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Lost Highway (1997)

Eine Kritik von jx7 (Bewertung des Films: 10/10)
eingetragen am 08.02.2010, seitdem 291 Mal gelesen


Lost Highway – Analyse
Grundstruktur
Fred Madisons Schizophrenie läßt sich während der ersten Filmstunde an mehreren Stellen erahnen. Immer wieder schaut er in den Spiegel, als wolle er in Kontakt mit seiner anderen Seite bzw. seinem anderen Ich treten. In der Mordnacht huschen zwei Schatten an der Wand entlang, wenn er durch die Wohnung geht. Fred ist gespalten, existiert sozusagen zweimal. Deshalb kann er sich selbst davon in Kenntnis setzen, daß Dick Laurent tot ist - in einem Moment, in dem seine beiden Seiten für kurze Zeit Zugang zueinander haben. Ansonsten weiß der »gesunde« Fred nicht, was der »kranke« Fred tut: Er kann sich während der Party zwar irgendwie an den Namen Dick Laurent erinnern, weiß aber nicht, in welchem Zusammenhang er ihn schon einmal gehört hat. Die Bilder seiner toten Frau schockieren ihn ehrlich, und im Verhör bestreitet er, sie ermordet zu haben. Er ahnt zwar, der Mörder zu sein, hofft aber, dass es nicht stimmt. (»Ich habe sie nicht getötet. Sagen Sie mir, daß das nicht wahr ist!«). Im Gefängnis verschlechtert sich Freds Zustand, er leidet unter rasenden Kopfschmerzen und gerät in eine Art Wahnzustand. In der Nacht der vermeintlichen Verwandlung schaut er auf die Zellentür, die sich - mittels Trickblende - wie ein Vorhang öffnet: Die Wand wird zur Projektionsfläche seiner Phantasie, seiner Erinnerungen und Wünsche. Die rückwärts brennende Holzhütte markiert hier (wie auch später, wenn wir sie zum zweiten Mal sehen) so etwas wie eine Kehrtwende, wie ein Zurückgehen in der Zeit. Fred imaginiert sich selbst als Pete, als jungen Mann in einer heilen Welt: behütet von den Eltern, geschätzt in seinem Job, geliebt von der Freundin (wie leidenschaftlich ist der Liebesakt mit Sheila verglichen mit dem tristen Sex mit Renee). Lynch kennzeichnet diesen Übergang durch einen drastischen Stilbruch: Während Fred und Renee in einer dumpfen, beinahe monochromen Welt voller statischer Arrangements leben, ziehen nun Farben und »normale« Bilder in den Film ein. Am Anfang von Petes Geschichte ist die Inszenierung klassisch, fast konventionell: Raum, Zeit und der Blick darauf sind »in Ordnung«. Mit dem Auftritt von Alice beginnt der Angriff der Vergangenheit auf die schöne Vision. Zunächst einmal ist auch Alice Teil einer Wunschvorstellung: eine platinblonde Sexbombe, die die Initiative ergreift und Phantasien wahrmacht, wie Renee es (für Fred) nie (oder nicht mehr) getan hatte. Zugleich dreht Fred den Spieß um: In der Realität hatte Renee ihn mit Dick Laurent betrogen, nun betrügt Pete Dick Laurent mit Alice. Das Glück jedoch hat keinen Bestand. Als Alice die Verabredung mit Pete absagt, gerät dessen Welt erstmals aus der Balance. Die Dinge scheinen sich um ihn zu drehen, er sieht unscharfe Bilder, und auch der Blick auf ihn wird immer öfter unscharf: Pete beginnt, sich vor Freds innerem Auge aufzulösen. Dieser Prozess wird beschleunigt, wenn Pete Schritt für Schritt die Wahrheit über Alice herausbekommt - ihre erste Begegnung mit Dick Laurent, ihr Verhältnis zu Andy, ihre Mitwirkung in den Pornofilmen. Auf dem Foto in Andys Haus taucht Renee bereits neben Alice auf, der erste Stock verwandelt sich in das »Lost Highway Hotel« (das wir erst später sehen, das aber ein Teil von Freds Vergangenheit ist). Beim Liebesakt in der Wüste wird dann klar, dass Pete Alice genauso wenig »haben« kann wie Fred Renee (Alice sagt es ihm). In diesem Moment wird Pete quasi überflüssig, ihm ist kein besseres Schicksal vergönnt als Fred. Also verschwindet er bzw. wird wieder zu Fred.
Zusammenfassung der Handlung in linearer Folge
Wollten wir das Geschehen von LOST HIGHWAY in eine lineare Folge bringen (und damit eine große Sache kleiner machen, weil wir sie auf ihren »Inhalt« reduzieren), so müsste es in etwa folgendermaßen aussehen: Fred und Renee haben sich (schon vor Beginn der »Handlung«) auseinandergelebt. Über Andy ist Renee in Dick Laurents Kreise eingeführt und dessen Geliebte worden. Möglicherweise hat sie auch in Pornofilmen mitgespielt (sie reagiert unsicher auf die Videobänder, als befürchte sie, enttarnt zu werden). Fred, psychisch krank, ist misstrauisch und eifersüchtig. Er kommt hinter Renees Doppelleben und ertappt sie mit Dick Laurent im »Lost Highway Hotel«. Er tötet Dick Laurent in der Wüste, vergisst bzw. verdrängt diese Tat jedoch; sie bleibt nur als Ahnung zurück (»Dick Laurent ist tot«). Als Fred und Renee auf Andys Party gehen, liegt dieser Mord bereits hinter Fred: Er erinnert sich vage daran und erklärt, Laurent sei tot; Andy und Renee sind beunruhigt, als könne etwas dran sein an dieser Behauptung und als würden sie Laurent bereits vermissen - schließlich fehlt er auf der Party, obwohl er zu Andys Freunden zählt. In der Nacht nach der Party bringt Fred seine Frau um. Er wird verhaftet, verurteilt und kommt ins Gefängnis, wo er sich eines Nachts »erinnert« und Pete Dayton kreiert. Ist es die Nacht seines Todes, in der noch einmal alles an ihm vorbeizieht? Immerhin hatte er den Polizisten erklärt, er ziehe es vor, die Dinge so zu erinnern, wie er sie empfunden habe, nicht unbedingt so, wie sie sich tatsächlich ereignet hätten. Freds Pete-Vision ist verarbeitete, veränderte Realität. Deshalb lässt sich nicht genau sagen, inwieweit Alices Vergangenheit (ihr Strip vor Dick Laurent, ihre Mitwirkung in den Pornos) mit der von Renee übereinstimmt. Möglicherweise füllt Fred in seiner Phantasie nur seine Wissenslücken. Unklar bleibt auch, ob Fred den schmierigen Andy tatsächlich umgebracht hat oder ob die ganze Geschichte in der Villa reine Erfindung ist. Am Ende tauchen dort alle vier Polizisten auf, die realen und die imaginierten, und sie finden Pete Daytons Fingerabdrücke und das Foto von Fred Madisons Frau: Schwer zu sagen, welche Ebene hier auf die andere übergreift.
Der Mystery Man
Der Mystery Man Gäbe es ihn nicht, wäre LOST HIGHWAY sicherlich sehr viel leichter zu durchschauen - und um einige schaurig-schöne Momente ärmer. David Foster Wallace (Premiere, September 1996) schreibt über den Mystery Man: »Es ist ziemlich eindeutig, daß er den Teufel verkörpert - oder zumindest jemandes ziemlich verstörende Vorstellung vom Teufel, eine Art reiner, schwebender Geist der Boshaftigkeit wie Bob/Leland/Scary Owl in TWIN PEAKS.« Begreifen wir den Mystery Man also als das Phantastische, als das Horror-Element von LOST HIGHWAY. Er ist das Böse, das in Freds Leben hineinschwebt (er kommt nur dorthin, wohin man ihn auch eingeladen hat), eine übergeordnete Instanz, die auf die Realität ebenso einwirken kann wie auf die Phantasie. Von ihm stammen wahrscheinlich die Videobänder (man sieht ihn am Schluss mit der Kamera), die keineswegs nur in Freds Imagination existieren, sondern auch von Renee und den Polizisten betrachtet werden können. Zugleich spielt er eine tragende Rolle in Freds Phantasiewelt: als Bedrohung (am Telefon, in der Hütte), als Helfer (er reicht Fred das Messer, mit dem dieser Laurent an die Gurgel geht), als alles durchschauender Lenker, der Fred am Ende daran erinnert, dass es in der Geschichte von Fred, Pete, Renee und Alice zwar vier Figuren, aber nur zwei Menschen gibt.


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