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Halbe Treppe (2002)

Eine Kritik von Arminowitsch (Bewertung des Films: 9/10)
eingetragen am 13.01.2004, seitdem 706 Mal gelesen


Das pure Leben

Andreas Dresens "Halbe Treppe" bildet das pure Leben, die blanke Wirklichkeit eindrucksvoll ab. Es geht um das Leben zweier befreundeter Paare, die beide in eine Krise geraten und gedrängt werden, ihr Leben umzukrempeln. Den Chris, ein Horoskop-Spezialist aus dem Radio und Ellen, die Frau von Uwe, der sich in seiner Imbissbude überarbeitet, verlieben sich auf einmal ineinander. Als das herauskommt, geht es drunter und drüber - und schließlich steht das ganze lange aufgebaute Zusammenleben der vier Frankfurter (Oder) auf dem Spiel.

Mit dem richtigen Sinn für Humor und dem scharfen Blick für die kleinen Details des Alltags, schafft es Dresen ganz ohne großartigen Regisseurs-Einfluss oder künstlerische Attitüde, das einfache Leben in einer nachvollziehbaren Story emotional intensiv und vor allem authentisch darzustellen. Er lässt seinen Darstellen die völlige Freiheit, die Charaktere zu kreieren und mit Leben zu füllen, und hierin besteht wohl seine große Regieleistung.

"Erkenne dich selbst!" ist vieleicht das Motto von "Halbe Treppe", denn im Wechselbad der Gefühle wechseln sich Tragik und Kummer mit Glücksmomenten und einer ehrlichen, herrlich bodenständigen Situationskomik, sodass man in vielen Szenen sich selbst in der ein oder anderen Figur wiederfindet. Man vergisst schnell die Kamera und versetzt sich nur allzu gerne in die Welt des Films, wahrscheinlich, weil sie sehr greifbar und voller Leben ist. Manchmal wird sogar das Genre des Spielfilms kurz verlassen, und man bekommt wie in einer Reportage kurze Kommentare der Darsteller vor der Kamera zu ihrer emotionalen Situation geliefert, in der sie sich etwa zu rechtfertigen versuchen.

Erwähnenswert ist auch die im Film als ein seltsamer "Running Gag" auftretende Kult-Band "17 Hippies", die auch den kompletten Soundtrack schuf. Ihre folkloristische Musik gibt dem Ganzen die nötige Würze, und ihre Auftritte sind immer für einen Lacher gut. Uwe, der Imbissbudenbesitzer, scheint sie gar nicht mehr loszuweden, denn mit der Zeit hört er sie überall, sogar in der Kloschüssel bei sich zu Hause!

Zu guter Letzt muss man schließlich noch ein gigantisches Kompliment an die Schauspieler richten. Sie beweisen in "Halbe Treppe" ein unglaubliches, einzigartiges Improvisationstalent und spielen nicht, sondern LEBEN die Charaktere. Schließlich wurde der Film anfangs als kleines Experiment behandelt, wo ohne wirkliches Drehbuch mit der Zeit aus der Improvisation dieser intensive sympathische Film geworden ist. Dabei haben sich die einzelnen Akteure wirklich in das fiktive Leben versetzt - z.B. hat Axel Prahl, der den Uwe spielt, mehrere Wochen in dieser Imbissbude gearbeitet, um sich mit den Gästen und der Arbeit richtig zu identifizieren. Besonders Prahl, der schon in "Die Polizistin" und "Nachtgestalten" von Dresen mitwirkte, zeigt eindrucksvoll sein Talent und spielt den gutmütigen, sensiblen Brummbär herzzereißend. Ebenso auch die anderen drei Protagonisten. Insofern ist es eine tolle Geste, dass im Abspann nach "ein Film von" nicht der Regisseur, sondern die Darsteller erwähnt werden. Die haben es verdient, und sie sind auch keine bloßen Schauspieler mehr.

Hinreißendes, liebevoll gestaltetes Improvisationskino; die hohe Kunst des Schauspiels. 9/10.


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