"Steins;Gate" ist eine durchweg gelungene, hochspannende und anspruchsvoll konzipierte Anime-Produktion, der ich nur deshalb nicht die volle Punktzahl gebe, da sie von der Intensität und der Profilierung der Charaktere her nicht ganz an meine Anime-Favoriten heranreicht. Zu Beginn geht es scheinbar etwas gemächlicher zu. Rintarô Okabe (Mamoru Miyano), genannt "Okarin", "hält" seine langjährige Freundin Mayuri (Kana Hanazawa) als "Geisel" in seinem "Labor" fest, wo er mit seinem Kumpel Itaru (Tomokazu Seki, der mit seiner stimmlichen Figurengestaltung leider etwas übertreibt, indem er eine karikaturhafte Otaku-Darbietung abliefert) schräge Experimente mit einer Mikrowelle und Bananen durchführt, und zunächst wirkt das alles wie eine Abfolge harmloser Spielereien. Doch die Geschichte nimmt bald Fahrt auf mit dem Auftauchen weiterer weiblicher Figuren, die sich zu einer animetypischen "Harem"-Gruppierung mit Rollenklischees wie "tsundere", "kûdere" und Ähnlichem zu formieren scheinen. Ganz so platt ist es dann letztlich doch nicht. Letztlich sind diese Rollenbilder bereits so etabliert, dass hier mit ihnen schon mehr ironisch gespielt wird, vor allem im Fall von Kurisu (siehe unten). Von Anfang an scheint Gefahr zu drohen, als Rintarô ein junges Mädchen erstochen in einer Blutlache findet, das aber kurz darauf wieder lebendig vor ihm steht: Kurisu ("Chris") Makise (Asami Imai), die sich zwar sehr selbstbewusst und mitunter hochnäsig-zänkisch gibt (der Begriff "tsundere" fällt dementsprechend auch in der Serie selbst), aber dennoch eine anhaltende Freundschaft zu ihm entwickelt.
Das eigentliche Thema der Serie sind Zeitreisen, und hier wird (allgemein gesprochen) aus Komplexität schnell Wirrwarr, wenn Ereignisse sich völlig unabhängig von der chronologischen Abfolge wechselseitig bedingen können. Auch wenn die Erzählung in Steins;Gate sehr durchdacht ist: Auf die Denkbarkeit von, sagen wir mal, achronologischer Kausalität muss man sich also schon mal einlassen können. Es beginnt damit, dass E-Mails (genannt "D-Mails" nach dem in "Zurück in die Zukunft" vorkommenden Sportwagen DeLorean) in die Vergangenheit geschickt und so bestimmte Ereignisse oder Gegebenheiten verändert werden. Was später kommt, möge der Leser selbst feststellen, aber nur so viel: Die Serie hält auch ihre tragischen Momente bereit. Das Tempo wirkt am Anfang gedrosselt und von der Stimmung her dominiert die Situationskomik, die sich aus den Schrullen des selbsternannten "Mad Scientist" Okarin ergibt, der seinen Mitarbeitern verschiedenste Spitznamen gibt, seine Aktionen mit Bezeichnungen aus der nordischen Mythologie belegt und allgemein völlig in seiner Rolle aufgeht (wobei die Dialoge zwischen ihm und Kurisu, die sich darum drehen, wie sie nicht von ihm genannt werden möchte, gerne in deutlich geringerem Ausmaß hätten auftreten dürfen).
Aber dies darf nicht zu dem Fehler verleiten, die anfänglichen Folgen mit verringerter Aufmerksamkeit zu schauen. Wer von Beginn an gut aufpasst und die Informationen einigermaßen geordnet im Gedächtnis aufbewahrt, hat eindeutig mehr von der Serie. Denn bald wird es sehr ernst und die anfangs noch eher lustigen Ereignisse rund um die Vergangenheits-Mails entfalten eine gefährliche Eigendynamik, die Okarin und seine Freunde nicht ahnen konnten.
Besonders hat mir als "Higurashi no Naku Koro ni"-Fan eine Anspielung auf die Serie gefallen, als Suzuha Amane auf die "Toki no Kakera" (Zeitfragmente) deutet, die hier nur einen Kurzauftritt haben, in "Higurashi" aber eine entscheidende Rolle spielen. Passenderweise werden die Figuren Rika (die in "Higurashi" mit den Zeitfragmenten zu tun hat) und Suzuha von derselben Seiyû, Yukari Tamura, gesprochen. Auch wenn dies im Gesamtbild nur eine Kleinigkeit ist, hat es für mich einen bedeutenden sentimentalen Wert, da ich auch schon zuvor den Eindruck hatte, dass Steins;Gate in einem bestimmten wichtigen Erzählmotiv (das ich hier aber nicht verraten möchte) von "Higurashi" inspiriert worden ist.
Wie dem auch sei, Steins;Gate ist eine sehr lohnende, aber auch genaue Aufmerksamkeit erfordernde Anime-Produktion mit einer trügerischen Idylle zu Beginn, von der man sich nicht einwickeln lassen sollte. Jede "D-Mail" zählt ...