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Gräfin von Hongkong, Die (1967)
Eine Kritik von Mr. Barlow (Bewertung des Films: 8/10) eingetragen am 21.04.2011, seitdem 216 Mal gelesen
Was genau ist eigentlich passiert, dass Charlie Chaplins letzter richtiger Film "Die Gräfin von Hong Kong" den Kritikern und Fans so unsympathisch, wenn nicht gar hassenswert wurde, dass er regelrecht ignoriert wird? Zehn Jahre nach seiner letzten filmischen Arbeit wollte der nun schon fast achtzigjährige Chaplin nochmal Gas geben und drehte diesen seinen letzten Film; eine Liebeskomödie, von manchen als klebrig-seichte Schnulze bezeichnet, von anderen als fade Suppe, die so gar nicht nach Chaplin schmecken mochte. Sicherlich ist die Gräfin nicht das beste, was der legendäre Star fabriziert hat, aber jegliche Verleumdung dieses Werks und die harten Attacken sind maßlos übertrieben.
Chaplin erzählt die Geschichte der jungen Natascha, die als Prostituierte in Hong Kong nicht sehr glücklich ist und sich als blinder Passagier auf einem Schiff verschanzt. Dafür hat sie sich die Kabine von Odgen Mears ausgesucht, einem amerikanischen Diplomaten, der nur über Umwege einwiligt, die Russin mitzunehmen, mit der Vorraussetzung, dass sie beim nächsten Hafen austeigt. Durch Umstände zieht sich dies aber hinaus, und Odgen hat immer größere Schwierigkeiten, die Situation unter Kontrolle zu halten, will er doch nicht, dass bekannt wird, dass er eine russische Hure in der Kabine hat.
Chaplin erster und letzter Film in Farbe gleicht eher einem Theaterstück. Ein Großteil des Films spielt in Odgens Kabine - hier werden Pläne geschmiedet, Treffen organisiert und nicht zuletzt ist dies auch der zentrale Ort für allerlei Gags. Bei jedem Klingeln springt Natascha sofort ins Bad, auch Odgen reagiert zunehmend nervös auf das laute Geräusch. Hier wird Odgen auch zum Jäger, wenn er die junge Frau einzufangen versucht zwecks Rausschmiss. Relativ selten kommt es dann vor, dass die Handlung an einen anderen Ort verlegt wird, sei es nun die kurze, beschauliche Szene im Tanzsaal oder die späteren Fluchtversuche Nataschas.
Es stimmt schon, der Film ist weit weniger sozialkritisch oder angriffslustig als Chaplins Vorgänger. Im großen Diktator mimte er die unschlagbare Hitler-Parodie, als Monsieur Verdoux machte er seine dunkelsten Witze, Rampenlicht wurde ein melanchonisches Zeugnis über das Leben und als König in New York ging er hemmungslos auf die USA los. Die Gräfin ist im Grunde ein Liebesfilm der ungewöhnlichen Sorte, mit Natascha als Hure hat man einen weiblichen Part, der sich erst seine Sympathiepunkte beim Publikum verdienen muss, was Sophia Loren durch ihre völlig unbeschwerte Art auch grandios schafft. Sie ist der leuchtende Star des Films und unterhält pausenlos, ob sie nun schmollt, ein Buch falsch herum liest oder kichernd durch die Kabine rennt.
Leider scheitert der Film letztlich ein bisschen am Hauptdarsteller. Marlon Brando hat mehrfach bewiesen, dass er einen Film ohne große Schwierigkeiten alleine tragen kann, doch eine komödiantische Rolle ist für den Paten eher ein ungeeignetes Gebiet. Es wirkt vergleichsweise regelrecht surreal, wenn er sich slapstickhaft auf die Schnauze packt oder andere Gags bringt. Brando gab offen zu, dass er nicht unbedingt mit seiner Rolle glücklich war, doch tat er seinem Idol Chaplin einen Gefallen - leider keinen großen. Brando schmollt sich so durch den Film, und egal ob er nun wütend, traurig oder glücklich ist, immer sieht man den selben Gesichtsausdruck. Seine Sätze leiert er schwerfällig runter und den verliebten Kerl nimmt man ihm erst recht nicht ab.
Wesentlich besser agiert da Chaplins Sohn Sidney, der hier als Reisebegleitung Brandos sicherlich einige der lustigsten Szenen parat hat und seinem Vater in der Handlungsweise durchaus ähnelt. Die Hauptrolle hätte ihm wesentlich besser zu Gesicht gestanden. Auch schön die kurze, aber reichlich humorvolle Szene mit Margaret "Miss Marple" Rutherford, die hier versehentlich Pralinen und Blumen von den Männern bekommt, die einzig im Glauben waren, bei Rutherfords Kabine handele es sich um die von Loren. Daneben gibt noch Patrick Cargill eine unfassbar amüsante Darstellung als Hudson ab und Tippi Hedren ("Die Vögel") spielt die kalte Exfrau von Brando.
Fade und zähflüssig ist das nun wirklich nicht. Sicher macht Brando es einem schwer, Sympathie zu ihm aufzubauen, aber trotzdem ist die Gräfin eine lockere, gefühlvolle Komödie geworden, mit unvergesslichen Szenen (sehr schön auch der Cameo von Chaplin selbst) und einer zauberhaften Sophia Loren. Natürlich fehlt einem irgendwo Chaplin selbst, der sich auch gerne eine größere Nebenrolle hätte geben können, aber dank einiger skurriler Charaktere ist das nicht ganz so furchtbar.
Ergo also ein weit unterschätzter Film, der vielleicht nicht den Rang von "Lichter der Großstadt" oder "Goldrausch" inne hat, aber trotzdem ein schöner Schwanengesang geworden ist, der ruhig etwas mehr Aufmerksamkeit gebrauchen könnte.
Aber wer Chaplin nur als Tramp oder Kritiker anerkennen will, wird diesen Film wohl nie schätzen lernen.
8/10
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