In einer Zeit in der alles was in irgendeiner Form das Etikett „retro" verdient wieder massiv en vogue scheint, ist es nur konsequent, wenn auch das sich so gerne als unbedingt innovativ und visionär definierende Science-Fiction-Kino an die Neuauflage eines einst wegweisenden Genrefilms wagt. Zwar war 1982 das Potential von Tron weder vom zahlenden Publikum noch von den Kritikern angemessen gewürdigt worden, in der Folgezeit erlangte die seinerzeit revolutionäre Disney-Produktion allerdings Kultstatus.
Tron bot als erster Spielfilm längere computergenerierte Passagen und inspirierte zahlreiche spätere Special-Effects-Größen und Regisseure zur intensiven Beschäftigung mit dieser neuartigen Technologie. Heute entstehen nicht selten ganze Filme am Rechner, so gesehen ist der Zeitpunkt für die Wiederbelebung eines Films über virtuelle Welten perfekt gewählt.
Tron: Legacy funktioniert dabei in erster Linie nach dem aus anderen Bereichen bestens bewährten „Retro-Rezept". Ob Autos, Kaffeemaschinen oder Kühlschränke, stets bleibt das ursprüngliche Design im Kern unangetastet und wird nur sehr moderat modernen Sehgewohnheiten angepasst. Veränderungen gibt es dagegen auf der technischen Seite, die meist eine massive Frischzellenkur erfährt.
So wirkt das Original im Vergleich zur Neuauflage wie Daumenkino. Das späte Tron-Sequel gehört audiovisuell zweifellos zum beeindruckendsten, was in den letzten Jahren über die Leinwände flimmerte. Ein unglaubliches Produktion-Design generiert pompöse Settings und Bilder von ungeheurer Klarheit, Transparenz und Leuchtkraft. Design-Fetischisten mit Hang zum Puristischen werden an der neonleuchtenden Geometrie und dem kühl-futuristischen Look ihre helle Freude haben. Man ist geneigt sich von Bilderflut in Kombination mit den wummernden Soundteppichen der französischen House-Avantgardisten "Daft Punk" regelrecht überrollen zu lassen.
Dem optischen Fest steht allerdings (mal wieder) narrative Hausmannskost gegenüber. Im Endeffekt geht es lediglich darum, dass ein Sohn seinen verschollenen Vater sucht. Der Computerhacker Kevin Flynn (Jeff Bridges) war einst nicht ganz freiwillig in die unendlichen Weiten des Cyberspace entschwunden. Er war plötzlich Gefangener einer von ihm selbst entworfenen virtuellen Realität, in der humanoide Wesen futuristische Gladiatorenkämpfe und Motorradrennen austrugen.
Bei Nachforschungen in Daddys alter Spielhalle wird der inzwischen herangewachsene Sam Flynn plötzlich ebenfalls in diese künstliche Welt teleportiert. Dort regiert der finstere Clu - ein Computerprogramm das die dunkle Seite Kevin Flynns verkörpert und diesem gleicht wie ein Ei dem anderen (Bridges ist hier durch das Benjamin Button-erprobte "facial-capture"-Verfahren künstlich verjüngt worden). Gemeinsam versuchen nun Vater und Sohn aus der Cyber-Hölle zu entkommen und gleichzeitig Clu daran zu hindern die reale Welt zu übernehmen.
Das klingt nach einem 08/15-Plot aus Sci-Fi-Groschenheften der 1950er Jahre? Richtig! Die Grundkonstellation würde auch jedem B-Actionfilm gut zu Gesicht stehen? Wieder richtig! Um diese offensichtliche Simplizität des Geschehens zu kaschieren, wird die Geschichte mit allerlei verschwurbeltem philosophischem Geplänkel aufgeladen, das vor allem Bridges als eine Art Cyber-Buddhist dem Publikum als bedeutungsschwere Inhalte verkaufen soll.
Auch dramaturgisch hat Regiedebütant und Werbefilmer Joseph Kosinski durchaus noch gehörig Platz auf seiner Festplatte. So ist die erste Filmhälfte erheblich temporeicher und actionlastiger ausgefallen. Mit zunehmender Dauer verheddert sich der insgesamt zu lang geratene Film in dem bereits erwähnten (vergeblichen) Versuch, seiner dünnen Handlung mehr Tiefe zu verpassen.
Aber auch an der Anordnung optischer Höhepunkte hapert es. Die visuell beeindruckendste und rasanteste Sequenz ist ohne Zweifel die Lichtrenner-Jagd, sozusagen eine Cyber-Disco-Variante des legendären Wagenrennens aus Ben Hur. Eine solche tricktechnische Extravaganza in der Mitte des Films zu verheizen ist nicht nur unentschuldbar, sondern zeugt auch von wenig Gespür für das Medium Spielfilm. Natürlich kann die obligatorische finale Konfrontation da nicht einmal ansatzweise mithalten.
Außen hui, innen pfui. Auf diese banale Formel lässt sich auch Tron: Legacy runterbrechen. Wenn allerdings die Hülle aus super-schicken selbst-leuchtenden Neonanzügen, dreidimensionalen Räumen von ungeheurer Plastizität (endlich wird das nach Avatar häufig dilettantisch eingesetzte 3-D-Verfahren wieder einmal überzeugend angewandt), extravaganten Designs und in dieser optischen Verpackung nie dagewesenen Actionszenen besteht, kann man sich im Kino auch einfach mal nur berauschen lassen. Tron: Legacy ist wie gemacht für die große Leinwand und leistungsstarke Soundsysteme. Eine audiovisuelle Granate par excellence. „Style over Substance" in Reinkultur, keine Frage. Aber wer braucht bei so viel „Style" überhaupt noch „Substance"? Willkommen in der (wunder)schönen neuen Computerwelt.