Eine Kritik von Backförmchen (Bewertung des Films: 8/10) eingetragen am 19.12.2009, seitdem 1274 Mal gelesen
Alan Bradley (Boxleitner) ist als Softwareentwickler bei der Firma ENCOM tätig und hat die Software TRON geschrieben. TRON ist ein Überwachungsprogramm, das Systemprozesse protokolliert und sichtbar macht. Doch genau aus diesem Grunde gerät die Software dem ‚Master Control Programm’, kurz MCP, das darauf ausgerichtet ist, Programme und Informationen Dritter zu vereinnahmen, in die Quere. Als Alans Fortschritte mit der Überwachungssoftware zu weit gehen, wird ihm der Zugang zu seiner Arbeit verweigert. Er wendet sich mit seiner Kollegin Lora (Morgan) Hilfe suchend an Kevin Flynn (Bridges), einem Spielentwickler, der während seiner Tätigkeit bei ENCOM einige erfolgreiche Automatenspiele erdachte, die jedoch von Ed Dillinger, dem Entwickler des MCP, annektiert wurden. Dies brachte Flynn um die Patente an seinen Titeln und Dillinger in die Position des Firmenchefs. Das Dreiergespann schleicht sich in die Firma ein und versucht an interne Daten zu kommen, die Beweise über die eigentlichen Autoren der Programme liefern könnten. Als das MCP den Einbruchsversuch von Flynn bemerkt, wird er mittels eines Digitalisierungsexperiments, an dem Lori für das Unternehmen arbeitet, in das Computersystem verfrachtet, wo er als Lebender unter Programmen seinen eigenen Spielen ausgesetzt ist.
Electronic Arts
„Tron“ war ein Projekt, mit dem Steven Lisberger zu Beginn der 80er Jahre die Klinken bei den Studios putzte, bevor er mit seinem Konzept bei Disney auf Interesse stieß. Disney traute sich an das spannende Projekt, das optisch und visuell für die damalige Zeit sehr experimentell daher kam. Finanziell lohnte sich der Film zu seiner Zeit nicht, was aber in Konkurrenz zu Spielbergs „E.T.“ freilich nicht verwunderlich war. Welche Bedeutung dem Film jedoch zukünftig zufallen sollte, konnte man damals mit Blick auf die Einnahmen aus dem Kino nicht überschauen. Er wurde zu einem Kultobjekt.
Der Film war ein Novum mit seinem Einsatz von Welten kreierenden Computeranimationen. Sehr spannend für die damalige Zeit und etwas ganz Neues, insbesondere in der Dimension eines leinwandfüllenden Filmes. In welcher Art diese Herstellung von Filmen wegweisend sein sollte, dürfte seit Mitte der Neunziger offensichtlich sein. Per Computer unterstütztes Kino ist nunmehr Alltag geworden und allenfalls in seinem Detailreichtum zu unterscheiden. Nicht wegzudenken der zunehmende Sektor der computeranimierten Zeichentrickfilme. In „Tron“ bekommt man noch die frühen Zeiten der Computergrafik zu sehen. Hierbei handelt es sich um Polygon-Grafik, bei der Gegenstände aus mathematischen Körpern bestehen, die man zu Gegenständen zusammenfügt. Im Jahre 1982 befand man sich mitten in der beginnenden Digitalisierung, und die Kids kannten vielleicht „Space Invaders“, aber noch keine computergenerierten Welten. Die eigentlichen Home Computer hatten sich aufgrund der astronomischen Preise noch nicht verbreitet und Microsoft war noch nicht jedem ein Begriff. Es gab schon die ersten Atari-Spielcomputer für daheim und die Jugendlichen vergnügten sich mit pixeligen Sprites, die mehr an Designexperimente mit Lego-Steinen erinnerten, als an echte Spielfiguren. Die Grafik vom NES, das erst knapp drei Jahre später aktuell wurde, war schon ein Generationensprung. Aufgrund dieser Momentaufnahme hatte dieser Film Probleme, die Massen anzusprechen, da sich niemand mit solchen Vorgängen so richtig identifizieren konnte und die Gesellschaft nicht grundsätzlich mit dem Thema Computer, was sich heute fast Allgemeinwissen nennt, vertraut war.
Jedoch sind an „Tron“ nicht die aus dem Computer stammenden Elemente das visuell Beeindruckende. Zentraler an dem Film ist gerade das per Hand gemalte Element der Lichteffekte. So bestehen die Szenen im Innenleben des Computers aus schwarz-weiß gefilmten Sequenzen, bei denen man Elemente der Kleidung und der Umgebung mit leuchtenden Linien, via Bemalung der einzelnen Bilder, outgesourced in Taiwan nachbehandelte, so dass eine Umgebung im befremdlichen Neon-Look entsteht. So stellt sich das Gesamtergebnis als ein ungewöhnlich und avantgardistisch wirkendes Werk dar. Die gleiche Nachbehandlung im Rotoscope-Verfahren wurde bei der klassischen Reihe der Star Wars-Filme für die Erstellung der Lichtschwerter eingesetzt.
Tamagotchi
„Tron“ ist eine Mixtur aus einer witzigen Vorstellung über die Funktionsweise eine Rechners und dem Zeitgeist der frühen 80er Jahre, als die Computerisierung gerade im Kommen war. Der Computer wurde damals insbesondere im Sektor der Arbeitnehmerschaft als Gefahr gesehen, da viele Tätigkeiten durch ihn erleichtert wurden. Zudem sah man auch ethisch und menschlich unterschiedliche Probleme mit der Computerisierung. Zu diesem Thema gab es eine Reihe Filme, die insbesondere mit der Gefahr des digitalen Vormarsches im Bereich taktischer Überlegungen spielten, da ein solches System nicht zur eigenen Entscheidung fähig ist (heute in groben Zügen durch weit komplexere K.I.-Löungen). Als Prämisse ist immer zu sehen, dass der Computer keine Entscheidungsfindung durchführt, die auf ethischen, emotionalen oder rationalen Grundlagen fußt, sondern ausschließlich auf rein logischer Betrachtung der vorgegebenen Parameter, was die Übertragung von Macht auf ein nicht-menschliches System zu einem brisanten Problem macht. Schon in Kubriks „2001: A Space Odyssey“ (1968) wurde mit HAL ein solches handelndes Konstrukt geschaffen. Später wurde dies vermengt mit den atomaren Gefahren des kalten Krieges etwa in „Colossus - The Forbin Project“(1970) und „Wargames“ (1983), die beide die Planung und Logik der totalen Vernichtung behandelten. An anderer Stelle spielte man mit der absoluten Gegensätzlichkeit von Menschlichkeit und Digitalisierung als Horror-Thematik. Hierbei sei Camerons „Terminator“ (1984) als populäres Beispiel genannt, der eine mögliche Selbstbestimmung der Technologie prophezeite. Passend auch die Verfilmung von der „Saat des Teufels“ (1977) nach einem Roman von Dean Koontz, in dem es darum geht, dass ein digitales System seinen Geist in einen menschlichen Corpus transferiert, um die vermeintlich höchste Instanz der digitalen Logik zu erreichen, nämlich in Form der Seinswerdung. Eine Idee, die sich als ethischer Horror darstellt.
Jenen Schritt geht „Tron“ genau in die andere Richtung. Ein Mensch gelangt in einen Computer, der von Programmen als humanoide Figuren, die von Menschen geschrieben wurden, leben. Sie atmen, seufzen, erledigen ihren Job in einem ganz normalen Alltag und haben eine Seele. So portraitiert der Film eine eigene Konstruktion eines sozialen Daseins in einem digitalen Universum, eine Welt, von Programmen am Laufen gehalten, die – wenn man so will – funktionieren. Quasi eine eigene Infra- und eine Sozialstruktur, die einen religiös bestimmten Zusammenhalt aufweist. Das verbindende Moment sind die User. Eine Art Götterolymp, das den Glauben der Programme darstellt. Somit der Film nicht nur eine digitale Parabel auf die Funktionsweise der Menschen, sondern auch eine Abhandlung dessen, was menschliche Individuen verbindet und wie sie im Alltag in Interaktion zueinander treten. So wird Flynn, der per Partikeldigitalisierung im System der Programme als User materialisiert, zu einem Gott in Menschengestalt, der für die vom ‚Master Control Programm’ unterjochten und vereinnahmten Programme zu einem Heilsbringer aufsteigt und vermeintlich die Befreiung bringt.
Eine Disziplin, in der unter den Programmen vernichtende Duelle ausgetragen werden ist unter anderem das gegenseitige Abwerfen mit einem Diskus. Archaischer, als die Lösung des Konfliktes zwischen Flynn und dem Master Control Programm mittels eines Diskus, kann die Symbolik gar nicht sein. So vermischt „Tron“ eine ganz klassische Story, von religiösen Animositäten unter der Bevölkerung und der Erlösung der Unterjochung durch einen Gesandten aus der Götterwelt, mit einer Kritik an der Digitalisierung der modernen Welt, in der das MCP per Digitalisierung die Macht besitzt, die ganze Welt in sich aufzusaugen und so seinen Willen auch in der Realität umzusetzen. Zwar annektiert das MCP gigantische Systeme, Konzerne, gar das Pentagon und kontrolliert die gesamte digitalisierte Welt, der eigentliche Kampf jedoch geschieht nicht in der Welt der Tastaturen, sondern indem ein Mann gegen eine Horde von Wächtern und Dienern antritt, die das angenehme Machtsystem des MCP verteidigen. Die Daten sind frei und keine Macht kann diese unterdrücken.
Datensatz
„Tron“ glänzt als optisch mitreißender Film durch Szenen, an die man sich auch heute noch erinnert. Alleine die Sequenz um das Spiel mit den Motorrädern, die farbige Wände hinter sich aufbauen, um den Gegnern den Handlungsspielraum zu begrenzen, ist ein Abschnitt, der sich fest eingeprägt hat. Derlei Sequenzen gibt es einige. Es brummt, es kracht, es gibt viel zu sehen und viel zu entdecken. Nur leider reicht das dramaturgisch nicht aus, um den Zuschauer an den Film zu binden. Die optischen Effekte blenden, aber die Story drum herum weiß nicht so richtig zu faszinieren. Die Hauptakteure sind entweder unsympathisch oder agieren schlichtweg nicht hinreichend in dem Film. Der eigentliche Held ist auch nicht deckungsgleich mit der Titelfigur und man hat Probleme, sich emotional an den arrogant daherkommenden Flynn zu binden, der entgegen seiner Profession im Umgang mit den Programmen kein sonderliches Feingefühl aufweist. So lässt sich Flynn einige Zeit von anderen Programmen durch diese Welt zerren und weist recht wenig Heldenpotenzial auf. Und TRON selbst ist als Figur nur Mitstreiter und agiert sehr wenig im gesamten Verlauf.
Charakteristisch ist die Musik von Wendy Carlos, die den Film mit Syntie-Sounds in einer fast unförmigen Klangabfolge untermalt, die sich erst beim zweiten Hinhören zu einem kohärenten Teppich zusammenfügt. Generiert wurde diese Musik auf einem Moog Synthesizer, der von seiner äußeren Erscheinung eher wie eine vorsintflutliche Telefonvermittlung anmutet. Stilistisch passt die Musik sehr gut ins Gesamtbild des vorliegenden Werkes und weiß zu überraschen.
Was vom Glauben übrig blieb
„Tron“ ist ein einzigartiges filmerisches Werk. Freilich gibt es einzelne Punkte, die nicht gänzlich stimmig ausfielen, dennoch ist er bis heute visuell und in Form seiner Machart ein Unikat. Trotz aller Neuerungen, die die moderne Technologie für die Produktion von Filmen bereit hält, bietet „Tron“ einen ganz eigenen Stil, der nicht annähernd mit den Mitteln der Digitalisierung zu realisieren wäre. Somit behält der Film einen Platz im Filmolymp in seiner ganz eigenen Kategorie als ein kleines, eigenständiges Universum.
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