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Double Vision - Fünf Höllen bis zur Unsterblichkeit (2002)
Eine Kritik von Blade Runner (Bewertung des Films: 6/10) eingetragen am 12.03.2004, seitdem 1498 Mal gelesen
„Double Vision“ gehört zu den teuersten Filmproduktionen Taiwans und braucht sich dank Regisseur Chen Kuo Fu keinesfalls vor westlichen Vorbildern verstecken. Ganz im Gegenteil, denn asiatische Produktionen haben so gut wie immer den Vorteil nicht auf Massentauglichkeit hin inszeniert zu werden und so ist auch dieser Mysterythriller ein Musterbeispiel für konsequenten, kompromisslosen Stil der Marke Fernost. Allein die Tatsache, dass der Film für eine spätere Vermarktung in Amerika und Europa Federn lassen musste spricht diesbezüglich Bände.
Fu klammert sich eher wenig an Konventionen, sondern serviert nach zwei Openingsappetithappen, in denen ein Mann im Büro erfriert und eine Frau in ihrer Wohnung verbrennt (ohne das es Hinweise auf Kälte beziehungsweise Feuer gibt), eine sehr ausführliche Charakterstudie und räumt seinen Hauptfiguren weit mehr Platz ein, als es amerikanische Produktionen tun würden. Polizist Huo-Tu (Tony Leung), wird von seiner alten Abteilung, der Mordkommission, mit einem dritten seltsamen Mord konfrontiert. Doch der hat ganz andere Sorgen und seit einem tragischen Zwischenfall, in den seine psychisch angeknackste Tochter verwickelt war, mit sich, seinem Seelenheil und vor allem mit der in Ruinen stehenden Ehe zu kämpfen. So verwundert es auch kaum, dass er nicht so recht mit dem Fall vorankommt, selbst die Mediziner ratlos sind und seine Vorgesetzten in Erklärungsnöte gegenüber der Öffentlichkeit geraten. Um sich aus der Bredouille zu bewegen, wird das FBI um Hilfe gebeten, die darauf ihren besten Mann schicken. Wer wird sein Partner? Klar, Huo-Tu, der am besten Englisch spricht.
Mit Agent Kevin Richter (David Morse) probt Fu nun nicht den eindimensionalen Kulturclash, den amerikanische Regisseur hier wohl heraufbeschworen hätten, sondern belässt es bei ein paar zynischen Kommentaren auf Seiten des Amerikaners. Dabei bleibt Huo-Tu jedoch stets die Hauptfigur, während Richter nur zum Ende hin etwas mehr Zeit gewidmet wird. Mit diesem Zusammentreffen dringt „Double Vision“ auch zum Kernthema des Films vor. Nicht die Suche nach dem möglicherweise übersinnlichen Mörder, sondern die unterschiedlichen Denkweisen des Duos stehen im Vordergrund und werden gegenüber gestellt. Während Huo-Tu durchaus an religiösen Motiven in diesem Fall festhält, versucht der rational denkende Richter auf wissenschaftliche Weise den Fall zu lösen und macht auch schon bald, etwas zu geglückt, den ersten entscheidenden Fortschritt.
Dass Fus Konzept insgesamt nicht aufgeht mag wohl an den falschen Erwartungen liegen, die er mit seiner Einleitung weckt. Glaubend hier einen pessimistischen Mysterythriller vorzufinden, erlebt man langsam, aber sicher voranschreitende Ermittlungsarbeit, die von der Entwicklung der Beziehung zwischen den beiden Männern und Huo Tus Familie begleitet wird. Mit dem Vorschlaghammer unterbricht Fu dieses Kapitel jedoch ziemlich abrupt, um in ein blutiges, recht explizites Massaker zu verfallen, das sich wohl langfristig im Gedächtnis der Zuschauer manifestieren dürfte.
Wer sich Jagden auf den oder die Killer durch verregnete Sets, Schocksituationen oder überraschende Plotwendungen freut, wird enttäuscht sein, dass „Double Vision“ am Ende leider recht simpel aufgelöst wird. Es wirkt fast so, als wollte Fu mit Beginn des Tempelmassakers nur noch simples Entertainment abliefern, während der Vorlauf wirklich gut, ernst gespieltes, sehenswertes Kino war, dass nur eine Schwäche besaß: Die ersten sechzig Minuten kommen die Cops eigentlich gar nicht voran.
So wird die Auflösung final auch mit einigen, zugegeben, guten, CGI-Effekten begleitet und zeigt im Schicksal der Protagonisten noch einmal seinen Ursprung auf, der filmische Tabus im Hinblick auf die Entwicklung seiner Figuren nicht kennt – Fortsetzung ausgeschlossen. Nachträglich wohl allein schon deswegen, weil der Film sich als finanzieller Flop erwies.
Dabei ist das eigentliche Problem hier nie die dichte, düstere Atmosphäre des Films und erst recht nicht die großartigen aufspielenden David Morse und Tony Leung, sondern ganz einfach das Skript, dass ab dem Tempelmassaker von ganz wem anders zu Ende verfasst worden scheint. Bis dahin ist in jeder Sekunde offen wie sich der Film weiterentwickelt und das ist angesichts heutiger Produktionsmaximen schon ein kleines Wunder. Warum aber nun die Klärung so unbefriedigend ausfällt, viele Fragen aufwirft und das Potential nicht ausschöpft, wird wohl ewig Geheimnis des Autors bleiben. Es wirkt fast so, als wäre mit ihm plötzlich die Kreativität durchgegangen, um nach zwei Dritteln final noch mal richtig die Sau raus zu lassen.
Fazit:
„Double Vision“ ist kein Meisterwerk taiwanschen Mysteryhorrors, obwohl viele Faktoren dafür sprechen. Neben dem ausführlichen Charakterstudium und dem überragenden Schauspiel des Duos Morse/Leung, überzeugt vor allem der Plot, welcher völlig unterschiedliche Ansichten gegenüber stellt. Würde sich Fu nicht einem schwer plakativ riechendem Massaker, der wohl asiatische Konsequenz unterstreichen sollte, und einem überphantastischen, gar nicht befriedigendem Ende, hingeben, wäre hier wesentlich mehr drin gewesen.
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