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TRON: Legacy (2010)

Eine Kritik von Backförmchen (Bewertung des Films: 7/10)
eingetragen am 30.10.2011, seitdem 336 Mal gelesen


Sam Flynn (Hedlund) ist ein rebellisches Waisenkind. Aufgrund seiner Mehrheitsanteile an dem Encom-Konzern ist er finanziellen Problemen nicht ausgeliefert und hat im Prinzip nur Flausen im Kopf. Sein Vater verließ ihn, als er gerade etwa sieben Jahre alt war und dieser Umstand lässt ihm seit nunmehr 20 Jahren keine Ruhe. Eines Tages erreicht ihn die Nachricht, dass aus der alten Spielhalle seines Vaters eine Pager-Nachricht abgesetzt wurde. So macht er sich auf den Weg, die verlassenen Pfade des verschollenen Elternteils erneut zu betreten. Oder vielleicht ist er ihm sogar näher als er glaubt.

In einer geheimen Kammer findet er ein Terminal mit einer rückwärtig eingebauten Laserapparatur, die den Sohnemann ohne Umschweife in die Welt beamt, die sein Vater Kevin und dessen Kollaborateure einst von der Unterwerfung befreiten und neu aufzubauen versuchten. Kaum in der Welt der Daten angekommen, wird Sam auch schon als Gladiator zwangsrekrutiert und darf an Kämpfen teilnehmen, bei denen ein Versagen potenziell mit Auslöschung geahndet wird. Der Machthaber in dieser Welt ist Clu, ein Programm von Kevin Flynn und sein Ebenbild. Clu hat die Welt unter seine Kontrolle gebracht und gestaltet sie nach seinen Vorstellungen. Vorstellungen, die sich von denen von Kevin grundsätzlich unterschieden. Dies führte zu einer persönlichen Verwerfung, die Flynn letztlich aus seiner eigens geschaffenen Welt ins Exil trieb. Das letzte Wunder des Rasters, personifiziert durch Quorra (Wilde), ist die Lösung für das Problem der Befreiung von allen Fesseln dieser Welt. Ein Programm, was sich natürlich gebildet hat und das letzte Überlebende einer ausgelöschten Rasse.

Sohnemann hat also direkt mehrere Aufgaben in dieser Welt zu bewerkstelligen, Kampf gegen Vaters Programm, Versöhnung mit dem Vater und – wenn man so will – die Rettung seiner Schwester.


The yellow brick road

Die Assoziation zwischen unserer heutigen Welt und der kreierten Welt ‚des Grids’ ist so aktuell und so augenfällig, wie schon im Jahre 1982, als der ursprüngliche erste Teil das Licht der Welt erblickte. Direkt zu Beginn wird das Raster als eine Struktur von Straßenzügen mit darauf laufenden Prozessen (in Form von fahrenden Autos) aufgezeigt, so dass die Analogie an sich natürlich kein Geheimnis ist. Wir sind alle Programme. Und wir funktionieren alle.

Wo „Tron“ damals das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine auslotete, das Verhältnis zwischen User und Programm als grundsätzliche Abhängigkeit offenbarte und der User in der Welt der Programme eine höhergestellte Figur abbildete, so spielt „Tron Legacy“ das Verhältnis zwischen Mensch und Natur durch. Dieses Verhältnis in den Raum einer virtuellen, geschaffenen Realität zu verfrachten, ist so wirr, wie es eigentlich genial ist. Denn auf der Erzählebene gewinnt das System eine eigene gewachsene Natürlichkeit, die Flynn zu bewahren im Sinn hat, was jedoch Clu, dem eine Natürlichkeit natürlich vollkommen abgeht, nicht schmecken kann. Er möchte lieber selbst zur Natur werden und will das System über den Weg verlassen, den Flynn gekommen ist. Damit ist es mit dem Spiel der Gegensätze noch nicht vorbei. War im Erstling die Bestrebung des MCP, menschliche, digitalisierte Macht in einem System zu vereinen, so ist es hier die Bestrebung von Clu, die digitale Macht, aus dem System heraus in die Welt der Menschen zu expandieren. So schnell kippen befreite Welten in eine neue Diktatur.

Dies ist auch die konsequente Weiterentwicklung der gesamten Thematik von „Tron“. Kam Flynn 1982 als User in die digitale Welt, so will Clu in die Welt, aus der sein quasi göttlicher Schöpfer gekommen ist. Als Fortsetzung des im Subtext ebenfalls sehr philosophisch und religiös angehauchten Erstlings, wirkt die Fortsetzung überraschend konsequent.


Were the circuits like freeways?

Wie schon im Erstling können die Interpretationsmöglichkeiten nicht über die Schwächen hinwegtäuschen, die dem Film auf der formalen Ebene unterlaufen. Die nachhaltige Wirkung jener Überlegungen, wie sich die einzelnen Elemente zusammenfügen und deuten lassen, sind nämlich eine Aufgabe für die Zeit nach der Sichtung des Filmes. Während der Sichtung jedoch, fallen andere Elemente viel mehr auf und beeinflussen den Eindruck.

Denn hierbei gibt es weit mehr als einige wenige Probleme. Der neue Film stolpert über die gleichen Hindernisse, wie schon der Urvater. Der visuelle Stil überschattet den Inhalt in seinem Bombast. So schön sich nämlich die Interpretation lesen mag, auf der Erzählebene bleibt davon kaum mehr zurück, als ein grobes Gerüst, das die Charaktere und ihre Ziele verknüpft. Als Handlung bleibt eine Mixtur aus altbekannten Versatzstücken übrig, die man in ihrer Form schon das eine oder andere Male bewundern durfte. Als problematisch erweist sich auch, dass es keine echten Sympathieträger gibt, da der Held des Filmes mit seiner unnahbaren Art dies nicht vermitteln kann. Und wie schon im Vorgänger bleibt die titelgebende Figur Tron eigentlich bei der Handlung außen vor. Da fragt man sich schon, wie man denn auf die Idee kam, eben jenen Titel zu vergeben, mal abgesehen davon, dass er eben cool rüberkommt.

Dass es Erkennungsmerkmale vom Vorgänger erneut zu sehen und erleben gibt, wie Diskusduelle, das typische Motorradrennen und auch eine Sequenz mit einem Lichtsegler, mag kaum verwundern. Die anderen Zutaten jedoch wirken arg zusammengeklaubt aus anderen Titeln des Sci-Fi-Genres. So kommen die massenhaften Truppenaufmärsche in Formation und die Flugverfolgungsjagd mit Sam an der Flag rüber wie ein Durchmarsch durch die „Star Wars“-Filme. Die gesamte Flugsequenz erinnerte entfernt an „Titan A.E.“. Die Exposition des Jungspundes Sam als todesverachtender Outlaw, kann direkt in einem weiteren Sequel der „xXx“-Reihe übernommen werden. Hier spielen Konventionen die erste Geige, dem jugendlichen Publikum einen Tausendsassa vorzustellen, der nicht nur mit Computern umgehen kann, sondern auch allem und jedem den Mittelfinger zeigt. Nicht zuletzt hat ein Automat des Motorrad-Spiels mit dem Titel „Tron“ die Funktion eines Schrankes der Marke „Narnia“’, mit einer dahinter verstecken Welt. Wie man es auch dreht und wendet, alle diese Versatzstücke hat der Film eigentlich nicht nötig und präsentiert sie dennoch stolz und ohne Scham.


A digital frontier

Das Umfeld, die urbane Welt der Programme, die Annäherung an die reale Welt, ist natürlich noch deutlicher angesetzt, als es im Erstling möglich oder gewollt war. Die Blaupausen sind reale oder entlehnte Gebäude, in denen das Geschehen stattfindet. Der Rest ist Licht. Licht ist das Thema des Filmes. Überall Licht. Der optische Reiz, den der Film ausstrahlt, ist freilich beeindruckend.

Viel wichtiger ist allerdings der Auftritt der CGI-Effekte, die es zu bewundern gibt. Die gesamte Performance ist ein Augenschmaus. Ein Favorit ist hier freilich auch wieder die Sequenz mit dem Motorrad-Spiel. Sind die Sets mal reell gebaut, wie einige Locations, in denen die Erzählung ihren Verlauf nimmt, fungieren diese durch die konsequente Illumination mehr als künstlerische Installation, weniger als ein funktionaler Raum. Die Designs sind phantastisch. Die Lichtstrukturen und mit Licht konturierten Objekte, die das Handlungsfeld definieren, erstrahlen in vollem Glanz.

Wo wir uns bei „Tron“ grundsätzlich auf einem Feld von quasi abstrakter Kunst bewegen, Lichtlinien und beleuchtete Flächen den Raum definieren, scheitert der Film technisch auf dem Feld des Fotorealismus. Die Rückblenden in vergangene Tage und insbesondere die Notwendigkeit eines jungen Jeff Bridges als altersloses Programm Clu, drängten zu einer besonderen Verjüngungskur der digitalen Art. Rückblickend muss man allerdings sagen, dass das nicht nur reichlich albern, sondern auch ernsthaft missraten aussieht. Das zaubert einem ein Schmunzeln ins Gesicht und es raubt dem Film einen Teil Ernsthaftigkeit.


What did they look like? Ships, motorcycles?

Grandios wirkt Bridges als Gefangener seiner eigenen Vision. Zwischen Gleichgültigkeit und Hoffnung sitzt er sein eigenes Versagen aus und führt seinen Sohn dennoch zur Lösung des Rätsels. Solide wirkt der Neuling Garrett Hedlund, der als Sam Flynn schelmisch den Großteil des Filmes stemmt, aber als Held und Bezugsperson nicht vollends punkten kann. Bezaubernd geradezu ist die Darstellung von Quorra durch Olivia Wilde, die zwar schon einige Rollen absolviert, sich aber vornehmlich durch ihre Darstellung von ‚13’ in der Serie „House“ einen größeren Bekanntheitsgrad erspielt hat. Sie pendelt ihren Charakter genau zwischen den Extremen aus. Ihr gelingt die Abgeklärtheit über die Geschehnisse auf dem Raster, aber dazu analog die niedliche Inkompetenz, wenn es um Zwischenmenschlichkeit und Kommunikation geht. Sie ist eine schöne Besetzung für die systemische Natürlichkeit, die der realen Welt den Segen bringen soll. Was von der Darstellung jedoch gar nicht geht ist die Rolle des Barbesitzers dargestellt von Michael Sheen, der eine Reminiszenz an zwielichtige Charaktere des Cyberpunk-Genres darstellt, allerdings in so einen Film nicht recht passen will. Überhaupt passt die Sequenz in der Bar nicht in das Geschehen, dafür sieht das prächtig ausgeleuchtete Set nicht düster genug aus.

Ein Charakter des Filmes soll aber nicht vergessen werden. Ein ganz wichtiger Darsteller, der über das gesamte Geschehen seine schützenden Hände hält. Die Musik. Die gesamte Score, den das DJ-Duo Daft Punk für diesen Film kreierte ist übermächtig und grandios. Er fügt den Geschehnissen die passende Größe hinzu. Ein ehrlicher Vergleich mit dem avantgardistischen Score von Wendy Carlos zu Teil eins ist wahrlich nicht möglich. Aber für diese visuelle Achterbahnfahrt ist die breite, ausladende Musik mit ein paar wenigen Grundthemen genau richtig.


You got in! – Was vom Vermächtnis übrig bleibt

Gut. Nach dem mystischen Meisterwerk mit Kultstatus von 1982 ist nun also der Nachfolger verfügbar und er ist recht gut gelungen. Die Befürchtung bestand, ein Nachfolger könnte einer Simplifizierung des Stoffes unterworfen werden, so dass die Geschichte bis auf Motorradrennen und Diskusduelle nicht mehr viel zu bieten hätte. Dem ist glücklicherweise nicht so. Zwar muss man schon genau hinter die Schauwerte blicken, um den eigentlichen Inhalt wahrzunehmen, aber er ist da. Die Schauwerte hingegen verzaubern auf allen Ebenen und sogar die Ohren werden erfreut. Einzelne Elemente des Gesamtverlaufes sind nicht gänzlich gelungen, im Großen und Ganzen ist das aber ein gutes Stück Kino. Den Status vom Original und einen vergleichbaren Platz in der Filmgeschichte wird die Fortsetzung nicht erreichen.

LOAD"TRONLEGACY",8,1


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