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Beetlejuice (1988)
Eine Kritik von Fastmachine (Bewertung des Films: 7/10) eingetragen am 19.08.2007, seitdem 620 Mal gelesen
„Beetlejuice“ lässt den Alptraum aller Modelleisenbahnfans wahr werden: In ihrer sauberen Modellwelt im Maßstab H0 treibt ein anarchistischer Geist sein Unwesen, der all ihre jahrelangen Anstrengungen, sich ein besser funktionierendes, wohlgeordnetes Abbild der Wirklichkeit zu schaffen, einfach sprengt.
Heimlich sehnt sich der Modelleisenbahner danach, die Welt möge so sein, wie er sie sich im Kleinen neu erschaffen hat. Ist sie natürlich nicht.
Dies muss auch das junge Ehepaar Maitland erfahren, das sich gerade den Traum vom Schöner Wohnen auf dem Lande erfüllt hat. Barbara (Geena Davis) und Adam (Alec Baldwin) Maitland sind nett, bis an die Schmerzgrenze nett und mit einer zwar süßen, aber unverkennbar der Phantasielosigkeit entsprungenen Spießernormalität geschlagen. Sie schenken sich gegenseitig Pflegemittelchen zum Renovieren ihrer netten Wohnung. Und als ob es nicht reichte, in einem Städtchen zu wohnen, das wie ein Postkartenamerika in den Fünfziger Jahren aussieht, bastelt Adam sich auf dem Dachboden ein detailgetreues Modell der Ortschaft.
Schon in der Eröffnungssequenz gleitet die Kamera über das Städtchen im Grünen, die sauberen weißen Häuser, um dann, nach einem fast unmerklichen Schnitt, übergangslos an der selben Stelle über Adams Stadtmodell weiterzufliegen. Während andere Modellbauer ihre unerfüllten Ordnungswünsche in der Modellwelt ausleben, haben die Maitlands ihre geordnete Normalitätsphantasie in die Wirklichkeit umgesetzt. Ihre Phantasien sind damit restlos befriedigt und erloschen, folglich bastelt sich Adam als Wunschwelt eine exakte Kopie ihres Wohnortes.
Seltsam eindimensional und unfruchtbar ist diese Beziehung, was Burton mit der unfreiwilligen Kinderlosigkeit des Pärchens versinnbildlicht.
Den weiteren Plänen des Ehepaars Maitland kommt ein wichtiges Ereignis zuvor, das sich schon oft als sehr wirksamer Hinderungsgrund erwiesen hat: der eigene Tod. Zu ihrer Überraschung widerfährt ihnen im Jenseits all das, was sie bisher so sorgsam aus ihrem Leben verbannt hatten: Das Groteske, das Phantastische und Unerklärliche. Burton tummelt sich ganz in seinem Element, als er uns das Jenseits als farcenhaft übersteigerte Bürokratie vorführt, die in schrägen Architekturen angesiedelt ist und offenbar von Freaks bevölkert wird. Die phantastischen Jenseitsbesuche der Maitlands fügt Burton aus Zitaten der ganzen Filmgeschichte zusammen, vom deutschen Expressionismus bis zum modernen Horrorfilm. Die bewusst antiquierte Tricktechnik und übersteigerte Groteske lässt den Film trotzdem nicht als billigen Klamauk wirken, weil Burton spielerisch die herbeizitierten Genreklischees verdreht, um die Erwartungen der Zuschauer komisch zu unterlaufen.
Es soll noch härter für die toten Maitlands kommen. Als Geister müssen sie über hundert Jahre in ihrem Haus spuken, bevor sie endgültig ins Jenseits wandern. Zu ihrem Entsetzen zieht das New Yorker Yuppiepaar Deetz samt Tochter in ihr ehemaliges Haus, um es nach eigenem Gusto umzugestalten. In Notwehr versuchen die Maitlands sich als spukende Gespenster, um die entsetzlichen Deetz zu vertreiben, erweisen sich aber als allzu nette Dilettanten, um die abgebrühten Großstädter beeindrucken zu können.
Burton gestaltet die Familie Deetz als vollkommenen Gegenpol zu den Maitlands. Charles (Jeffrey Jones) ist ein dösiger Immobilienmakler, der als bequemer Mensch ganz unter dem Pantoffel seiner umtriebigen Frau Delia (Catherine O’Hara) steht. Charles Gedanken laufen nur in banalen ökonomischen Bahnen, alles, selbst Geistererscheinungen, will er als billiges Vergnügen vermarkten. Delia hingegen versucht sich trotz völliger Talentfreiheit als Künstlerin. Ihre Skulpturen sind wahre Spottgeburten an Phantasielosigkeit, zum vollkommen Klischeebild versteinerte Symbole dessen, was sich das blasierte Großstadtbürgertum unter moderner Kunst vorstellt. Während die Maitlands nett und einfältig sind, gefallen sich die Eheleute Deetz in egozentrischem Gehabe, jeder ist mit seiner eigenen Person beschäftigt. Das Leben ihrer Tochter Lydia (Winona Ryder) nehmen sie praktisch nicht wahr.
Kämpfen hier also die guten und netten Maitlands gegen die gierigen und eingebildeten Deetz? Wird aus diesem Grunde der ganze Schabernack mit Geistern getrieben? Diese bequeme Deutung unterschätzt die Komplexität dieser Komödie, die deshalb häufig als skurrile Nummernrevue etwas unterbewertet wird. Es bleibt bei einer solchen Deutung von „Beetlejuice“ das schale Gefühl, der faszinierenden Aura von Burton nicht gerecht geworden zu sein. Nun muss man nicht irgendeinen verborgenen „Hintergrund“ vermuten und das Ganze bedeutungshuberisch mit philosophischen Botschaften aufladen, sondern es reicht, die Richtung der Deutung zu ändern.
Man kann Burton, genauer seinen Drehbuchautoren, nicht den Vorwurf ersparen, durch eine unausgegorene Gewichtung der Personen und Handlungselemente diesen Missverständnissen Vorschub geleistet zu haben. Burton sollte schon mit seinen nächsten Werken deutlich reifere Leistungen zeigen. Umgekehrt ist es aus heutiger Perspektive möglich, wenn man das Gesamtwerk Tim Burtons im Blick hat, „Beetlejuice“ etwas anders zu bewerten.
Obwohl uns zu Beginn die Maitlands als Identifikationsfiguren und Sympathieträger angeboten werden, ja ihnen vielleicht auch über Gebühr Handlungsgewichte zugeteilt werden, sind es trotzdem nicht sie, um die Burton den Film künstlerisch organisiert.
Die einfältige Welt der Maitlands wird eben auch, wie die der Deetz, von Burton farcenhaft übersteigert und karikiert.
Fast unauffällig, jedoch unübersehbar, ruht die ungeteilte Sympathie von Drehbuch und Regie auf Lydia, der vernachlässigten Tochter der Maitlands. Unter der Verkleidung im Gothic-Look verbirgt sich ein tieftrauriger, ungeliebter Teenager. „Ich bin allein, ganz und gar allein“, bringt sie in einem versuchten Abschiedsbrief zu Papier, als sie sich mit Selbstmordabsichten trägt, verstört von dem selbstsüchtigen, eitlen und lieblosen Gehabe der Erwachsenen. Sie flüchtet in das Reich der Phantasie und als Goth scheinen ihr Tod und Jenseits erstrebenswerter als die Wirklichkeit. Sie allein hat folgerichtig Anteil an alle Welten und Realitätsebenen, die Burton in „Beetlejuice“ miteinander verquickt. Sie allein kann die Geister der Maitlands sehen, während ihre Eltern nur dem äußerlichen Spuk zum Opfer fallen. Kurz: Sie allein ist mit schöpferischer Phantasie begabt, die allen anderen Figuren des Films fehlt. Und damit sind wir in der wirklichen Herzkammer von Tim Burtons „Beetlejuice“ angekommen.
Tim Burton verteidigt die Kraft der menschlichen Phantasie gegen die Monotonie der verwalteten Welt wirklich bis zum letzten Atemzug und mit „Beetlejuice“ sogar noch darüber hinaus. „Lebende Menschen ignorieren oft das Seltsame und Ungeheure“, meint Lydia, will sagen, sie sind taub für die Phantastik der Welt die sie umgibt und ihre eigene Phantasie ist schon lang erloschen.
Burtons ganze Sympathie gehört den Unverstandenen, den Außenseitern, den Nichtdazugehörigen, denen es davor graut, das eigene Leben zu kategorisieren und in unbezweifelbaren Gewissheiten erstarren zu lassen. Unter den grellen Fassaden der Genreklischees und -parodien, die vermeintlich den Kern der Burtonschen Filmkunst ausmachen, verbergen sich die verstörten Grenzgänger, deren merkwürdige Wege tatsächlich in das Herz von Burtons Welt führen.
Die ganz eigentümliche Atmosphäre seiner Filme, erzeugt durch Zitatwälder aus der (B-) Filmgeschichte, lässt sich auch deshalb nur so unvollkommen greifen, weil sich keine fertige Botschaft hinter den Fassaden verbirgt.
Es ist schwer, das Unbeschreibliche zu beschreiben, aber vielleicht geht es so: Tim Burton denkt vom unzulänglichen Menschen her, vom unfertigen, vom unglücklichen. Von Menschen, die von starken Gefühlen umgetrieben sind, welches Leben sie unter keinen Umständen leben wollen, aber ganz ungewiss sind, wohin sie wollen. Trotz ihrer tragikomischen Mangelhaftigkeit werden sie es aber immer weiter unbeirrbar versuchen, ihrer Phantasie, ihrem Herzen zu folgen. Was die ruhelosen, manchmal unlogischen Storyelemente so faszinierend zusammenhält, ist der Stil der phantastischen Einbildungskraft, den Burton pflegt und meist in einer oder mehreren Figuren geradezu Körper gewinnen lässt.
Dieser grundlegende Figurentyp taucht geradezu leitmotivisch in Burtons Filmen auf
„Edward Scissorhands“, der unfertige Kunstmensch und gesellschaftliche Außenseiter, unsicher in Sozialverhalten und Sexualität. „Ed Wood“, der unzulängliche, aber unbeirrbare Visionär, verloren zwischen den Geschlechtern. Die Teenager aus „Mars Attacks!“, der Slacker und die Präsidententochter, die einzigen Normalen in einem Panoptikum von Freaks. Der Ermittler Ichabod Crane aus „Sleepy Hollow“, der ungeschickt und ängstlich zwischen Wissenschaft und Magie umherirrt. Und eben in diese Reihe gehört Lydia, die schwarz gewandete Teenagerin aus „Beetlejuice“.
Was uns oft peinlich vorkommt, unausgegoren und wüst, die Pubertät, wird von Burton als das gezeigt, was sie ist: nämlich die Lebensphase, in der man am offensten für die Kraft der Phantasie ist, weil man noch nichts ist, und vieles werden kann, kurz weil man noch kein fertiger Mensch ist. Fast alle anderen Figuren Burtons wirken fassadenhaft, ja oft farcenhaft, weil sie fertige, im schlechten Sinne „erwachsene“ Menschen sind. Burtons Faszination rührt vielleicht daher, dass er als Erwachsener, im Vollbesitz aller Kunstfertigkeit, trotzdem die pubertäre Phantasie als kreative Quelle beschwören kann, ohne kindisch oder albern zu wirken.
Und der titelgebende Geist Betelgeuse, gesprochen Beetlejuice? Der ist nämlich der wahre Gegenspieler der ganzen phantasielosen Erwachsenen und, viel entscheidender, die Hauptgefahr für die suchende Lydia. Betelgeuse lebt verborgen in der Verkörperung von Ordnung und Phantasielosigkeit, nämlich Adams Stadtmodell. Man muss ihn dreimal mit Namen rufen, damit er erscheinen kann. Prompt bietet er als „Bio-Exorzist“ den amateurhaften Maitland-Geistern an, das lästige Deetz-Pack aus dem Hause zu vergraulen. Michael Keaton gibt trotz vergleichsweise geringer Leinwandzeit eine exaltierte Glanzleitung als Betelgeuse. Wild, unbeherrscht, schrankenlos und vollkommen egomanisch ist er die dunkle Seite der Phantasie. Anarchistisch unterminiert er alle Ordnung, doch er wirkt rein zerstörerisch, wild wechselt er in tausend Erscheinungsformen, doch bleibt ganz ziellos und im Grunde unschöpferisch.
Lydia will Liebe und Phantasie, aber Betelgeuse hat nur Geilheit und Budenzauber. Und möchte deshalb die Grenzgängerin Lydia für sich in einer schrägen Hochzeitszeremonie an sich ketten. Die Geister, die man aus Not und Phantasielosigkeit rief, wird man nur schwer wieder los.
Moral von der Geschichte: Eine Betelgeuse braucht nur, wer selbst nicht genug Phantasie hat. Und loswerden kann man ihn ebenso nur: mit Phantasie. Und dann lässt Tim Burton alle Gäule laufen und alle Realitätsebenen geraten in ein gewaltiges Tohuwabohu.
Am Ende haben sich Phantasie und Wirklichkeit gegenseitig befruchtet. Die Lebenden und die Toten leben in harmonischem Miteinander und friedlicher Koexistenz, wie Burton ironisch zu verstehen gibt. Und die Liebe gewinnt Lydia für das Leben zurück und die Phantasie verleiht ihr Flügel und lässt sie schweben.
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