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Einer flog über das Kuckucksnest (1975)

Eine Kritik von Apollon (Bewertung des Films: 8/10)
eingetragen am 29.05.2004, seitdem 1977 Mal gelesen


Im fünffach Oscar-gekrönten "Einer flog über das Kuckucksnest" ist Draufgänger Randle Patrick McMurphy das Kuckucksei in einer Nervenheilanstalt. Um herauszufinden, wie es um seinen Geisteszustand bestellt ist, wurde er dort eingewiesen. McMurphy, zwar zu Gewalttätigkeit neigend, aber psychisch gesund, trifft auf eingeschüchterte Patienten, deren Selbstwertgefühl wiederherzustellen er sich zur Aufgabe macht.

Die Institution beherbergt nach ihrem Krankheitsgrad kategorisierte Patienten. So gibt es die schweren Fälle, denen man ihre Verrücktheit sofort ansieht, und die leichten Fälle, die man nur ungern als Irre bezeichnet. Denn sie scheinen lediglich Repressalien ausgesetzt zu sein, denen ihre psychische Labilität nicht gewachsen ist. In der Person der Stationsschwester Mildred Ratched manifestiert sich ein Kontrollorgan mit diktatorischen Zügen, das Individualitätsbedürfnisse einzelner Patienten durch psychologische Autorität zu unterbinden weiß. McMurphy scheint als Einziger imstande, sich zur Wehr zu setzen. Er ist Rebell, der mit den anderen Insassen zusammenwächst und der Unterdrückung entgegensteuert, womit er seinen persönlichen Kampf gegen Schwester Ratched und das autoritäre System der Anstalt führt. Diesen Kampf lässt Regisseur Milos Forman McMurphy anfänglich auf humoristische Weise führen, ehe er fortan mehr und mehr zur Tragik schreitet. Besonders lobenswert ist, dass Forman bei seiner Komik die Patienten nicht entwürdigt, sie nicht der Lächerlichkeit preisgibt. Und selbst wenn eine Figur nicht vollends auf der geistigen Höhe ist, so wird sie stets liebenswert portraitiert. Verrücktheit einzufangen, gelingt Forman viel mehr mit Hilfe von Musik, wodurch sich im Zusammenspiel mit den Bildern eine atmosphärisch sympathische Skurrilität entwickelt.

Die Kritik an einer entmenschlichenden Nervenheilanstalt ist hier in der Tat gelungen. Nicht zuletzt spielt der Film fast ausschließlich auch in dem tristen Gebäude und lässt die Patienten nur einmal wirkliche Freiheit schnuppern. Neben einem über die ganze Distanz ausgewogenen Spannungsbogen lässt sich dennoch aber vor allem eins vermissen: Es ist die Antwort auf die Frage, warum so viele Insassen freiwillig die Heilanstalt aufsuchen? Ist es die harte Realität, die gnadenlose Gesellschaft vor der sie alle flüchten? Und bietet die Institution deshalb trotz ihrer Freiheiten beraubenden Methodik paradoxerweise nicht auch eine gewisse Sicherheit, einen Ort, abgeschirmt von der Gesellschaft? - Diesen Fragen widmet man sich leider nicht mit nötiger Tiefgründigkeit; ihre Antworten werden dementsprechend nur angedeutet.

Nichtsdestotrotz sind die Oscars nicht unverdient. Insbesondere das schauspielerische Aufgebot überzeugt auf ganzer Linie. Jack Nicholson spielt wie so oft in seiner Karriere schlichtweg großartig. Mit seinem rebellierenden McMurphy bringt er ein ums andere Mal sarkastisch grimassierend das nötige Leben in die Heilanstalt. Selten verkörperte Nicholson eine so aufmüpfige Figur mit so viel Sympathie. Eine Klasse für sich ist ebenfalls Louise Fletcher. Absolut delikat spielt sie die kühle, Macht ausübende Schwester Ratched mit ihrer latenten Boshaftigkeit.

An Größe mangelt es dem Werk wahrlich nicht. "Einer flog über das Kuckucksnest" ist eine tragikomische Tagebuchführung über den öden und autoritär bestimmten Alltag in einer Nervenheilanstalt. Hier wird man nicht geheilt, hier verkümmert man. Einzig und allein die diskrepante Beziehung der Patienten zur Institution als einen Ort der Bevormundung, aber auch der Sicherheit hätte tiefgründiger beleuchtet werden können.


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