Review

"Smack-Bottom"

Bei der seit gut 15 Jahren anhaltenden Superheldenschwemme, die zwar verlässlich technische Brillanz und hohen Unterhaltungswert liefert, ansonsten aber doch recht stromlinienförmig daherkommt, ist es ungemein erfrischend, wenn mal vom narrativen und dramaturgischen Schema F abgewichen wird und sich der Kinobesucher an Tabuzonen wie galligem Humor, drastischen Gewalteinlagen und einem herzhaften Pfeifen auf die unselige politische Korrektheit erfreuen kann. So geschehen bei der erfrischend unkonventionellen Comicadaption „Kick Ass", deren Titel in mehrfacher Hinsicht durchaus wörtlich zu nehmen ist. Schon in der Kinoauswertung ein Überraschungserfolg, mauserte sich die bissige Helden-Satire vor allem durch die Zweitvermarktung zum Kulthit, der förmlich nach einem Nachklapp schrie.

Und „Kick-Ass 2" macht auch genau dort weiter, wo der beliebte Vorgänger aufhörte. Genug Stoff ist schließlich vorhanden. So legte der schottische Comicautor Mark Millar nach seiner 8-bändigen „Kick-Ass"-Reihe kurzerhand eine 7-bändige Fortsetzung sowie das Spinn-off „Hit-Girl" nach. Vor allem aus dem Fundus der letzten beiden Serien schöpft nun das Kino-Sequel.
Erneut streift also der Comic-Nerd Dave Lizewski (Aaron Taylor-Johnson) das selbstgebastelte Superheldenkostüm über und geht ganz ohne Superkräfte oder Spezialwaffen auf Verbrecherjagd. Allerdings verweigert ihm diesmal die von ihrem Vater zur knallharten Killermaschine hoch-trainierte Mindy McCready alias „Hit-Girl" (Chloe Grace Moretz) die Gefolgschaft. Das ihrem Pflegevater gegebene Versprechen dem blutigen Nebenjob endgültig abzuschwören, führt sie allerdings auf ebenso tödliches Terrain. Im tussigen Zickenkrieg mit vermeintlichen High-School-Freundinnen geht es nicht minder brutal, bösartig und abgründig zu wie auf der nächtlichen Gangsterhatz. Erst als Daves neue Superheldentruppe „Justice Forever" durch die Machenschaften ihres Erzfeindes Chris D´Amico (Christopher Mintz-Plasse) brutal dezimiert wird, besinnt sich Mindy auf ihre wahre Natur.

Obwohl die Erzählung damit stimmig weitergeführt wurde und auch die Schwerpunktverlagerung weg vom skurrilen Superheldenalltag hin zu den Folgen des freiwilligen Vigilantentums durchaus Sinn macht, wirkt die Fortsetzung erheblich unrunder und konventioneller als der Erstling. Zwar wechseln sich erneut derbe Späße und explizite Gewaltspitzen ab, nur wirken letztere seltsam deplatziert und nicht mehr wie ein knalliger Ausbruch aus der satirischen Rahmenhandlung. Alles wirkt wie eine bemühte Kopie des ersten Teils, dessen böse Pfiffigkeit, erfrischende Respektlosigkeit und subversiver Charme weitestgehend auf der Strecke bleiben.
Der Wechsel auf dem Regiestuhl ist eines der vielfältigen Probleme. Jeff Wadlows gewöhnliche Inszenierung hat im Vergleich zu Matthew Vaughns visuellem Einfallsreichtum und knallbuntem Pop-Art-Style nur wenig zu bieten. Auch den Gewalteruptionen fehlt häufig die überdrehte Spritzigkeit des Originals, zudem sind sie in ihrer Grundanlage braver, da es nie Unschuldige bzw. Unbeteiligte trifft.

Hat man sich in diesem Punkt bereits recht deutlich von der ungleich schärferen Comicvorlage entfernt, so trifft dies noch mehr auf den Bad Guy des Films zu. Chris D´Amico alias „Mother Fucker" ist zwar sadistisch, brutal und blutdürstig, wirkt allerdings aufgrund seines S/M-Kostüms und seiner Tolpatschigkeit wie eine Karikatur seines ungleich bedrohlicher und gefährlicher auftretenden Vaters im ersten Teil (Mark Strong als Mafiaboss Frank D´Amico).
Zu unguter Letzt trifft diese „Verharmlosung" auch den heimlichen Star des Originals. Während Hit-Girls blutiges Treiben vor allem aufgrund ihres Alters (12) munter schockiert und mit sämtlichen Konventionen bricht, so ist dies bei einer 16-jährigen - zumindest im filmischen Kontext - schon weit weniger gegen alle Regeln. Kombiniert mit den zu breit angelegten  und  zu sehr auf billige Komik setzenden Teenagerproblemen trägt dies zu einer Entmysthifizierung Hit-Girls bei, die viel subversives Potential verschenkt

Insgesamt ist „Kick-Ass 2" damit eine Enttäuschung, da er an den falschen Stellen verharmlost und ansonsten relativ uninspiriert den ersten Film kopiert. Das ist umso unverständlicher, da die Comicvorlage erneut einen rauen und vor allem derben Ton anschlägt. Neue Fans wird man so nicht gewinnen und die alten zu großen Teilen vergraulen. Schade um den frischen Wind im gleichmäßig dahin strömenden Superhelden-Fahrwasser, ein frischer Wind der ebenso unnötig wie überraschend zum lauen Lüftchen verkommt. Kurz: aus einem beherzten "kick in the ass" ist ein lascher "smack on the bottom" geworden.

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