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Die Entscheidung der Marvel-Studios den britischen Shakespeare-Experten Kenneth Branagh für die Regie einer ihrer Comicverfilmungen zu verpflichten, hat in Fankreisen nicht gerade Begeisterungsstürme ausgelöst, zumal dessen einziger Ausflug ins Hollywoodsche Mainstreamkino (Mary Shelley´s Frankenstein) an den Kinokassen seinerzeit mächtig abschmierte.
Zudem wunderten sich nicht wenige, was einen Mann wie Branagh an einem potentiellen  Superhelden-Blockbuster interessieren könnte. Nun, immerhin handelt es sich hier um die Leinwandadaption der Comicreihe THOR, bei der Erfinder Stan Lee seinerzeit kräftig die nordische Mythologie plünderte. Hier knüpft auch Branaghs Version an und widmet sich recht ausführlich den Ränkespielen und familiären Intrigen der Götterfamilie um Odin am Königshof von Asgard.

Vor diesem Hintergrund macht die vermeintliche Fehlbesetzung des Regiepostens durchaus Sinn, hat der Ire Branagh doch reichlich filmische Erfahrung mit familiären Tragödien epischen Ausmaßes. Und das zahlt sich aus. Denn dass das Spektakel nicht unter seiner optischen Trashlast zusammenkracht, ist in erster Linie Branaghs Händchen für Schauspielführung und bedeutungsschwere Dialoge zu verdanken. Schließlich müssen die Darsteller gegen einen pompösen, visuellen Popart-Crossover aus Star Wars und Herr der Ringe ankämpfen. Goldene Wände und Fußböden, riesige Türme und Hallen sowie ein allgegenwärtiges Glitzern wären durchaus geeignet, darin herumturnende Schauspieler der Lächerlichkeit preiszugeben.

Da hilft es enorm, dass vor allem der relativ unbekannte Chris Hemsworth seine martialische Titelrolle des Hammerschwingenden Donnergottes mit selbstironischen Brechungen würzt und den Part mit einem permanenten Augenzwinkern absolviert. Auch Altmeister Anthony Hopkins sorgt als Göttervater Odin mit der richtigen Mischung aus Würde und Souveränität dafür, dass der Film nicht aus den knallbunten Gleisen springt.
Glücklicherweise erfährt das Spektakel nach dem überbordenden Effektgewitter der ersten halben Stunde im wahrsten Wortsinn eine Erdung, die auch den Zuschauer wieder Luft holen lässt und insbesondere seinen Reizüberfluteten Augen eine kleine Verschnaufpause gönnt. Denn nachdem THOR gegen den Befehl seines Vaters einen Krieg mit der Eiswelt Jotunheim provoziert, verbannt Odin seinen arroganten Sohn kurzerhand auf die Erde um dort Demut zu lernen.

Der Film hat hier seine komischsten Momente, als der unbesiegbare Donnergott nach einigen schmerzhaften Erfahrungen verdutzt feststellt, dass er seiner Superkräfte mitsamt des magischen Hammers Mjolnir beraubt wurde und in einer sterblichen menschlichen Hülle gefangen ist. Auch das Zusammentreffen mit der spleenigen Forschergruppe um die Astrophysikerin Jane Foster (Natalie Portman) bringt ein paar gelungene Gags hervor, da THOR auch hier als Gott auftritt und damit weit mehr Belustigung als Ehrfurcht auslöst. Der heiter-ironische Ton dieser Sequenzen bildet jedenfalls ein angenehmes Gegengewicht zum episch-pathetischen Tenor am Königshof von Asgard, ein Stilmittel das ja auch schon bei Thors „Avengers"-Kollegen Iron Man bestens funktioniert hat.

Überhaupt scheint die Vorbereitung des kommenden Avengers-Streifen ein Hauptanliegen des finanzierenden Marvel-Studios gewesen zu sein. Die Geheimorganisation S.H.I.E.L.D. bekommt hier bereits ähnlich viel Raum wie im Iron Man-Sequel, was der Eigenständigkeit des Films - auch das eine Parallel zu Iron Man 2 - nicht immer gut tut. Zumal garantiert nicht jeder Zuschauer mit allen Facetten des Marveluniversum vertraut sein wird - THOR gehört neben Iron Man und Hulk zu den Gründungsmitgliedern der Rächertruppe „The Avengers" - und damit die angedeuteten Zusammenhänge mehr verwirrende als erhellende Wirkung haben dürften.

Viel Zeit zum Grübeln bleibt bei dem kurzweiligen Spektakel aber ohnehin nicht, da Branagh das Tempo durchgängig hoch hält und den Antagonisten Loki - THORS eifersüchtigen und intriganten Halbbruder - nie aus den Augen verliert. So arbeitet der Film von Beginn an und vom Dramenerprobten Branagh geschickt inszeniert auf die finale Konfrontation der ungleichen Göttersöhne hin.

THOR ist letztlich ein ebenso vergnügliches wie unterhaltsames Superheldenepos, das man in dieser straffen Form dem für solch hochbudgetierten Hollywoodproduktionen längst abgeschriebenen Kenneth Branagh nicht zutrauen konnte. Zumal THOR durch seine Verknüpfung mit der nordischen Helden-Mythologie den im Superheldengenre zuletzt so erfolgreichen Realismus (The Dark Knight, Iron Man) von vornherein ausschloss. Branagh macht hier das einzig Richtige und tritt die Flucht nach vorn an. Er versucht gar nicht erst dem Wohnort des Göttergeschlechts der Asen einen realistischen Anstrich zu geben, sondern badet regelrecht in monumentaler Glitzeroptik.

Die immer wieder durchschimmernde Ironie und eine leichtfüßig wie unkitschig eingefügte Liebesgeschichte bilden das dringend nötige Gegengewicht zum Wagnerischen Pomp der Asgard-Szenen und balancieren den Film geschickt aus.
Sicher eine der lässigsten und abgeklärtesten Comicadaptionen der letzten Jahre. Die eigentlich schon nicht mehr gestellte Frage nach „Sein oder Nichtsein" in Hollywood hat Kenneth Branagh damit definitiv - und überraschend deutlich - positiv beantwortet und all seinen Kritikern gezeigt wo der Hammer hängt.

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