es auch wenig, daß er zeitgleich zu Die Wiege des Bösen, den er an den Wochentagen drehte, an den Wochenenden noch an Heiße Hölle Harlem arbeitete. Interessant ist dabei sein Umgang mit dem selbst verfassten Stoff, der in eine andere Richtung geht, als man es vielleicht von einem Horrorfilm ab 18 Jahren - zumal mit Spezial-Make-Up-Effekten von einem gewissen Rick Baker, der hier allerdings noch am relativen Beginn seiner Karriere stand - erwarten würde. In den USA scheint man dann den Film auch anders verstanden zu haben, weshalb er lediglich mit einem PG-Rating belegt ist.
Man darf sich dabei nicht vom Vertrieb durch Warner irritieren lassen, zumal der Erfolg der jungen Wilden die Tore für ein neues Hollywood geöffnet hatte. Durchaus in den Taten brutal, jedoch elliptisch dargestellt, hält Cohen begleitet durch einen Score von Bernard Herrmann der Gesellschaft einen schonungslosen Spiegel vor, den sich nur ein unabhängiger Filmemacher erlauben würde.

Zum Zeitpunkt des Drehs hatten die Amerikaner nach dem finalen Abzug der Truppen aus Vietnam eine größere Atempause, die Wunden zu lecken und sich wieder an den Früchten des Wohlstandes zu erfreuen. Cohen reflektiert in Die Wiege des Bösen den Nebeneffekt der gut entwickelten Zivilisation, die eigentlich wie im Mittelalter in den eigenen Fäkalien stand, wenn man die Probleme als durch den Menschen verursacht wahrnimmt.
Seine Hauptfiguren sind gut situierte Bürger, die ihr zweites Kind erwarten. Als Lenore Davis im Kreißsaal mit den Schmerzen kämpft, wartet ihr Mann Frank in einem Aufenthaltsraum, wo bereits einige fundamentale Probleme aufgezeigt werden. Beim Blick aus dem Fenster wird der Smog angesprochen. Ein Mann steckt vergeblich 50 Cent in einen Automaten, um sich kurz darauf an einer neuen Maschine zu versuchen. Ein klarer Fingerzeig auf die Dominanz der Automatisierung. Wichtiger für die Geschichte jedoch die Bemerkung eines Schädlingsbekämpfers, der berichtet, mit einem Gift eine noch resistentere Art von Kakerlaken erschaffen zu haben.

Lenore schenkt einem Monster das Leben. Mit seinen Fängen und Klauen metzelt es das gesamte anwesende Personal zu Boden und kann schließlich entfliehen. Larry Cohen zeigt wie gesagt wenig explizites Bildmaterial, verläßt sich auf den Schrecken, den der Gedanke an die Mutation als eigenes Fleisch und Blut hervorrufen kann. Wesentlicher noch sind die anschließenden Fragen. War die Mutter radioaktiver Strahlung ausgesetzt? Ein Vertreter eines Arzneikonzerns fürchtet um den Ruf der Firma und wünscht die sofortige Vernichtung des Babies, obwohl der Körper bereits für wissenschaftliche Zwecke freigegeben wurde.
Die Wiege des Bösen greift so auch die Angst der 50er Jahre auf, die nach zahlreichen Atomversuchen und den Folgen des realen Einsatzes nicht unbegründet war. Auch der Contergan-Skandal der 60er Jahre bildet ein greifbares Vorbild, das für ein heutiges Publikum vielleicht schon zu sehr in Vergessenheit geraten ist. Seine Parabel legt Cohen dem am Boden zerstörten Vater Frank in den Mund. Dieser erzählt von seiner veränderten Sichtweise auf Frankenstein. Als Kind habe er gedacht, das Monster, Boris Karloff, sei Frankenstein gewesen. Erst später, als er den Roman gelesen habe, sei ihm klar geworden, daß der Wissenschaftler Frankenstein gewesen sei.

Klammheimlich wendet sich Cohen so an sein Publikum, weist ausdrücklich auf die Schuld hin, die bei durch den Menschen geschaffenen Ausgangsbedingungen nicht beim mordenden Baby zu suchen ist, sondern bei den Verursachern. Gleichzeitig dazu findet eine reaktionäre Hetzjagd statt, die humanistisches Denken in den Grenzbereich führt. Kann so ein durch Menschen gezeugtes Monster überhaupt als Mensch bezeichnet werden? Weches Recht kann der Mensch haben, gerade geborenes Leben zu töten, das ohne besseres Wissen wie ein Tier alles anfällt, was ihm in die Quere kommt?
Welches Recht hat der Mensch überhaupt, Neu- oder Ungeborene zu töten? Die Lesart als Abtreibung scheint recht fern. Doch in den USA wurde gerade 1973 mit der Roe v. Wade Entscheidung ein revolutionäres Urteil gefällt, das Schwangerschaftsabbrüche unter das Recht der Privatsphäre stellte. Geht man vom Gedanken einer abtreibenden Mutter aus, die in ihr wachsendes Leben ohne emotionale Bindung als abscheuliches Monster empfindet, so mag Die Wiege des Bösen selbst diesen Aspekt auf erstaunlich virtuose Weise abzudecken.

Tatsächlich funktioniert in beiden Fällen die im Film dargestellte Beziehung der Eltern zu ihrem Sprößling. Ob sie nun im Wohlstand einen weiteren Nachkommen als störend empfinden, ob die Pille eine Rolle gespielt hat, oder andere Umwelteinflüsse diese Mutation kreierten, Lenore und Frank Davis haben ein Kind und müssen nun überlegen, ob sie dieses kompromißlos akzeptieren und auch lieben können.
Hier berührt Larry Cohen mit seiner Fantasy-Tragödie voll den Boden der Tatsachen, denn alle Eltern fragen sich irgendwann, was für ein Monster sie zur Welt gebracht haben. Doch egal, was das Kind anstellt, es ist eben ihr Fleisch und Blut.

Wie zwischenzeitlich erwähnt, ist Die Wiege des Bösen für ein heutiges Publikum vielleicht schwerer zu rezipieren, als für ein zeitgenössisches. Leider verstecken sich die Hinweise für eine durchaus anregende Auseinandersetzung mit dem Film nicht nur in subtilen Bemerkungen, sondern die Machart, vielleicht bedingt durch hektische Drehbedingungen und niedriges Budget, wirkt insgesamt doch etwas zähflüssig. Ob das angesprochene Horrorpublikum sich schließlich noch über das Bierglas hinweg darum schert, was Larry Cohen mit dem Film aussagen oder welche Gedanken er anstoßen könnte, ist ferner fraglich. Doch in Zeiten, wo ein Sender wie Arte die Nähe zum Trash sucht, hat Die Wiege des Bösen vielleicht wieder Aussicht auf eine neue Generation von Zuschauern, die über den Chic des Alten und Billigen neuen Zugang zur Tiefgründigkeit derartigen Schundes erlangt.

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