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Lost Highway (1997)

Eine Kritik von Apollon (Bewertung des Films: 9/10)
eingetragen am 04.10.2003, seitdem 2094 Mal gelesen


Mit "Lost Highway" schuf David Lynch wohl einen der am schwierigsten zu interpretierenden Fälle der Filmgeschichte. "Lost Highway" ist eigentlich kaum zu beschreiben, "Lost Highway" muss man erleben.

Man kann hier wirklich nur individuelle Interpretationsansätze entwickeln. Dieses labyrinthische Rätsel im Ganzen zu entschlüsseln, dürfte allerdings schier unmöglich sein. Der Versuch, dieses Wagnis einzugehen, endet oftmals unweigerlich damit, dass wir mit unseren Gedankengängen wieder einmal in eine Sackgasse gelaufen sind. Zumindest halbwegs geklärt scheint, und dies bestätigt David Lynch selbst, dass sein Werk nach der Struktur des Möbius-Bands konzipiert ist. Prinzipiell also eine Art Endlosschleife, was in Anbetracht des Anfangs und des Endes doch immerhin recht logisch erscheint. Jedoch sollte man vorsichtig sein, denn im "Lost Highway"-Universum gibt es bewusst schon einmal keine Garantie für das Gelten der Gesetze von Logik und Realismus; zu irrational in seiner gesamten Wirkung bleibt letztendlich das, was sich hier auf der Handlungsebene, oder besser auf den Handlungsebenen, abspielt.

In einer ungeheueren Dimension mysteriös anmutend ist der Verlauf; das sich Abspielende. Warum hat Fred Madison (Bill Pullman) seine Frau umgebracht? Warum kann er sich nicht an den Mord erinnern? Und was geschieht überhaupt in der Todeszelle mit ihm? Mutiert er zu Pete? Oder ist alles nur auf Schizophrenie zurückzuführen? Unübersehbar tauchen in den unterschiedlichen Filmabschnitten zumindest ambivalente Charaktere auf: Fred und Pete, Renée und Alice, Mr. Eddie und Dick Laurent. Ist dies die Zwiespältigkeit, die vielleicht ein jedes Individuum in sich trägt? Bestehen wir zugleich aus schwarz und weiß, plus und minus, gut und böse? Sind wir die Zusammensetzung gegensätzlicher Komponenten; das Ergebnis von Komplementärpaaren? - Eine mögliche Theorie zur Klärung der auftretenden, gegensätzlichen Persönlichkeiten wäre es zumindest.

Dies bleibt aber bei weitem nicht die einzige Problematik. So umschlingen jeder Zeit einige Fragezeichen den Raum, wenn die unheimliche, blass aussehende, fremde und scheinbar allwissende Gestalt, der so genannte "Mystery Man", auftaucht. Wer ist dieser Mann? Und wie kann er zur gleichen Zeit an zwei verschiedenen Orten sein? Hat er vielleicht Zugang zu einer Parallelwelt? Auch dies bleibt ungewiss und unbeantwortet; wahrscheinlich ist nur: Der Mystery Man ist allem Anschein nach eine Schlüsselfigur mit dementsprechender Schlüsselfunktion. Aber welche übernimmt er? - Judikative oder doch sogar Exekutive? Oder ist er nur eine Art Wächter? Fragen über Fragen, die sich einfach nicht beantworten lassen wollen; ebenso wie die nach der Intention David Lynchs. Lässt er uns auf metaphysischen Pfaden wandern? Oder vielleicht sogar auf anthroposophischen? Sollen wir uns auf die tiefschichtige Suche nach dem Ich oder dem Sein begeben? Oder wollte Lynch uns einfach nur mit einem abstrusen, keinen wirklichen Sinn ergebenden Film auf Trab halten?

Sicher ist nur, mit Hilfe seiner Regie hat er ein wahrhaftes Rätselmonster geschaffen, das zu jeder Zeit von einem atmosphärisch düsteren Unterton durchzogen ist. Die Akustik ist beängstigend, Musikstücke wie David Bowies "I'm Deranged" lösen im Zusammenspiel mit den Bildern Trance-ähnliche Zustände aus oder Figuren werden durch dunkle Ecken verschlungen. Auf der Party lässt David Lynch beim Aufeinandertreffen von Fred und dem Mystery Man alles Drumherum im Hintergrund verweilen, sodass man einzig und allein dem Gespräch lauschen kann. Neben der ungewöhnlichen Inszenierung überzeugen schließlich auch noch die Darsteller bis ins letzte Detail. Patricia Arquette zeigt sich sogar in einer Doppelrolle, dazu mit ihren Reizen spielend.

Am Ende bleiben wir erst einmal regungslos vor einem einmaligen Mysterium sitzen. Wir sind uns noch nicht im Klaren, was wir da überhaupt gesehen haben. Und das Gemeine ist, wir werden es uns wohl auch niemals sein. Nirgends bleiben mehr Fragen offen als hier und doch ist und bleibt "Lost Highway", oder vielleicht gerade deswegen, ganz einfach ein in allen Belangen faszinierendes, transzendentes Erlebnis.


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