Review

Season 1

Kleider machen Leute - oder der Ritter im Maßanzug"

Harvey Specter ist gerissen, einfallsreich, arrogant, zynisch, schlagfertig, erfolgsbesessen und selbtsverliebt bis hin zur Grenze zum Narzissmus (und manchmal auch darüber hinaus). Kurz: er ist ein New Yorker Staranwalt. Er ist zugleich Aushängeschild und Zugpferd einer der besten US-amerikanischen Anwaltsserien mindestens der letzten 10 Jahre.  Der Titel „Suits" (zu deutsch: „Anzüge") ist dabei so simpel wie genial. Denn alles dreht sich um den möglichst perfekten, äußeren Schein.

Natürlich ist die Serie zunächst einmal ein wahres Fest für Liebhaber sündteurer Business-Mode beiderlei Geschlechts. Sämtliche Angestellten der renommierten Kanzlei „Pearson Hardman" sind vom den Anwaltsgehilfen bis zu den geschäftsführenden Partnern rund um die Uhr wie aus dem Ei gepellt und liefern einen guten Überblick über das gerade aktuelle Sortiment exklusiver Modeboutiquen Manhattans bzw. über die neuesten Kollektionen der Modedesigner-Elite.  
Darüber hinaus geht es aber auch im beruflichen Schlagabtausch mit der jeweiligen Gegenpartei und vor allem in den täglichen Büro-Grabenkämpfen um eine glänzende Fassade aus Kompetenz, Macht und Siegermentalität. Die messerscharf geschliffenen Dialoge und die vielschichtig gezeichneten Figuren heben die Serie dabei weit über das Niveau der gängigen Office-Soap.

Ähnlich wie in der qualitativ und thematisch vergleichbaren, wenn auch deutlich skurriler angelegten Anwaltsserie „Boston Legal", steht ein ungleiches Mentor-Schüler-Duo im Mittelpunkt, das trotz der klaren beruflichen Hierarchie zunehmend auch freundschaftliche Züge trägt. Zunächst imponiert Harvey Specter vor allem das photographische Gedächtnis sowie die unverfrorene Chuzpe des eigentlich völlig unqualifizierten Mike Ross. Denn der besitzt nicht nur kein Anwaltsexamen, sondern bestreitet seinen Lebensunterhalt auch noch damit, dass er im Namen anderer Zugangstestes für deren Jurastudium ablegt und für seinen Freund als Teilzeit-Drogenkurier arbeitet. Seine eigene Hochschulkarriere in Harvard war aufgrund eines Manipulationsvorwurfs beendet, bevor sie richtig begonnen hatte.
Als er auf der Flucht vor der Drogenfahndung zufällig in einen für Harvey ermüdenden Vorstellungsmarathon platzt, bei dem sich einfach kein ausreichend gewitzter Kandidat finden lassen will, verpflichtet Harvey kurz entschlossen den schlagfertigen und enzyklopädisch auftrumpfenden Mike. Über dessen dubiosen Werdegang informiert er nur seine langjährige Vertraute und Chefsekretärin Donna, während er den Rest seiner Kanzlei und vor allem die geschäftsführende Partnerin Jessica Pearson bewusst im falschen Glauben lässt.

Dieses Geheimnis mit Sprengstoffpotential wird dann in der Folge, wenn auch unterschwellig, zu dem zentralen Drama-Movens, da sämtliche Beziehungen innerhalb der Kanzlei auf die ein oder andere Weise davon betroffen sind. Vor allem Junior-Partner Louis Litt ist schon lange neidisch auf Harveys exponierte Stellung und seinen offenbar exklusiven Draht zu Jessica. Diese wiederum spürt den Druck ihrer ehrgeizigen rechten Hand und seine Ambitionen auf mindestens Gleichstellung. In beiden Fällen würde eine Aufdeckung Harvey deutlich schwächen. Mike wiederum liebt den Anwaltsberuf und ist trotz fehlenden Abschlusses ein juristisches Ausnahmetalent. Zudem hätte die sich anbahnende Beziehung mit Anwaltsgehilfin Rachel Zane keine Chance, wenn die immer wieder am Examen gescheiterte entdecken würde, dass ihr Freund dutzende Konkurrenten durchgemogelt hatte.

Dass diese innerkanzleilichen Scharmützel und Schlagabtäusche so unterhaltsam sind, ist auch den glänzend aufgelegten Darstellern zu verdanken, die den toll geschriebenen Figuren die entscheidende Portion Leben einhauchen. Zunächst ist da einmal Serien-Zugpferd Gabriel Macht, der als Harvey Specter vordergründig den aalglatten, selbstverliebten Alphatier-Anwalt zelebriert, hinter dessen glänzender Fassade aber auch tief verinnerlichte Prinzipien wie Treue, Freundschaft und Loyalität immer wieder aufblitzen. Die perfekt sitzenden Maßanzüge verleihen ihm eine unwiderstehliche Aura aus Zuversicht, Macht und Kompetenz und sind damit sowohl schimmernde Rüstung für die zahlreichen Schlachten im Namen und innerhalb der Kanzlei, wie auch undurchdringliche Panzerung um die eigene Gefühlswelt zu verbergen und die anderer nicht an sich herankommen zu lassen.

Eine famose Vorstellung gibt auch Rick Hoffmann als schmierig-gewiefter Konkurrent in Lauerstellung, dessen Beziehung zu Harvey sich durch eine ihn immer mal wieder aus der Bahn zu werfende Mischung aus Bewunderung, Freundschaftssehnsucht, Minderwertigkeitskomplexen und Eifersucht definiert. Gerade das permanente Hin-und-her-Springen zwischen Arroganz, Demütigung, Sieg und Niederlage plus zahlreicher voll mittgenommener Fettnäpfchen ist ein von Hoffmann bravourös gemeisterter, darstellerischer Balanceakt, der schnell auch im Witzfigur-Kabinett enden könnte.
Das gilt bis zu einem gewissen Grad auch für Sarah Rafferty als Harveys Assistentin. Die äußerlich etwas aufgesetzt frivol und Büroklatsch-fixiert wirkende Donna hat eine ganz feine Antenne nicht nur für die jeweiligen Stimmungen und Launen ihres unmittelbaren Chefs, sondern sämtlicher ihr einigermaßen vertrauten Mitarbeiter der Kanzlei. Sie ist so etwas wie die gute Seele der Firma, die sich mit einem betont koketten und extrovertierten Auftreten tarnt.

Patrick J. Adams hat es im Umfeld solch exaltierter Figuren naturgemäß deutlich schwerer, da Mike Ross wesentlich natürlicher und menschlich zugänglicher auftritt als seine Kollegen. Bei ihm gibt es weder Extreme noch eine täuschende Fassade, sieht man mal von seinem „Berufsgeheimnis" ab. Seine Figur ist daher auch eher der ruhende Pol des Ensembles, der wiederholt für Bodenhaftung sorgt und damit auch die Serie an sich immer wieder erdet. Er lädt damit am ehesten zur Identifikation ein und macht durch seine engen Beziehungen damit auch die anderen Figuren greifbarer.

In der ersten Staffel legt „Suits" die Messlatte also hinsichtlich auftretendem Personal, dem gesprochenen Wort, der dramatischen Verwicklungen sowie der visuellen Ausgestaltung bereits beeindruckend hoch. Für die mit einem geschickten Cliffhanger angekündigte zweite Season könnte das eine belastende Hypothek sein. Der erfolgsgewohnte Harvey Specter dagegen würde  das mit Sicherheit eher als zusätzliche Motivation für noch bessere Leistungen sehen. Und wer will einem neoliberalen Staranwalt in einem Mehrtausend-Dollar-Anzug schon widersprechen.

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