|
 |

Ansicht eines Reviews
28 Days Later (2002)
Eine Kritik von Arminowitsch (Bewertung des Films: 10/10) eingetragen am 07.06.2003, seitdem 2644 Mal gelesen
Die soziale Apokalypse.
"28 Tage später" ist eigentlich mehr, als nur ein (geklauter) Zombiehorrorfilm. Vielmehr liegt eine gewisse Endzeit-artige Beklemmung im Film, der sich auch nur bedingt im Horrorgenre aufhält. Das grundlegende Storykonzept ist sicherlich nicht neu: Ein von Menschen gemachter Virus verbreitet sich (hier von Versuchsaffen) auf die Menschen (in England) und verwandelt sie in tollwütige Raubtiere, die die Seuche natürlich schnell übertragen. Danny Boyle bedient sich allerdings nicht der Horror-Erzählweise, sondern wählt eher einen apokalyptischen Stil, und lässt den Protagonisten im menschenleeren, kaputten London aufwachen. Verzweifelt und gejagt von den Kranken (hier nicht die altmodischen lahmarschigen "Braaaiiinssss"-Viecher, sondern rasante, tollwütige Bestien) trifft er sogleich auf andere Überlebende und kämpft sich mit ihnen zu einer kleinen Bastion von "gesunden" Soldaten bei Manchester vor. Dort kommt es dann zum finalen Kampf, dessen Fronten jedoch verschwimmen.
Das ganze Spektakel wird in fast dokumentarartigen, modernen Handkamerabildern präsentiert. Gepaart mit einigen derben, hektischen Schocksequenzen ergibt das eine bisher eher unausgelotete Mischung. Die Kämpfe am Schluss erinnern in ihrer Direktheit sicherlich nicht ganz unbewusst an einige der letzten Kriegsbilder aus dem Fernsehen. Ansonsten kann Boyle seinen "direct cinema"-Stil gekonnt in einen Endzeitthriller einbetten, sodass die Charaktere glaubwürdig dargestellt werden und die Action nicht zu kurz kommt. Gemetzel, etc wird in einer sehr rohen, prägnanten Form gezeigt, immer hektisch untersetzt, sodass die Effekte oft nur andeutungsweise zu sehen sind, und somit mit einer "kreischenden" Geräuschkulisse umso heftiger wirken. Beeindruckend ist auch der recht moderne, typisch britische Soundtrack, ohne die üblichen Gruselmusik-Einlagen, aber auch ohne nervige oberstylische Techno-Tracks (wie vielleicht in Blade). Das Ganze rückt den Zuschauer bedrückend nahe ans Geschehen und verleiht dem Streifen eine Authentizität und auch Brisanz, die in diesem Genre seinesgleichen sucht.
Wo wir auch bei der großen Besonderheit des Filmes wären. In einer fiktiven, aber nicht so abwägigen Form wird zugespitzt eine soziale Apokalypse dargestellt. Menschen bringen sich gegenseitig um, verhungern auf der Straße, der Überlebenstrieb hält Einzug - back to the primitive roots durch Überzivilisation. Der Zustand der Normalität in unserer zivilisierten Welt ist, wie es der Anführer der Soldaten sagt, nichts anderes, als gegenseitiges Umbringen ("Menschen töten Menschen"), Egoismus, Kampf, Hass. Die Stärkeren setzen sich eben durch. Nur bleibt für die Personen in diesem fiktiven Endzeitszenarium keine Alternative mehr, denn die Kultur in England, wie auch fast die gesamte Bevölkerung hat sich selbst zerfleischt und vegetiert bis zum Hungertod in einem primitivsten tierischen Zustand dahin. Das andere ist, dass die wenigen Nichtinfizierten auch nicht weit davon entfernt sind: Konflikte entstehen und eskalieren weil jeder sich mit seinen Bedürfnissen und Trieben durchsetzen will. Das endet damit, dass Protagonist und Held Jim selbst in einen Blutrausch verfällt und fast noch von seiner Begleiterin Celina erschlagen wird.
Bis auf ein paar kleine Momente des Friedens und der Harmonie in der unberührten Natur (sozusagen ein angedeutetes Gegenkonzept), als alle Hauptdarsteller noch versammelt sind, bekommt man also eine düster-beklemmende soziale Endzeitvision geboten. Natürlich ist es weiterhin übertriebene Fantasterei und Fiktion, allerdings sind die eingestreuten denkanstößigen Metaphern doch ziemlich ersichtlich und aktuell, wenn man den Film nicht nur oberflächlich betrachtet. Daraus resultiert, dass sich "28 Tage später" nicht einfach nur als Zombie-Horror abstempeln lässt, sondern durchaus auch als sozial, politischer (wenn man so will auch wissenschaftlich) brisanter Denkanstoß in apokalyptischer Verpackung. Und das habe ich bisher, um die Vergleiche mit anderen Genreklassikern ein wenig aufzugreifen, in dieser Form höchstens in "Night of the Living Dead" oder gelegentlich in den alten Cronenbergs vorgefunden.
Aber natürlich ist Boyles Film vordergründig auch "nur" ein spannender Zombiethriller, der das etwas heruntergekommene Genre etwas entstaubt, sodass es sich mal wieder lohnt in einen Film ab 18 zu gehen, ohne dass einem von den Leinwandzombies das Hirn weggefressen wird:-) 10/10.
 | "Surprise me!" BETA |
Zur Übersichtsseite des Films Liste aller lokalen Reviews von Arminowitsch
Zurück
 |
 |
|