Review

Uhhh Michael Bay, Krach! Bumm! Kaputt! Oder so ähnlich...

Wenn in Hollywood eine große Zerstörungsorgie vom Stapel gelassen werden soll, wird meistens der gute Michael Bay dafür engagiert. Dieser darf dann wie das Kind im Schokoladenparadies die Sau rauslassen. Das hat bei Bad Boys samt Fortsetzung funktioniert, das klappte auch bei Transformers oder Die Insel. Geschwächelt hat er aber bei Pearl Harbor (totaler Dreck!) und auch Armageddon war nicht ganz das, was ich erwartet hatte. The Rock wurde direkt ein Jahr nach Harte Jungs gedreht, im Jahr 1996, also war der gute Michael Bay noch unverdorben, konnte (noch) machen, was er wollte. Wie sieht dann also das Resultat, der fertige Film „The Rock - Entscheidung auf
Alcatraz" aus?

Der Inhalt ist relativ kurz beschrieben: Ein ehemaliger hochdekorierter Ex-General namens Hummel klaut 16 Raketen bestückt mit neuem, natürlich super tödlichem Gas. Er will 100 Millionen Dollar oder er lässt die Raketen auf San Francisco los. Verschanzt hat er sich dabei auf der alten Gefängnisinsel Alcatraz. Jetzt muss der eingesperrte Mason ein Team von Navy Seals und den Chemie-Experten Goodspeed auf die Insel führen, ohne dass die Bad Guys das mitbekommen. Ziel: der Mann muss natürlich vernichtet, die Raketen unschädlich gemacht werden.

Das klingt im ersten Moment nach einer 08/15 Story, höchstens das Setting (also Alcatraz und San Francisco) kann man als interessant empfinden.

Man macht aus dem Film aber mehr als eine reine Actionorgie. Denn das Motiv für Hummel ist, das man seinen gefallenen Kameraden in diversen verdeckten militärischen Operationen von damals nicht die Anerkennung zollt, die verständlich gewesen wäre. Auch hat sich die Regierung nicht finanziell um die Unterstützung der Familien von den gefallenen Soldaten gekümmert. Hummel will jetzt mit dem Geld genau das nachholen. Ein ungewöhnliches,
nachvollziehbares Handeln.

Das Highlight des Films sind aber definitiv die Schauspieler. The Rock wurde bis in die Nebenrollen unglaublich hochrangig besetzt. Wer es sich leisten kann, einen Michael Biehn wieder als Navy Seal (allerdings als kleine Nebenrolle) zu verpulvern, oder einer Claire Forlani 5 Minuten Screentime als Tochter von Mason gibt, muss genügend bekanntere, bessere, Schauspieler für die Hauptrollen parat haben, oder?

Und das trifft auch zu. Hummel, der sehr menschlich handelnde, fast sympathische Bösewicht wird grandios von Ed Harris dargestellt. Das passt einfach ganz hervorragend. Zu seinen Helferlein gehören keine Unterhosenwichtel sondern angeheuerte ExSoldaten, dargestellt u.a. von David Morse, Tony Todd oder John C. McGinley (bekannt als Dr. Cox aus Scrubs).
Auf der Seite der Guten haben wir als Chef-Chemiker vom FBI den hier voll in seiner Rolle aufgehenden Nicholas Cage (nur in Face/Off hab ich ihn ähnlich stark in Erinnerung). Ob er grad die Welt retten muss oder sich mit seiner Freundin auf dem Dach seiner Wohnung vergnügt, das wirkt schon sehr überzeugend und ist herrlich anzuschauen.

Ein klein wenig unterfordert wirkt leider Sean Connery, irgendwie fehlt mir an der Leistung etwas... er spielt den ehemaligen einzigen Ausbrecher aus Alcatraz zwar ganz passabel... auch die Gentlemanrolle, als die sie angelegt wurde, spielt ihm doch ganz gut in die Karten. Aber er ist schon relativ alt (verzeihen sie mir, Sir!) und wenn er mit Sturmgewehren um sich ballert, dann stimmt da halt irgendwas nicht. In weiteren Nebenrollen auf Seiten der Guten haben wir einen William Forsythe (als Guter! Ha! Ein Wunder!), Claire Forlani, Vanessa Marcil als Cages etwas naive Freundin und John Spencer als FBI Director.
Besonders Claire Forlani sieht einfach hinreißend aus. Sie in irgendeinen Film einzubauen, kann nie schaden. Und wenn's nur für 5 Minuten ist, heiß heiß heiß!

Kommen wir zum Wichtigsten bei einem Michael Bay Film: die Action und die Inszenierung an sich. Der Film bekommt von mir zunächst mal den Preis für die besten ersten 3 Minuten in einem Film überhaupt. In den 3 Minuten wird Hummel so unglaublich menschlich und tragisch, aber absolut gelungen eingeführt...woah. Da bleibt einem teilweise wirklich die Spucke weg. Man sieht ihn sitzend, nachdenklich, irgendwie traurig. Währenddessen hört man die Stimmen seiner gefallenen Kameraden, wie sie in den geheimen Missionen sterben und er sie nicht mehr retten kann. Gänsehaut-Feeling garantiert! Dann macht er sich fertig, zieht seine Uniform an und geht zum Grab seiner Frau. Dort erklärt er ihr (und uns), dass er das, was er vorhat, nicht tun konnte, als sie noch lebte. Dann legt er eine seiner Auszeichnungen auf den Grabstein und geht weg. Alles unterlegt mit dramatischer, wunderschöner Musik und einem nie enden wollenden Regen.
 
So viel zum Thema Inszenierung. Aber was ist jetzt mit der Action? Immerhin ist das ein Michael Bay Film! Und ja, liebe Leute, es kracht. Verteilt über die recht lange Laufzeit gibt es immer wieder spektakuläre Actionszenen. Ein kleines Highlight ist die Verfolgung von Mason quer durch die Innenstadt von San Francisco. Er mit einem Hummer, Goodspeed mit einem eleganten, gelben Sportwagen. Unterwegs werden Autos geplättet und sogar eine der legendären Straßenbahnen in die Luft gejagt. Viel Pyrotechnik, hoher Blechschaden, rasant geschnitten (man verliert allerdings nie den Überblick,
Michael Bay war noch weit entfernt von heutigen Schnitt-Gewittern).

Die komplette 2. Hälfte des Films, also über eine Stunde, findet komplett auf Alcatraz statt, die Infiltrierung, der Kampf auf der Insel. Auch hier explodiert es an allen Ecken und Enden. Dabei begnügen sich die Bad Guys nicht nur mit Granaten, sondern hauen unseren geliebten Helden große Sprengsätze Marke Eigenbau um die Ohren. Woher kommen die eigentlich? Und wie können die solche Dinger einfach so mit sich schleppen? Naja, Action geht vor Logik, das hat man schon in Mathe gelernt....oder war's Punkt- vor
Strichrechnung? Ach, meine Idee ist besser.

Die Shoot-Outs sind dabei gar nicht mal so oft vertreten, es wird dabei auch selten was Blutiges gezeigt. Die heutige Freigabe ab 18 Jahren ist definitiv nicht mehr zeitgemäß (und das sage ich, ICH der es für einen riesigen Fehler hält, Das Ding auf „ab 16" runterzustufen). Wenn Hummel allerdings Gewalt einsetzt, dann nur, weil er indirekt dazu gezwungen wird. Die Guten geben nicht auf, und er will eigentlich niemanden verletzen. Er kommt in einen großen Interessenskonflikt, die eine Seite seines Gewissens will es, die andere nicht. Ganz hervorragend dargestellt und toll gespielt!
Ich gehörte allerdings auch erschossen, wenn ich euch mehr über die Story verrate, denn die hat noch einiges an Wendungen und kleinen Gemeinheiten zu bieten.

Die Lauflänge von 130 Minuten mag im ersten Augenblick abschrecken. Ich hab allerdings selten einen Film gesehen, bei dem die 130 Minuten so verdammt schnell vor sich hin geschmolzen sind. Der Film wird nicht langweilig, gar nicht, zu keiner Sekunde. Entweder reißt die richtig toll gemachte, ziemlich spektakuläre Action den Zuschauer vom Hocker, oder die sehr guten Darstellerleistungen fesseln ihn an den Bildschirm. Der Film macht besonders jetzt im Sommer einen riesigen Spaß, ein echter Sommerblockbuster. Typisch für so einen Film: er läuft oft, sehr oft, auf RTL. Besorgt euch die DVD, ihr werdet wesentlich mehr Spaß damit haben.

Was bleibt zu sagen? Michael Bay hat hier einen spannenden Genreklassiker abgeliefert, der nur von seinem ersten Bad Boys Streifen überboten wurde. Die Action überzeugt, es kracht und rummst immer wieder, Computereffekte wurden, wenn überhaupt, dann sehr unauffällig und sehr selten eingesetzt. Hier ist die Action noch handgemacht, echte Männer mit echten Waffen vor echten Explosionen.

Sobald die Helden auf Alcatraz angekommen sind, entwickelt der Film auch tatsächlich so etwas wie Spannung, besonders durch das Spiel zwischen Hummel und seinen unberechenbaren Begleitern.

Ganz hervorragend natürlich auch das Zusammenspiel zwischen Nicholas Cage und Sean Connery. Beide verbindet ein gewisses Maß an Bildung, der Film wird im Verlauf fast schon ein Buddy-Actionmovie alter Schule. Ungleicher konnte das Paar nicht sein, aber unterhaltsamer eben auch nicht. Ich will dem Fuchs Sean Connery den Actionhelden zwar nicht abnehmen. Auch Nicholas Cage wirkt als Chemiker auch eher wie ins kalte Wasser geworfen, meistert das aber glaubwürdiger als Connery. Dabei sind die Ausführungen und die gespielte Überlegenheit von Connery wundervoll, seine spitze Zunge, sein Sarkasmus, das macht unglaublich viel Spaß.

Der immer wieder angesprochene Score von Nick Glennie-Smith, Hans Zimmer und Harry Gregson-Williams gehört zum Besten, was das Actiongenre jemals gehört hat. Immer passend, zwischen Theatralik, spannend antreibenden (nahezu rockigen) Songs und dem typischen „Ich habe die Welt mal wieder gerettet, huldigt mir, denn ich bin der Beste" Sound, macht der Soundtrack eine besonders gute Figur.

Aaaaalso, Empfehlung....für? Nun, für Michael Bay Fans, für Actionliebhaber, für Leute, die mal wieder Sean Connery sehen und Nicholas Cage in Hochform erleben wollen. Schnappt euch eure Freundin und ab aufs Sofa. Film an und glücklich sein. Mädels, ihr schnappt euch den Film und überrascht euren Liebsten mal damit, er wird's euch danken, jede Wette.

Details
Ähnliche Filme