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Rififi (1955)
Eine Kritik von nofx-total (Bewertung des Films: 8/10) eingetragen am 06.03.2011, seitdem 425 Mal gelesen
Es muss schon eine besondere Faszination vorliegen, wenn bei einem Krimi für eine bestimmte Stilistik oder Vorgehensweise der Personen ein weiteres Subgenre heranwächst. Und so entstand mit dem so genannten „Heist-Movie" ein Vertreter, der sich in erster Linie mit den filigranen Details eines einbrecherischen Vorhabens befasst, wobei die genauen Vorbereitungen und sekundengenaue Planung der Gangster mit einbegriffen sind. Kurz gesagt, es soll zumeist der Coup ihres Lebens werden, meistens auch dazu gedacht, dass alle Beteiligten so viel verdienen, um sich danach zur Ruhe zu setzen. Es verwundert nicht, dass mit dem Entstehen dieser neuen Filmgattung etliche Kritiker und Personen des öffentlichen Lebens (wie etwa die Kriminalpolizei) Sturm liefen, sahen sie in diesen neuartigen Filmen doch förmlich eine Einladung für andere an, mit einem nachgeahmten Plan den großen Leinwandvorbildern nachzueifern und tatsächlich soll es auch nach der Veröffentlichung von Rififi solche Fälle gegeben haben. Unbestritten sind solche Filme wie Asphaltdschungel aus dem Jahr 1950 und eben Rififi aber auch die großen Vorbilder heutiger Epigonen vom Schlage einer Ocean's...-Trilogie gewesen, wobei letztere ja auch ein Remake des aus den 60ern stammenden Frankie und seine Spießgesellen war.
Der große Coup in Rififi ist natürlich immer das zentrale Thema, welches im Gedächtnis haften bleibt und an anderen Stellen gern zitiert wird und mit ihr zugleich die beeindruckenden Stilmittel, die zum Einsatz kommen. Vier Leute steigen in ein Juweliergeschäft ein und knacken einen Tresor, nehmen den Schmuck heraus und spazieren wieder heraus. Klingt erst mal irgendwie banal und leichtfüßig, wenn man die weitaus komplizierteren Pläne der nachkommenden Generationen dagegenstellt, wo es gilt, Lichtschranken zu umgehen, Computercodes zu hacken und andere elektronische Helferlein auszutricksen. Doch waren die Mittel und die Gegenmittel der verbrecherischen Seite stets auf Augenhöhe und es erschien irgendwie beim Betrachter trotz des zumeist von Unlogik durchsetzten Irrsinns zumeist leicht wie ein Kinderspiel zu sein, ja meistens hatte man seinen Spaß daran, dem Treiben zuzusehen. Nicht umsonst sind die meisten Coup-Filme unter diesen Umständen ja auch im Bereich der Komödien angesiedelt. Und man hinterfragt nicht, ob der Coup in der Realität so stattfinden könnte, da nur der reine Unterhaltungswert zählt.
Doch in Rififi ist alles ganz anders. Ab dem Zeitpunkt, wo der Einbruch beginnt, verstummt die Musik und es wird kein Wort gesprochen, eine knappe halbe Stunde wird so vergehen. Alles funktioniert nach einem genauen Zeitplan, jeder hat seine spezielle Aufgabe zu erfüllen und alle Handgriffe sind aufeinander abgestimmt. Für eine knappe halbe Stunde sehen wir vier Männern zu, die für ihren Traum hart arbeiten. Denen der Schweiß von der Stirn perlt, die sich nur mit Handzeichen verständigen. Die vorher die Dosiertheit ihrer Hammerschläge genau ausprobiert haben, um mit den Erschütterungen nicht die Alarmanlage auszulösen. Die geduldig darauf hinarbeiten, bis nach einer puren Ewigkeit ein Loch in die Decke gestemmt ist. Ein aufgespannter Regenschirm, der den herunter rieselnden Schutt auffängt. Das Geschehen scheint teilweise in Echtzeit abzulaufen, und selten wird der Zuschauer derart hineingezogen, dass man glaubt, man bräche selbst ein. Die Handflächen dürfen anfangen zu schwitzen, man hofft inständig, dass alles bald vorbei ist und man wieder auf der Straße steht. Natürlich mit den begehrten Beute.
Doch Rififi nur auf diese Einbruchsszene zu reduzieren, wäre kurzsichtig. Denn eigentlich ist dieser in düsteren Noir-Tönen gefärbte Krimi die Geschichte von vier Männern, die alles wagten und am Ende alles verloren. Die uns alle ihre eigene Lebensgeschichte erzählen und vor uns ihre unerfüllten Träume ausbreiten. Und auch wenn sie Verbrecher sind, durch die Natürlichkeit ausstrahlende Vermenschlichung ihrer einzelnen Charaktere nimmt der Zuschauer trotzdem Anteil an deren Schicksal. Wie zum Beispiel an dem des alternden Tony, der zu Beginn der Geschichte aus dem Knast kommt. Er lässt den Schneid vergangener Tage schon lange missen, ist kränklich und will bei dem geplanten Coup eigentlich nicht mitmachen. Es scheint, dass er seine innere Ruhe und damit auf den rechten Weg zurückfinden will. Doch seine untreue Geliebte wirft ihn wieder aus der Bahn. So geraten die Bilder letztendlich zu einer erschütternden Sozialstudie eines Mannes, der derart entwurzelt und enttäuscht vom Leben seine Verbitterung nach außen kehrt, die in der Misshandlung seiner alten Liebe gipfelt.
Es ist auf den ersten Blick erstaunlich, wie nach dem akribisch durchgeführten Coup die für diesen Moment so selbstdisziplinierten Männer wieder die alten menschlichen Schwächen offenbaren. Auch das ist nur zu verständlich, denn erstens muss sich die aufgestaute Anspannung auch in irgendeiner Form entladen und zweitens muss eine ureigenste menschliche Triebfeder wieder durchbrechen - die Gier. Und so schütten sie ihre reiche Beute auf den Tisch und sprechen voller Tatendrang über ihre Zukunftspläne. Dass das Diebesgut erst noch in bare Münze umgetauscht werden muss, ist dabei erst mal nebensächlich. Und es ist eine ganz besondere Tragik, dass die vorher derart zur Schau gestellte Akkuratesse durch die Unvorsichtigkeit eines Bandenmitgliedes unterlaufen wird. Und so wird das ganze Unternehmen quasi zum Untergang aller, da einer seiner Geliebten ein Schmuckstück schenkt. Dassin zeigt uns, wie eine weitere menschliche Seite zum Verhängnis werden kann - die Liebe, auch wenn es hier eher um flüchtige Beziehungen und um gekaufte Gefühle geht.
In Rififi gibt es am Ende nicht deshalb keine Gewinner, weil die Polizei die Überhand gewinnt. Das klassische Schema Gut-gegen-böse wird hier alleinig auf die beiden Banden gespiegelt, die sich gegenseitig im Ringen um die begehrte Beute bekämpfen. Auf der einen Seite der gewissenlose Pierre Grutter, der eiskalt mit seinen Männern zuschlägt. Auf der anderen Tony, der als einziger seiner Verbündeten klaren Kopf bewahrt. Wenngleich seine Methoden scheinbar die gleichen sind, wirkt seine Gewalt eher als legitimiertes Mittel oder auch notwendige Selbstverteidigung. Schon am Anfang verdeutlicht eine Szene seine gemäßigte Einstellung, als er fordert, dass bei dem Coup keine Waffen mitzunehmen sind. Tony wirkt stets bedächtig, unnahbar, immer loyal zu den Seinigen. Er hat im Knast die Strafe selbstlos allein auf sich genommen und jetzt, wo alles aus dem Ruder läuft, versucht er bei einem Kidnapping, ein Kind eines seiner Komplizen aus den Fängen von Grutter zu befreien.
Und so ist Rififi im Grunde genommen kein vordergründiger Film über einen gelungenen Coup geworden, auch wenn man sich völlig zu Recht vor dieser halben Stunde handwerklicher Virtuosität verneigen muss. Eher atmet das Werk das düstere Noir-Flair dieser Epoche, mit kargen und trostlosen Kulissen, bevölkert mit Gestalten voller Pessimismus. Mit der Figur des Gangsters Tony schuf Dassin ein Paradebeispiel für einen Menschen mit einem desillusionierten Weltbild und einem sphinxhaften Charakter, eben eine unberechenbare Figur, genauso unberechenbar wie das fiese Leben. Denn bei einem Coup mag kühle Berechnung alles sein, doch die Anzahl der Variablen im weitflächigen Spiel des Lebens ist einfach zu hoch, um alle Unwägbarkeiten auszuschließen. Was bleibt ist ein Film von trauriger Eleganz, ein dunkler Monolith auf weiter Krimi-Flur.
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