Review

Filme über Hexerei gab es im Prinzip schon immer: bereits um 1900 tummeln sich - vor allem in Frankreich - alte Vetteln mit magischen Kräften in den phantastischen Kurz-(Stumm-)Filmen jener Jahre. Bis heute entstehen immer wieder Filme, die sich recht eigenständig des Hexenwesens annehmen: Benjamin Christensens berühmter und herausragender "Häxan" (1922), René Clairs spaßiger "I Married a Witch" (1942), Roland af Hällströms lustvoller "Noita palaa elämään" (1952), Sidney Hayers spannender "Night of the Eagle" (1962), Brunello Rondis Allegorie "Il Demonio" (1963), "The Witches" (1966) aus den Hammer Studios, Dario Argentos "Suspiria" (1977), Nicolas Roegs Dahl-Verfilmung "The Witches" (1990), der Independent-Erfolg "The Blair Witch Project" (1999) oder Lars von Triers - dem Misogynie-Verdacht ausgesetztes - Feminismus-Lehrstück "Antichrist" (2009) mögen als Beispiele für individuelle, innovative Annäherungen des Films an das Motiv der Hexe genügen.[1] In den 60ern kommt es aber zu gleich zwei Wellen des Hexenfilms, die fortan populäre Klischees und Stereotype in der Filmgeschichte verankert haben; eine dritte, etwas uneinheitlichere Welle folgte und blühte vor allem in den frühen 70er Jahren auf.
Die erste Welle beginnt mit Mario Bavas wundervollem "La Maschera del Demonio" (1960) und John Llewellyn Moxeys kleiner Genreperle "The City of the Dead" (1960); in beiden, nahezu zeitgleich in die Kinos gelangten Filmen wird der - nicht immer ganz trennscharf vom Familienfluch und vom Vampirismus-Motiv zu unterscheidende - Hexenfluch im Genrefilm etabliert: zu Beginn wird jeweils eine Hexe grausam hingerichtet, die noch einen letzten Fluch ausstößt, und einen Zeitsprung von einigen Jahrhunderten später erfüllt sich dieser schließlich. Zwei Jahre darauf legt Julien Duvivier mit "Le Chambre ardente" (1962) eine freie Variation des Themas vor und in der Folge kommen etliche ähnlich ausgerichtete Horrorfilme in die Kinos. Einer davon, Roger Cormans "The Haunted Palace" (1963), stellt aufgrund der literarischen Vorlage von H. P. Lovecraft - auf den noch zurückzukommen sein wird - natürlich keinesfalls ein Plagiat dar (zumal die Qualität überaus hochwertig ausgefallen ist): dennoch dürfte die Wahl des Stoffes (über einen Hexenmeister, der zu seiner Zeit verbrannt wird, sich aber dennoch ein Jahrhundert später in der von seinem Fluch befallenen Stadt des Körpers eines Nachfahren bemächtigt) auf die genannten Klassiker zurückgehen (wenngleich man bei der Vermarktung eher die Nähe zu Cormans Poe-Verfilmungen herausstellte). Eher als Plagiat zu bezeichnen wäre dagegen Don Sharps "Witchcraft" (1964), in dem eine Hexe 300 Jahre nach ihrem Tod in einer kleinen Stadt wütet, nachdem Unwissende versehentlich ihre Grabesruhe gestört haben, sowie Michael Reeves "La sorella di Satana" (1966), in dem eine junge Frau nach einem Unfall vom Geist einer vor Jahrhunderten hingerichteten Hexe beherrscht wird. Auch Camillo Mastrocinques eigentlich auf Le Fanus Vampirstoff "Carmilla" (1872) basierende Verfilmung "La Cripta e l'incubo" (1964) wird derartig variiert, dass sie dem gerade populären Konzept dieser Hexenfilme folgt. Eine originellere Variation hat die Geschichte des Hexenfluches in Margheritis "I lunghi capelli della morte" (1964) erfahren. Mit Andy Milligans "The Naked Witch" (1967) und Tom Moores "Mark of the Witch" (1970) ist das Thema im Trash- & Low Budget-Sektor angekommen - und mit Vernon Sewells stargespickter, äußerst freier (und nicht gerade gelungener) Lovecraft-Verfilmung "Curse of the Crimson Altar" (1968) klingt die Welle allmählich wieder aus. Carlos Aureds "El Espanto surge de la tumba" (1973), eine Variation des ebenfalls um Hexenmeister & lebende, abgetrennte Köpfe kreisenden "The Thing That Couldn't Die" (1958), stellt einen letzten größeren Höhepunkt dar. Nur gelegentlich, etwa in Bert I. Gordons "Burned at the Stake" (1981) und in Ulli Lommels durchaus ambitioniertem "The Devonsville Terror" (1983), taucht das Motiv in seiner reinsten Form nochmals auf.
Die zweite Welle verlagert die Aufmerksamkeit vom Hexenfluch auf den Hexenjäger: Michael Reeves nihilistisches, mit Vincent Price besetztes Historiendrama "Witchfinder General" (1968) trat eine kurzlebige Welle größtenteils blutiger Hexenjägerfilme los, die sich teilweise - etwa im Fall von Ken Russells Skandalfilm "The Devils" (1970) oder Jess Francos "Les Démons" (1972) - mit dem zeitgleich aufblühenden Nunsploitation-Sektor überschneiden. Zu den reinen Plagiaten von Reeves durchaus hochwertigem Klassiker zählen neben Jess Francos "Il Trono di fuoco" (1969) noch die von Adrian Hoven entwickelten Splatterkuriositäten "Hexen bis aufs Blut gequält" (1970) und "Hexen - Geschändet und zu Tode gequält" (1973): den Filmen ist die recht spekulative Betrachtung des Leidens von Folter- und Hinrichtungsopfern gemeinsam, während Hexerei nur als ungerechtfertigte Anschuldigung, jedoch nicht als Ausübung vorkommt. Ein Großteil der leicht als Exploitation zu entlarvenden Hexenjägerfilme ging jedoch sehr schnell dazu über, die zweite Welle des Hexenfilms mit der ersten Welle zu verschmelzen (und die Kritik an Macht und Gewalt damit teilweise ins Leere laufen zu lassen): In Gordon Hesslers eher enttäuschendem Vincent Price-Streifen "Cry of the Banshee" (1970), in Piers Haggards "Blood on Satan's Claw" (1970), in Mario Bavas nicht besonders umwerfendem "Gli Orrori del Castello die Norimberga" (1972), in Francos "Les Démons" und Paul Naschys leider nur sehr unpopulären "Inquisición" (1976) - und mit Einschränkungen auch noch in Jorge Graus "Ceremonia sangrienta" (1973) - treffen tatsächliche Hexerei und gewalttätiger Hexenwahn aufeinander. Das ebenfalls zu dieser Zeit entstandene Historiendrama "Kladivo na carodejnice" (1970) von Otakar Vavra gibt sich im Vergleich deutlich seriöser, mutet vor dem Kontext von Entstehungszeit & -raum geradezu politisch ambitioniert an und steht eher in der Tradition von älteren Hexenjagd-Filmen wie Frank Lloyds "Maid of Salem" (1937), Carl Th. Dreyers "Vredens Dag" (1943) oder Raymond Rouleaus Arthur Miller-Verfilmung "Les sorcières de Salem" (1957).
Schließlich gibt es noch eine dritte Gruppe von Hexenfilmen, die unter anderem in "Night of the Eagle" und "The Witches" ihre Vorläufer hat,[2] aber erst ab Roman Polanskis erfolgreicher Ira Levin-Verfilmung "Rosemarie's Baby" (1968) Gestalt annimmt. Diese Filme spielen nahezu ausschließlich in der Gegenwart und handeln von okkulten bis satanistischen Gruppierungen, die unter anderem mit Hexerei rücksichtlos ihre Ziele durchsetzen wollen. In diesen Filmen spielt das traditionelle Bild der Hexe keine Rolle mehr: Hexerei wird nicht mehr von runzeligen, buckligen, alten Frauen praktiziert - wobei es bereits in der ersten Welle so manche verführerische Hexe gab, etwa Barbara Steele in Bavas Klassiker! -, sondern von schönen Hausfrauen,[3] von reichen Geschäftsmännern, egozentrischen Künstlern usw., die sich als Hexen oder Satanisten verstehen. Die Bedrohung geht von den unscheinbarsten Teilen der Gesellschaft aus und der Hexenfilm überschneidet sich gravierend mit dem - in den frühen 70er Jahren populären - Paranoia-Thriller à la Alan J. Pakulas "The Parallax View" (1974). Nach "Rosemary's Baby" sind es Filme wie Paul Wendkos' "The Mephisto Waltz" (1971), Aldo Lados "Malastrana" (1971), Bert I. Gordons "Necromancy" (1972) (Alternativ-Titel: "Rosemary's Disciples"!), Michael Winner's "The Sentinel" (1976) oder - mit teilweise erheblichen Einschränkungen - Robert Fuests "The Devil's Rain" (1975), Polanskis "Le Locataire" (1976) und Robin Hardys fabelhafte Religions-Satire "The Wicker Man" (1973)...[4]

In "The Lords of Salem" nimmt Rob Zombie [Achtung: Spoiler!] gleich auf alle drei Wellen Bezug: Die zweite Welle bedient er allerdings nur Rande, wenn er sich in den Rückblenden auf ein paar Torturen während der Hinrichtungen konzentriert; zwar hatte Zombie noch einen Hexenjäger-Exploitationfilm im Film gedreht (mit dem hübschen Titel "Frankenstein versus the Witchfinder" ausgestattet & mit Udo Kier, dem einstigen Star aus "Hexen bis aufs Blut gequält", ansprechend besetzt) - in den fertigen Film (oder auch bloß in die deleted scenes der aktuellen UK-DVD) hat dieser es jedoch nicht geschafft.
Der Hexenfluch der ersten Welle spielt hingegen die zentrale Rolle für den Plot - ungewöhnlicherweise beginnt Zombie bei dessen Gestaltung aber nicht mit der Hinrichtung der Hexen, um dann seine Rachegeschichte zu erzählen; vielmehr präsentiert er diese Episode, die in den entsprechenden Klassikern jeweils die Einleitung bildete, erst nach knapp 45 Minuten (um den Umstand der Verfluchung noch weitere zehn Minuten aufzuschieben). Auch wenn der Zuschauer grundsätzlich um den Gehalt des Films weiß, so weicht die Geschichte vom Hexenfluch derartig von ihrer üblichen Dramaturgie ab, dass sich die dritte Welle des okkulten Paranoia-Thrillers nicht minder stark entfaltet: einzelne Zusammenhänge werden erst nach und nach geklärt, während der Geisteszustand der (allerlei Ungewöhnliches erlebenden) Hauptfigur zu Beginn lange Zeit in Frage steht.
Die Prämisse in "Lords of Salem" ist folgende: Garstige Hexen - die "masterwitch Margaret Morgan and her coven of six" -, die gegen Ende des 17. Jahrhunderts bei ihrem Sabbat unter anderem - in Erwartung eines Kindes des Leibhaftigen - einer jungen Frau das Kind aus dem Bauch schneiden, bald darauf jedoch von Reverend Jonathan Hawthorne, der sie als "Lords of Salem" tituliert und vor allem ihre Zelebrierungen infernalischer Musik - mit welcher sie danach trachten würden, Besitz von den Seelen der Frauen Salems zu ergreifen - skeptisch "beäugt", qualvoll hingerichtet werden, verfluchen kurz vor ihrem Tod die weibliche Bevölkerung Salems und die Nachfahren des Hexenjägers, dessen "bloodline the vessel by which the devil's child would inherit the earth" sei. In der Gegenwart bekommt Jahrhunderte später die Radiomoderatorin Heidi Laroc - in deren Unterkunft ein unheimlicher Nachbar eingezogen zu sein scheint, was die Vermieterin Lacy jedoch abstreitet - eine Schallplatte von den Lords zugeschickt: bei ihr löst die Musik bizarre Visionen eines Hexensabbats aus, bei einer Aufführung im Radioprogramm fallen die Zuhörerinnen Salems in seltsam apathische Zustände. Ihr Interviewpartner der letzten Radioshow - Francis Matthias - forscht ein bisschen nach, während Lacy Heidi mit ihren Schwester bekannt macht, von denen zumindest eine um Heidis "wicked thoughts" weiß; diese Gedanken nehmen zudem immer mehr zu: in ihren Alpträumen begegnet Heidi etwa im Hausflur Margaret Morgan, die ihr "Bleed Us a King!" entgegenschreit... Matthias stößt derweil auf Hawthornes Tagebuch und die Geschichte des Fluches, wird jedoch - nachdem er erfahren hat, dass Heidi Hawthornes Nachfahrin ist - von Lacy und ihren Schwester umgebracht. Zudem schotten die drei Frauen die nahezu willenlos gewordene Heidi von ihrer Umwelt ab - selbst ihr Freund Whitey kommt nicht mehr an sie heran. Im Finale gebiert Heidi schließlich nach sexuellen Alpträumen in Ken Russell-Manier vor den zusammengekommenen, apathischen Zuhörerinnen ihrer Radioshow ein sonderbares Wesen in Gestalt einer Alraunewurzel und steht letztlich als blasphemischer Gegenentwurf der heiligen Jungfrau auf einem Berg aus toten Frauen, angebetet von Lacy samt Schwestern, sowie der Überhexe Morgan und ihren sechs Vetteln. Die Polizei geht von einem Massenselbstmord aus, Heidi bleibt verschwunden.

So ganz vorhersehbar kommt "The Lords of Salem" allerdings nicht daher: Heidis Verwandtschaft mit Jonathan Hawthorne wird durch das Pseudonym Laroc zunächst unterschlagen (und Matthias deckt sie erst nach über einer Stunde Laufzeit auf), Heidi wird zudem als etwas zerrüttete Frau mit Drogenproblemen eingeführt - und die Rückblenden werden von Anfang an als Alpträume und Wahnvorstellungen Heidis inszeniert: ein erster, harmlos bleibender Hexensabatt samt Auftritt Hawthornes in den ersten fünf Minuten wird beispielsweise zwischen die immer wieder zufallenden Augen der ermüdeten Hauptfigur geschnitten; dass es sich dabei um innerfilmische Fakten handelt, enthüllt der Film erst, nachdem die Hälfte seiner Laufzeit vergangen ist. Auch wenn angesichts des Handlungsortes Salem jeder/jedem klar sein dürfte, dass der Film sich wohl kaum als Psychodrama oder rational erklärbarer Thriller erweisen wird, schafft Zombie es, die altbekannte Geschichte erst nach und nach zu enthüllen. Sobald nach einer knappen Stunde alle Zusammenhänge offen zutage liegen, konzentriert sich Zombie vollständig auf die Frage nach dem Ausgang der Geschichte, um sich schließlich im Finale in Bild und Ton so richtig auszutoben, während die Dramaturgie sich in einem langen Unhappy End vollkommen zerdehnt: die exzessiv eingesetzte Ken Russell-Ästhetik (die sich vor allem an den Visionen aus "Altered States" (1980) und "Lair of the White Worm" (1988) orientiert) beherrscht Zombie allerdings nicht konsequent und durchsetzt sie bisweilen mit einer doch recht pompösen und kitschigen Musikvideo-Ästhetik.
Abgesehen vom Finale bleiben die obligatorischen Zitate allerdings weitestgehend unaudringlich: zwar schmückt Heidi die Wände ihres Schlafzimmers mit Bildern aus Méliès' "Le voyage dans la lune" (1902) und gelegentlich flimmern auch mal Rowland V. Lees "Captain Kidd" (1945) oder Rupert Julians Lon Chaney-Klassiker "The Phantom of the Opera" (1925) über ihren heimischen Bildschirm, sogar ein Song Rob Zombies wird in die Radioshow integriert, der große Rest wird von Zombie allerdings keinesfalls derartig offensiv herausgestellt: wenn man an Mario Bava denken muss (wenn, wie bereits im Musikvideo zu Zombies Song "Lords of Salem", der Hexe auf dem Scheiterhaufen eine maschera del demonio aufgesetzt wird), wenn man an die Pointe aus Winners "The Sentinel" denken muss (wenn Heidi als unheilige Jungfrau mit leeren, weißen Pupillen in Großaufnahme Richtung Kamera blickt), wenn man an Polanski denken muss (wenn Heidi Besuch von den drei aufdringlichen Schwestern erhält, die insgeheim in ihr die künftige Mutter eines Teufelskindes sehen - "Rosemary's Baby" -, oder im schützenden Gotteshaus horrible Wahnvorstellungen durchläuft - "Le Locataire"), wenn man an Kubricks "Shining" (1980) denken muss (wenn die Kamera auf die Zimmernummer eines unheilvollen Raumes zufährt, eine nackte Tote durch die Räume schreitet oder Zeitangaben eingeblendet werden), ist das sicherlich kein Zufall...[5] aber Zombie geht in diesen Fällen weniger direkt vor, stellt seine Zitate kaum noch auffällig in den Vordergrund. Die Zitate werden im Vergleich zu seinen früheren Filmen leiser und sanfter, sie sind weniger von postmoderner Ironie und Distanz gekennzeichnet, sondern von dem Bemühen, aus bewährten Vor-Bildern eine ganz klassische, ganz ernste Erzählung zu kreiieren (in der dann erst in den letzten 15 Minuten doch wieder eine ironische Distanzierung erfolgt). Diese Entwicklung, in der er seinem ganz ähnlich vorgehenden Kollegen Ti West nicht unähnlich ist, mag teilweise - aber ganz sicher nicht allein - an der künstlerischen Freiheit liegen, die Rob Zombie hier genießen durfte: denn schon in "Halloween" (2007) und "Halloween 2" (2009) hat Zombie - wie auch hier ganz am Ende des Films - aus der Montage einer tragischen Aktualität mit Rückblenden in eine positive Vergangenheit einen tragischen Anstrich herausgezogen, während er mit dieser Technik in "House of the 1000 Corpses" (2003) und "The Devil's Rejects" noch ironisch bitterbösen Zynismus bewirkte.[6] Die Zukunft wird zeigen, ob Zombie diese tendenzielle Verschiebung von ironischer, metafilmischer Distanz zugunsten einer emotionaleren, direkteren Erzählung noch intensivieren wird. Es macht die Qualität des Films aus, dass Freunde nostalgischer Kinokost hier keinesfalls auf die Heraufbeschwörung eines älteren Kinos verzichten müssen - was durch die Besetzung noch unterstützt wird.[7]

So ist "The Lords of Salem" ein für Zombie ungewöhnlich zurückhaltender Film, der mit Vorbildern weniger spielt, sondern ihnen viel eher nacheifert, gleichwohl seine Annäherung an das Hexenwesen im Kino durchaus kenntnisreich und reflektiert geraten ist. Nur gelegentlich schlägt Zombie die Töne metafilmischer, ironischer Distanz an, die man von ihm gewohnt ist; ansonsten liegt ein über weite Strecken geradezu klassischer Horrorfilm vor, der von der Musik von Griffin Boice und John 5 erheblich profitiert. Auch die Bildsprache ist durchaus effektiv, gleichwohl man einige Schockeffekte durchaus auch als prätentiös und belustigend wahrnehmen kann. So ist "The Lords of Salem" trotz einiger, kleiner Schönheitsfehler - und einer im Vergleich mit "The Devil's Rejects" doch eher naiven Story, die trotz Hexenjägern und Hexen weder an einer fundierten Fanatismus- oder Religionskritik, noch an einer feministischen Emanzipationsgeschichte Interesse zeigt  - ein effektiver, versierter Genrefilm, in dem Zombie seinen eigenwilligen, kreativen Stil weiter ausbaut.
8/10


1.) Nachtrag 2016: Unbedingt hinzuzufügen wäre inzwischen noch Robert Eggers "The VVitch: A New-England Folktale" (2015), der den Hexen- & Teufelswahn gänzlich ironiefrei aus der Perspektive des Wahns selbst betrachtet und anbei dennoch einiges über religiöses Empfinden, über Fanatismus und die Werkzeuge der Furcht und der Verlockung aussagt - und darüber hinaus einen der effektivsten Horrorfilme der letzten 30, 40 Jahre darstellt.
2.) Auch Edgar G. Ulmers "The Black Cat" (1934), Mark Robsons "The Seventh Victim" (1943), J. Lee Thompson prominent besetzter "Eye of the Devil" (1967) oder Terence Fishers Dennis Wheatley-Verfilmung "The Devil Rides Out" (1968) ließen sich als weitere Vorläufer anführen. Die Hexen siedeln in den späten 60ern, vor allem aber in den frühen 70ern aus den abgelegenen Hexenhäusern über in die okkulten Geheimclubs und satanischen Sekten mitten in der Gesellschaft, die in den Jahrzehnten zuvor eine seltene Randerscheinung im Kino darstellten.
3.) An dieser Stelle sei erwähnt, dass zeitgleich zum neuen Aussehen der weiblichen Hexen auch eine feministische Auslegung des Begriffs der Hexe im Kino erfolgte: George A. Romeros cleverer, kleiner, satirischer Reißer "Season of the Witch" (1971) und Matt Cimbers skuriller "The Witch Who Came from the Sea" (1976) (in dem es auch gar nicht mehr um Hexerei geht) widmen sich im Grunde ungewöhnlichen Emanzipationsgeschichten.
4.) Noch mal zurück zu "Rosemaries Baby": Sowohl Polanski, als auch Levin kehrten immer wieder zur Paranoia bzw. zur Verschwörung zurück. Polanski ließ neben "Le Locataire" auch noch den deutlich jüngeren "The Ninth Gate" (1999) folgen, während Levin mit der späten Fortsetzung "Son of Rosemary" (1997), vor allem aber mit dem Sci-Fi-Thriller "The Stepford Wives" (1972) eine wahrhaft diabolische Verschwörung entworfen hat. Mit "Lords of Salem" steht Zombie durchaus in der Tradition beider Künstler: Polanski beschwört er bisweilen etwas deutlicher herauf, an Ira Levin erinnert bloß ganz vage die beunruhigende, kaum fassbare Bedrohung, deren Umfang am Ende riesige Ausmaße annimmt. Vielleicht hat Zombie Dee Wallace deshalb als Darstellerin eingesetzt, um mit ihr - nämlich über den Film "The Stepford Wives" (1975), in dem Wallace zu Beginn ihrer Karriere einst mitspielte - doch noch eine kleine Brücke zu Ira Levin zu schlagen.
5.) Kein Zufall ist sicherlich auch der Nachname des Hexenjägers aus Salem: Nathaniel Hawthorne, der sich in "The House of the Seven Gables" (1851) dem Hexenwahn und dem Familienfluch widmete, dürfte Zombie sehr wahrscheinlich bei der Namenswahl in den Sinn gekommen sein. Noch ein anderer Schriftsteller mag beim Betrachten von "The Lords of Salem" in den Sinn kommen: H. P. Lovecraft, der Hawthorne sehr bewunderte und sich ebenfalls von der Geschichte Salems inspirieren ließ, klingt an, sobald Reverend Hawthorne von der infernalischen Teufelsmusik spricht... man braucht bloß an Erich Zann zu denken.
6.) Wobei der Wechsel im Grunde nicht
nach "The Devil's Rejects" erfolgt, sondern bereits in "The Devil's Rejects": Der Zynimus der Inszenierung begleitet das Schicksal der vergleichsweise unschuldigen Opfer des Firefly-Clans, während diesem am Ende jedoch eine Tragik (und auch eine Glorifizierung) zuteil wird - ein verstörender Verstoß gegen jede Moral, der viel Angriffsfläche bietet, zugleich aber auch die Qualität des Films ausmacht, der entgegen aller Konventionen die Genreversatzstücke der 70er neu arrangiert.
7.) Da wären neben Dee Wallace ("The Stepford Wives" (1975), "The Howling" (1981), "Cujo" (1983)) und - dem (wie Richard Lynch, Camille Keaton und Clint Howard) nicht in die endgültige Version gelangten - Udo Kier auch noch Patricia Quinn aus der "Rocky Horror Picture Show" (1975), Ken Foree ("Dawn of the Dead" (1978)), Michael Berryman ("The Hills Have Eyes" (1977), "The Hills Have Eyes Part II" (1984)), Tim Burtons Vampira-Darstellerin Lisa Marie ("Ed Wood" (1994)), Meg Foster ("Masters of the Universe" (1987), "They Live" (1988)), Judy Geeson ("Fear in the Dark" (1972), "Doomwatch" (1972)) oder Andrew Prine ("Grizzly" (1976), "Amityville 2" (1982))... und natürlich ist auch Sid Haig wieder mit dabei. Der Genrefan darf sich also über das eine oder andere mehr oder weniger bekannte Gesicht freuen...

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