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Citizen Kane (1941)

Eine Kritik von Fastmachine (Bewertung des Films: 10/10)
eingetragen am 16.04.2009, seitdem 368 Mal gelesen


„Citizen Kane“ schildert den Aufstand eines Mannes gegen das falsche Leben, das ihm mit den besten Absichten aufgezwungen wurde. Auf verschiedenen Ebenen – persönlichen, beruflichen und öffentlichen – kämpft Charles Foster Kane mit allen Mitteln, um sich zu holen, was ihm vorenthalten wurde.
Bis zum Tode führt er einen vergeblichen Krieg, weil er verblendet alle seine Lebensenergie in die falsche Richtung entfaltet. So erzielt Kane zwar beispiellose Erfolge in seinem Leben, er wird zum mächtigsten Medienmogul Amerikas, zum Herrscher über die öffentliche Meinung, aber alle Erfolge können ihn nicht befriedigen. Fast scheint es, sie entfernten ihn von seinen eigentlichen Zielen.

Vom einsamen Ende in seinem Palast „Xanadu“ her erzählt Orson Welles das Leben des Charles Foster Kane. Doch was ist ein Leben? Zumal einer so bekannten öffentlichen Persönlichkeit wie Kane? Die Presse ist mit Nachrufen schnell bei der Hand. Orson Welles führt geschickt zunächst den vermeintlich bekannten Kane vor, in dem er eine fiktive Wochenschau mit dem Rückblick auf dessen Leben einmontiert. Seine Erfolge, seine Skandale, sein Scheitern – alles ist zu sehen, alles enthüllen die Medien und zeigen doch nichts. Wer war Kane wirklich? Ein erfolgreicher Unternehmer? Ein Freund des Volkes? Ein Liebender? Oder doch ein machtbesessener Herrscher, eine öffentliche Gefahr, ein rücksichtloser Egoist?

Welles’ Kane wäre halb so bedrohlich, wenn er die Persönlichkeit nur nacherzählen würde, wie es der Wochenschaufilm versucht. Welles’ folgende Nachforschung formt aber durch eine seinerzeit ganz und gar ungewöhnliche Bildsprache dasjenige an Kanes Leben, was in der platten Abfilmung nur Fassadenmalerei wäre, zum Relief. Das Leben des Charles Foster Kane entpuppt sich als dreidimensionales Puzzle, das von verschiedenen Seiten beleuchtet wird, aber nie ganz zu überschauen ist.

Ein Journalist geht auf Spurensuche und befragt die Menschen, die Kane als Erzieher, Freund oder Ehefrau nahe standen. Diese Rahmenhandlung hält geschickt die einzelnen Episoden aus Kanes Leben zusammen, welche aus den verschiedenen Perspektiven von Welles inszeniert werden. Als Leitmotiv dient das rätselhafte letzte Wort Kanes: „Rosebud“. Schnell zeigt sich, dass die Menschen aus Kanes Leben zwar viel über ihn erzählen können, aber eben nur ihre Wahrheiten. Jener dunkle Bezirk von Kanes Persönlichkeit, der durch Rosebud symbolisiert wird, bleibt allen verschlossen.

Alles was Kane anpackt, gerät groß, neu und mitreißend. Sein Leben ist die Entfaltung ungeheurer Energie. Wo Kane auftritt, gewinnt er spielend leicht und im Sturm die Menschen für sich und sein Pläne. Ob es Freunde sind, die er mitreißt, ein verschlafenes Blatt, das er zur führenden Zeitung umbaut oder die Frau aus den besten Kreisen, die er heiratet.
Auf dem Höhepunkt seines Ruhmes, als Herrscher über ein Imperium von Zeitungen und Radiosendern, scheinen die Sterne zu Greifen nah. Eine Kandidatur als Gouverneur wähnt er als reine Formsache, die Präsidentschaft leuchtet von ferne.
Doch alle Erfolge Kanes stehen sich gegenseitig im Wege, geraten außer Kontrolle. Haben sich finstere Mächte gegen ihn verschworen? Nein. Seine Energieentfaltung selbst ist das Problem. „Rosebud“, wie er in finsteren Momenten der Selbsterkenntnis murmelt.

Der „Bürger Kane“ nimmt nicht nur sein privates Umfeld, sondern auch die Öffentlichkeit zu Geiseln in dem Kampf gegen seine persönlichen Dämonen. Die bedrohlichen Untersichten auf die massige Gestalt von Orson Welles zeigen die unterschwellige, zuweilen auch kaum verhüllte Gewalt, mit der Kane seine Umgebung zur eigenen Erfüllung in den Dienst zwingen möchte.
Das Spiel mit Perspektiven und Tiefenschärfe lässt den Zuschauer das Unbehagen an Kanes verzerrten Lebenspraktiken fühlbar werden. Schnelle Schnitte und Montagen verdeutlichen das Rastlose und Manische seines Treibens.
Kane ist kein böser Mensch, er handelt mit den besten Absichten, ohne zu merken, dass er seiner Umgebung genau das antut, was ihm als Kind selbst mit den besten Absichten angetan wurde.

Was Rosebud ist, nicht aber was es bedeutet, wird am Ende enthüllt. Nur für den Zuschauer, nicht für die handelnden Figuren.
Die verschiedenen Perspektiven auf Kanes Leben zeigen, dass Rosebud nicht einfach als ein Symbol für ein bestimmtes Ereignis, eine bestimmte Sphäre seiner Lebenswirklichkeit oder einen bestimmten Charakterzug seiner Persönlichkeit steht. Rosebud könnte vielmehr eine Art blinder Fleck in seinem Gesichtsfeld sein, den er sehr wohl in seiner Bedeutung wahrnimmt, aber trotzdem nicht überwinden kann.

Rosebud markiert seine entscheidende Niederlage, aber auch die lebenslange Rechtfertigung für sein Tun und seine Methoden. Kanes Erkenntnis, das Rosebud der Schlüssel sein muss, ist richtig, allein, er steckt den Schlüssel gewissermaßen verkehrt herum ins Schloss der Tür, die ihm den Weg zu einem erfüllten Leben freigeben soll.

Die unangenehme Frage, ob „Citizen Kane“ seinem Ruf als weißer Elefant der Filmgeschichte auch heute noch gerecht wird, möchte man am liebsten so vertrackt beantworten, wie Orson Welles die Frage nach dem Schlüssel zu Kanes Leben beantwortet hat. Der Wahrheit, dass der Zahn der Zeit noch an jedem Kunstwerk genagt hat, steht die Wahrheit gegenüber, dass die Originalität eines außerordentlichen künstlerischen Impulses noch nach Jahrzehnten zu spüren sein kann.
Viele revolutionäre Kameraeinstellungen, Schnitte, Licht- und Tonexperimente wurden vielleicht nicht unbedingt von Welles erfunden, aber zum ersten Mal in einem Film zu einer künstlerischen Einheit verschmolzen. Die rein filmtechnischen Neuerungen mögen filmhistorisch zwar hoch bedeutend sein, sind heute aber Allgemeingut.

Die Selbstverständlichkeit, mit der jeder Effekt, jede Neuerung hier sitzt, als wären sie jeweils die nahe liegendste Lösung eines künstlerischen Problems und nicht ein gewagtes Experiment, zeugt mehr alles andere von der Klasse Welles’. Welles protzt nicht mit der Beherrschung von neuartigen filmtechnischen Mitteln, was noch heute das zuverlässige Kennzeichen des Pseudokünstlertums ist, sondern erfindet eine neue Filmsprache, um das mehrdimensionale Lebensrätsel des „Bürgers Kane“ überhaupt erzählen zu können. Orson Welles erzählt von einem Leben, wie noch nie von einem Menschen im Film die Rede war.

Es gilt das eherne Gesetz der Filmwirtschaft: Die Geldgeber gewähren den Künstlern bestenfalls Freiheiten, nie aber die Freiheit. Durch einen glücklichen Zufall gelang es Orson Welles mit „Citizen Kane“ für einen Moment jenseits dieses Gesetzes zu stehen. Nie nützte ein Regisseur den Moment völliger Freiheit für eine solche künstlerische Tat besser als Welles, nie handelte sich ein Regisseur solchen Undank und solche Missgunst dafür ein. Die Folgen des Films waren verheerend für ihn. Der Misserfolg von „Citizen Kane“ zerstörte dauerhaft die Karriere von Orson Welles.


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