Mr Ice Guy
„And - Action!" Was üblicherweise als universelles Kommando für den Drehbeginn einer einzelnen Szene gilt, kann im Fall von Lockout für den gesamten Film gleichermaßen treffend zur Kategorisierung, als Inhaltsangabe oder gleich als Rezension dienen. Puristisches Actionkino ohne wenn und aber gehört seit längerem zu einer aussterbenden Gattung und fristet ein unerquickliches und - gemessen an früheren Glanzzeiten - bemitleidenswertes Dasein in staubigen Videothekenecken. Die wenigen noch existierenden Leinwandproduktionen versuchen durch exorbitante Budgets und sterile CGI-Schlachten die Masse zu begeistern und müssen dabei obendrein noch familientauglich daherkommen. Ein wahrhaft grausiges Szenario für den wahren Action-Aficionado zumal die einst im Kino gleichermaßen beliebte wie erfolgreiche B-Kategorie aus der Filmlandschaft gar völlig verschwunden ist und hat damit einem Direct-to-DVD-Bodensatz Platz gemacht, für den die Buchstaben des Alphabets nicht selten arg limitiert scheinen.
Umso größer natürlich die Freude, wenn alle Jubeljahre auf etablierte Konventionen sowie die damit einhergehenden faulen Kompromisse gepfiffen wird. Für alle die den seligen Stallone-, Schwarzenegger- und Seagal-Zeiten der 80er und frühen 90er Jahre hinterher trauern gibt es zur Abwechslung mal wieder einen Lichtstrahl am Ende des ansonsten nachtschwarzen Frust-Tunnels. Also rein ins Kino, wer weiß wie lang die (unweigerlich) nächste Durststrecke wird. Lockout heißt die Adrenalinspritze und die ist erfreulich hoch dosiert.
Luc Besson - der französische Hans Dampf in allen Filmgassen - mag zwar laut eigener Aussage „etwas gegen die Konventionen des Actionfilms, wie er in Hollywood in den 1980er Jahren Furore machte" haben, hat aber in seiner neuesten Produktion diese Aussage glücklicherweise vollständig ad absurdum geführt. Lockout ist - weit mehr übrigens als der hier immer angeführte Expendables - die reinste Reminiszenz an die letzte Genre-Glanzzeit seit einer gefühlten Ewigkeit.
Das beginnt schon mit der goldrichtigen Entscheidung für ein räumlich begrenztes Szenario. In fröhlicher Anlehnung an den Carpenter-Klassiker Die Klapperschlange geht es um den Einbruch in ein Hochsicherheitsgefängnis. Da wir uns inzwischen im Jahr 2079 befinden hat man die Kapitalverbrecher gleich ins Weltall verbannt, wo sie im Raumstations-Knast MS One im künstlichen Tiefschlaf um die Erde kreisen. Die Tochter des US-Präsidenten will sich über die Haftbedingungen und mögliche Nebenwirkungen des Kälteschlafs informieren und plant zu diesem Zweck diverse Interviews. Dabei gelingt es einem Insassen (Hydell) sich zu befreien und ein Gros der unselig schlummernden Belegschaft aufzuwecken. Unter dem Kommando des halbwegs besonnen Alex nehmen die frisch Erwachten eine Gruppe Geiseln und fordern freien Abzug.
Aufgrund der Anwesenheit der Präsidententochter wird ein Frontalangriff verworfen und man setzt zunächst auf die gute alte Ein-Mann-Befreiungsaktion. Schließlich haben die Geiselnehmer noch gar nicht realisiert, welcher Haupttreffer ihnen da ins Netz gegangen ist. Natürlich bedarf es einer besonderen Motivation, um ein solches Himmelfahrtskommando anzutreten. Auf den Ex-CIA-Agenten Snow warten 30 Jahre Haft wegen Mordes und Hochverrats, da klingt der bevorstehende Auftrag nicht mehr ganz so abschreckend. Obendrein bietet sich dabei auch noch die Möglichkeit die eigene Unschuld zu beweisen ...
Held der launigen Action-Sause ist der bis dato nicht unbedingt im Testosteron-Kino beheimatete, insgesamt recht schmächtige Guy Pearce. Der seit seinen frühen Galaauftritten in L.A. Confidential (1997) und Memento (2000) häufig nur noch als Nebendarsteller in Erscheinung getretene Engländer war sich dieses Problems scheinbar durchaus bewusst. Jedenfalls hat er sich für diese Rolle in nur 3 Monaten etwa 25 Kilo Muskelmasse antrainiert. Wer jetzt allerdings einen tumben, wortkargen Rambo-Auftritt erwartet, dürfte sich verwundert die erwartungsfrohen Äuglein reiben.
Pearce lässt jedem Schuss (und das sind eine ganze Menge) und jedem Hieb (auch damit ist er nicht geizig) einen knackigen Oneliner folgen und klopft damit mehr markige Sprüche, als Steven, Dolph und Jean-Claude gemeinsam in ihrem gesamten Oeuvre der letzten zehn Jahre. Die Flapsigkeit und Coolness wird dabei gnadenlos auf die Spitze getrieben und verpasst dem Film somit einen strahlenden Selbstironie-Anstrich, der den großem Vorbildern oftmals abging.
Zum guten Genreton gehören auch ein paar inhaltliche Ungereimtheiten bzw. Logiklöcher, die allerdings mit ordentlich Tempo und schnörkellos inszenierten Actioneinlagen mehr als wett gemacht werden. Auch hier spielt Lockout in der Oberliga und lässt kaum Raum für solch nörglerische Gedankenspiele. Das bisher lediglich im Werbe- und Kurzfilmbereich arbeitende Regieduo James Mather und Stephen St. Leger rechtfertigt das Vertrauen ihres namhaften Produzenten auf ganzer Linie (die ein zwei tricktechnischen Ausrutscher wollen wir mal dem überschaubaren Budget zuschreiben) und serviert den trostlos vor sich hin darbenden „Old-School-Actionfans" einen kaum mehr für möglich gehaltenen Leckerbissen, der die entwöhnten Geschmacksnerven mal wieder so richtig befeuern dürfte. „And - Action!"