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Zettl (2012)

Eine Kritik von Bretzelburger (Bewertung des Films: 2/10)
eingetragen am 08.02.2012, seitdem 300 Mal gelesen


"Lasst mich den Löwen auch spielen!" oder "Berlin, f'ick jut"

Das mit der Hauptstadt, stellt Helmuth Dietl gleich zu Beginn klar. Damals in den seligen 80ern der alten BRD war München noch die heimliche Hauptstadt Deutschlands, heute ist es Berlin. Allein in dieser kurzen animierten Sequenz - dem eigentlichen Film voran gestellt - wird schon der wesentliche Unterschied zwischen Dietls 2012 entstandenem Film "Zettl" und seiner Gesellschaftssatire "Kir Royal" deutlich - Berlin ist der politische Mittelpunkt eines vereinten Deutschlands, die Münchner aber fühlten sich so.

Dietls Blick auf München war liebevoll entlarvend. Ob es sich in München tatsächlich um den Nabel der Welt handelte, spielte für seine Einwohner keine Rolle, entscheidend war, das man sich so fühlte. Natürlich machte sich Dietl über machthungrige CSU-Politiker lustig, wie über viele weitere Charakteristika der "Bussi-Gesellschaft", wie etwa die damals sehr angesagte "Nouvelle Cuisine", aber auch Nicht-Münchner empfanden Sympathie für den Klatschreporter Baby-Schimmerlos, seine Mona und die anderen Protagonisten, gerade mit ihren menschlichen Schwächen. Es war immer zu spüren, das Dietl und sein Autor Süsskind wussten, wovon sie hier erzählten - die Stärke lag in dem hohen Grad der Authentizität, die nur leicht satirisch modifiziert werden musste, um die Dinge auf den Punkt zu bringen.

Vielleicht wäre der Blick auf "Zettl" ein ganz anderer, wenn Dietl selbst nicht diesen unmittelbaren Bezug zu "Kir Royal" hergestellt hätte. Nicht nur, das Max Zettl (Michael Herbig) in die Fußstapfen des Baby Schimmerlos tritt, mit Herbie Fried (Dieter Hildebrandt) begleitet ihn wieder der selbe Fotograf, und auch Mona (Senta Berger) hat inzwischen eine Wohnung in Berlin. Etwas in Vergessenheit geraten ist Dietls damaliger genialer Schachzug, ausgerechnet Franz Xaver Kroetz, Autor sehr kritischer und provokativer Theaterstücke, und Dieter Hildebrandt, dessen Kabarettsendung vom bayerischen Fernsehen nicht gezeigt werden durfte, zu besetzen, die in ihren Rollen sehr viel Selbstironie bewiesen.

Von einer Ambivalenz und oder gar verborgenen Tragweite ist in "Zettl" nichts mehr zu spüren. Der Film ist geradezu brachial in seinen Charakterentwürfen und dem dazu gehörigen Humor. Alles muss in "Zettl" ganz groß sein - der Bundeskanzler (Götz George) hat nicht nur eine viel jüngere Geliebte, Verena (Karoline Herfurth), sondern ist erst fast, dann richtig tot, weshalb er von machtgierigen Politikern (Harald Schmidt als Ministerpräsident Scheffer), bei denen selbstverständlich die Nutten kommen und gehen, tief gefroren wird.

Der regierende Bürgermeister (Dagmar Manzel) ist nicht nur schwul, sondern dazu noch eine Frau, die eigentlich ein Mann ist. Man muss Berlin weder mögen, noch besonderer Kenner der Szene sein, um mitzubekommen, das Klaus Wowereit bei den Berlinern gerade deshalb so gut ankommt, weil er seine Mutter und seinen Hund liebt und auch sonst eher ein entspannter Zeitgenosse ist. Dieser Charakterzug bietet sich für satirische Spitzen durchaus an, aber die völlig überzogene Story, die Dietl hier auftischt, hätte höchstwahrscheinlich nur den Wahlsieg von Frau Künast zur Folge gehabt.

Allein die Dialekte werden alle so übertrieben gesprochen (Frau Manzel und Frau Herfurth bekommen sich vor lauter "Icke" kaum noch ein), das jede Glaubwürdigkeit dabei verloren geht. Nur Michael Herbig beschränkt sich auf ein angenehm zurückhaltendes Bayrisch, aber das macht ihn als Berlin-Insider auch nicht authentischer. Selbst die Anspielung auf "Zettel, den Weber" aus Shakespeares "Sommernachtstraum" passt hier nicht, denn während dieser davon träumte, alle Rollen zu spielen und bei Titania zu landen, ist Max Zettl hier nur ein Karrierist, dem jede weitere Motivation fehlt. Gewissensbisse sind ihm genauso fremd, wie Selbstzweifel und Unsicherheit. Theoretisch müsste dieser Max Zettl ein äußerst unsympathischer Zeitgenosse sein - eine Konstellation, die sich durchaus positiv auf den Film hätte auswirken können - aber Michael Herbig ist eben auch "Bully" und gleicht diesen Charakter nonchalant mit seiner gewohnt sympathischen Ausstrahlung aus.

Vielleicht wollten Helmuth Dietl und Co-Autor Benjamin von Stuckrad-Barre gar keine tiefsinnige Gesellschaftssatire herausbringen, sondern setzten bewusst auf die Brachialkarte, um der heutigen Gesellschaft damit den Spiegel vorzuhalten. Max Zettl steht für den typischen Aufsteiger, dessen angenehme Art problemlos Jeden darüber hinwegtäuscht, um welch fiesen Charakter es sich bei ihm tatsächlich handelt. Seine Inszenierung um die Bürgermeisterin, die ihn sofort selbst zum Fernseh-Star werden lässt, bedient die Sensationsgier eines oberflächlichen Medienpublikums - und das die Politiker gerne zuerst an sich selbst denken, ist auch keine besonders gewagte These.

Dieser gedankliche Ansatz hätte seine Berechtigung, aber um das kritische Potential herauszuarbeiten, wäre es notwendig gewesen, ein gewisses Maß an Glaubwürdigkeit oder Realität als Grundlage zu schaffen. Doch Dietl lässt in "Zettl" nichts aus, sondern entwickelt seinen Film als einzige aufgeregte Übertreibung, ohne Ruhepunkte oder Halt zu finden. Und auch das Dietl sich mit Berlin nicht anfreunden konnte, kann kein Grund dafür sein, die üblichen Klischees hier wieder zu verbreiten, die nur Leute glauben, die die Stadt nicht kennen.

Letztlich hätte er seine Story, deren kritisches Potential generell anzusehen ist, unabhängiger vom Spielort anlegen sollen, denn "Zettl" hat mit Berlin im Grunde nichts zu tun - leider auch nichts mit einer Satire oder einem guten Film (2/10).


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