"Jäger der verlorenen Träume"
Wenn man die Comicverfilmung Die Abenteuer von Tim und Struppi - Das Geheimnis der Einhorn gesehen hat, kann man sich erstmals vorstellen, dass in nicht allzu ferner Zukunft auf Schauspieler - zumindest im herkömmlichen Sinne - verzichtet werden kann. Nur ist das wirklich eine angenehme Vorstellung?
Tatsache ist, dass das Motion-Capture-Verfahren - also die Übermittlung von Bewegungen und Mimik vor einer Green Screen agierender Darsteller an einen Computer, der daraus einen Animationsfilm-Look kreiert - nie so ausgereift gewirkt hat wie in Steven Spielbergs neuestem Film. Die Bewegungen sind flüssig, Gesichtsausdrücke und Gestik beinahe lebensecht. Ähnlich wie bei James Camerons Avatar ist man zunächst erschlagen von der technischen Perfektion und braucht daher eine ganze Weile um die dünne Geschichte, die hausbackene Dramaturgie und die inszenatorische Redundanz dahinter zu erkennen.
Trotz seiner unverkennbaren Faszination für Special Effects war Steven Spielberg vor allem eines, ein großartiger Geschichtenerzähler. Was ihn aber letztendlich zu Hollywoods Regiewunderkind machte, war seine ungebrochene Fähigkeit zu träumen und Träume zu erschaffen. Spielberg hat sich lange Zeit die Fähigkeit bewahrt mit kindlicher Begeisterung und Faszination an seine Projekte heranzugehen und damit seine größten Erfolge gefeiert (u.a. E.T., die Indiana Jones-Trilogie oder Jurassic Park).
Das Holocaust-Drama Schindlers Liste markiert in Spielbergs Ouevre zweifellos einen Wendepunkt, nicht nur was die Ernsthaftigkeit der Stoffe betrifft, sondern vor allem auch die Leichtigkeit, Unbekümmertheit und Frische seines Regiestils. Mag sein, dass er einfach älter und reifer geworden ist, wahrscheinlicher ist aber, dass ihm aufgrund all der düsteren und schwermütigen Geschichten seine frühere Stärke abhanden gekommen ist. Bester Beweis war die versuchte Wiederbelebung seiner berühmtesten Filmfigur, ein kommerzieller Hit sicher, aber ein künstlerischer Flop wie er ernüchternder nicht sein konnte. Der im Vergleich zu den Vorgängern dröge und inspirationslose vierte Indiana Jones-Film offenbarte auf schmerzliche Art und Weise, wie wenig Spielberg offenbar noch in der Lage ist zu träumen.
Die Abenteuer des Tim und Struppi ist in dieser Hinsicht zumindest wieder ein kleiner Lichtblick. Zwar erreicht der Altmeister nie die schwungvolle Eleganz und Achterbahn-artige Rasanz mit der er vor dreißig Jahren das Abenteuerkino revolutionierte (Jäger des verlorenen Schatzes), trotzdem ist ihm endlich mal wieder ein einigermaßen flott erzählter und unterhaltsamer Film für die ganze Familie gelungen. Am Ende ist man dennoch etwas enttäuscht und das aus vielerlei Gründen.
Zunächst einmal ist die aus mehreren Hergé-Comics (u.a. „Das Geheimnis der Einhorn" und „Der Schatz Rackhams des Roten") zusammengeschusterte Handlung nicht sonderlich originell oder gar wendungsreich. Sie folgt der altbewährten und bekannten Genredramaturgie vom Auszug des Helden in fremde Gegenden um ein dunkles Geheimnis zu lüften, bzw. um ein verzwicktes Rätsel zu lösen. Auf seiner Reise trifft er einen meist etwas spleenigen Gefährten, mit dem er eine Reihe brenzliger Situationen zu bestehen hat, bis er schließlich über seine(n) Gegner triumphiert.
In diesem Fall geraten der jugendliche Reporter Tim (Jamie Bell) und sein treuer Hund Struppi eher zufällig - in einem auf dem Flohmarkt erstandenen Schiffsmodell stoßen sie auf einen geheimnisvollen Hinweis - in die Wirren um die Suche nach einem verschollenen Piratenschatz. Unterwegs geraten sie an den permanent alkoholisierenden Kapitän Haddock (Andy Serkis) der in irgendeiner Weise mit dem zwielichtigen Schatzjäger Sakharin (Daniel Craig) verbunden scheint.
Nach einer fulminanten Exposition, in der die Titelfiguren liebevoll und auf charmant schwungvolle Art eingeführt werden, gehen der Handlung die zündenden Ideen aus, was Spielberg mit zahlreichen Actioneinlagen mehr oder weniger erfolgreich zu kaschieren versucht. Das Problem liegt letztlich in der Auswahl der beiden Comicvorlagen begründet, die zweifellos nicht zu den stärksten Bänden der Reihe zählen. Ganz offenbar wollte man für den ersten Film unbedingt auch die unter Fans so beliebte Figur des Captain Haddock dabeihaben und musste damit auf die erzählerisch stärkeren Einführungsbände verzichten. Darüber hinaus hat man den anarchischen Charakter wohl aus kommerziellen Beweggründen etwas glatt gebügelt, so dass eigentlich nur noch seine Trunksucht übrig bleibt und dieser „Gag" dann mangels Alternativen bis zur völligen Erschöpfung seitens der Zuschauer totgeritten wird.
Dass es dennoch nie wirklich langweilig wird, ist den teilweise clever arrangierten Action-Sequenzen zu verdanken. Hier kommt am Deutlichsten der „alte" Spielberg zum Vorschein, der es wie kein anderer versteht, halsbrecherische Stunts mit Witz und Ideenreichtum zu veredeln. Trotz des hohen Unterhaltungswerts und vergleichbarer Qualität, haben diese Szenen aber nicht die Wirkung wie beispielsweise in seinen Indiana Jones-Abenteuern. Hier erwiest sich die Entscheidung für die Motion-Capture-Technik als Hauptproblem. Als Zuschauer weiß man ganz genau, dass am Computer jede noch so undenkbare Akrobatik oder Tollkühnheit problemlos und dazu visuell absolut überzeugend produziert werden kann. Das kann durchaus lustig und schwer unterhaltsam sein, aber niemals zu solchen Wow-Effekten führen, wie es von Menschen durchgeführte Stunts - sofern man auf CGI-Unterstützung verzichtet - vermögen.
Spielberg und sein Co-Produzent Peter Jackson haben sich ganz bewusst für den Computerlook entschieden, um der gezeichneten Vorlage möglichst nahe zu kommen. Ironischerweise ist dies die größte Schwäche des Films, der seltsam steril und emotionslos wirkt und jegliche charakterliche Tiefe vermissen lässt. Das mag dem Geist der Comics recht nahe kommen, nur sind diese nicht unbedingt mehr zeitgemäß. Die Comic-Realverfilmungen der letzten Jahre (v.a. Sam Raimis Spider Man-Trilogie, Christopher Nolans Batman- und Brian Singers X-Men-Filme) haben bewiesen, dass Comicvorlage und ausgefeilte Figurenentwicklung bestens harmonieren können. Gut, Spielberg und Jackson haben sich für einen anderen Ansatz entschieden. Das ist legitim und plausibel begründbar, allein das Ergebnis kann nicht so recht überzeugen.
Die Abenteuer des Tim und Struppi ist ein klassischer „Style over Substance"-Fall, eine tricktechnische Bonbontüte, die nach dem Genuss die ein oder anderen Bauchschmerzen verursacht. Ideenreichtum, Detailverliebtheit und rasanter Action stehen eine wenig aufregende Handlung, blasse Figuren und eine sterile Atmosphäre gegenüber. Hauptverantwortlich dafür ist das am Computer generierte Motion-Capture-Verfahren, wunderbar anzusehen, aber letztlich seelenlos. Gerade für das Abenteuerkino, das neben seinen Schauwerten auch von den erzeugten Emotionen und insbesondere dem augenzwinkernden Charme seiner Swashbuckler-Helden lebt, ein nicht unerhebliches Manko. Noch haben Darsteller die in echten Kostümen vor echten Hintergründen agieren nicht völlig ausgedient. Und das ist definitiv eine beruhigende Vorstellung.