„Die (alten) Herren des Rings"
Alt und trendy ist normalerweise keine gängige Kombination. In Hollywood geht aber auch das. Lange Zeit als ausschließlich dem Jugendwahn verschrien, gab es dort in den letzten Jahren zumindest eine kleine Kehrtwende zu beobachten. In zahlreichen Filmen tummelten sich an prominenter Stelle plötzlich deutlich jenseits der 50 stehende (Ex-)Stars, die genüsslich mit ihrem Alter kokettierten und der Jugend selbstbewusst zeigten, dass sie alles andere als eingerostet sind.
Wie fast immer schuf Hollywood dabei allerdings keinen neuen Trend, sondern reagierte lediglich darauf. Denn in vielen Bereichen hatte man längst die enorme Kaufkraft der älteren Generation entdeckt, gekoppelt mit einer immer längeren Lebenserwartung ein mehr als lukrativer Wirtschaftsfaktor. Warum also nicht auch im Kino? Schließlich standen die betagteren Semester kaum im Verdacht sich illegale Filmkopien im Internet, oder auf einem winzigen Handy-Display anzusehen. Man musste sie also nur wieder vermehrt von der Couch in die Lichtspielhäuser bugsieren und dazu waren die üblichen 15-25-jährigen Hauptdarsteller bzw. die CGI-Computerspielorgien a la „Transformers" nicht unbedingt das probate Zugpferd.
Also nahm man sich kurzerhand die Lieblingsgenres beider Geschlechter vor - Beziehungskomödie und Actionfilm - und rekrutierte eine Reihe in die Jahre gekommener Stars. So durften z. B. Meryl Streep, Diane Keaton, Alec Baldwin und Jack Nicholson allerlei amouröse Verwicklungen durchleiden (u.a. „Was das Herz begehrt", „Wie beim ersten Mal") und ehemalige Testosteron-Heroen wie Bruce Willis, Sylvester Stallone, J.C. Van Damme entweder als pensionierte Agenten („R.E.D."), oder deutlich angegraute Söldner („The Expendables") noch mal so richtig Feuer geben.
Gerade der eigentlich schon aussortierte Stallone genießt seit dem Überraschungshit „Rocky Balboa" seinen dritten Leinwandfrühling in vollen Zügen und dreht Kinofilm um Kinofilm. Dass er neben seinem angestammten Haudrauf-Terrain durchaus auch im komödiantischen Fach überzeugen kann, beweist er mit seinem aktuellen Streich „Zwei vom alten Schlag".
Natürlich ist die Idee clever, oder wenn man mäkeln will durchsichtig, die Komödie in dem ihrem Star (und dem ihm zugeneigten Publikum) bestens vertrauten Boxer-Milieu anzusiedeln. Schließlich ist Stallones Alter Ego „Rocky" längst eine Ikone der modernen Popkultur. Besonders witzig wird das Ganze allerdings erst durch die Besetzung Robert De Niros als Gegenpart. Denn auch er hat einen Großteil seines Ausnahmemimen-Ruhms einer Boxer-Rolle zu verdanken, erhielt er doch für die Darstellung der Boxlegende Jake La Motta („Wie ein wilder Stier") seinen zweiten Oscar.
Und Rocky gegen La Motta ist genau das, worauf der Film angelegt ist, auch wenn die beiden alten Kämpen hier auf die Namen „Razor Sharp" (Stallone) und „The Kid" McDonnen (De Niro) hören. So ist Razor der etwas mürrische, aber durch und durch gutmütige und bescheidene harte Arbeiter. McDonnen dagegen ist ein arroganter, selbstverliebter Lebemann, der nach Karriereende schnell Fett angesetzt hat und sich mit Vorliebe in seiner eigenen Bar besäuft, in der er nebenbei auch noch als schmieriger Conférencier auftritt.
Natürlich waren die beiden in ihrer Glanzzeit erbitterte Konkurrenten, wobei jeder jeweils ein Mal den anderen bezwingen konnte. Ein dritter Entscheidungskampf scheiterte am plötzlichen Rückzug Razors aufgrund einer privaten Fehde, womit er McDonnen bewusst die Chance auf eine Revanche verbaute. Als gute 30 Jahre später der abgehalfterte Promoter Dante Slate Jr. (Kevin Hart) die beiden für ein Boxvideospiel castet, bricht die intensive Feindschaft auch handgreiflich wieder voll auf. Als die beiden Kampfhähne daraufhin unversehens zu Internet-Stars werden, kommt Slate die Idee für eine letzte Runde im Boxring. Nun heißt es für beide erst mal wieder in Form zu kommen, was angesichts ihres fortgeschrittenen Alters und McDonnens Lebensstil einer Herkulesaufgabe gleichkommt ...
Dieses Szenario hätte auch schnell zu einer albernen Nummernrevue verkommen können, aber Komödienspezialist Peter Segal (u.a. „Get Smart", „50 erste Dates") inszeniert das Ganze souverän als Feelgood-Schmunzelfilm mit einer sanften Brise Drama und Herz. Voll verlassen kann er sich dabei auf seine beiden Hauptdarsteller, die mit ordentlich Selbstironie und Spielfreude ans Werk gehen, ihre Figuren aber durchaus ernst nehmen und nie ins Lächerliche abrutschen. Vor allem Stallone überrascht mit einer fein austarierten Mischung aus Komik und Tragik, während De Niro weitestgehend das mit den „Focker"-Filmen etablierte Arschloch mit (lange Zeit gut verstecktem) Herz wiederauflegt.
Besonderen Spaß machen aber die zahlreichen Verweise auf die „Rocky"-Filme. So gibt es ein Wiedersehen mit dem Rohe-Eier-Drink, den zweckentfremdeten Rinderhälften und den rustikalen Trainingsmethoden des italienischen Hengstes. Auch die Beziehung zu seinem das eigene Altersheim aufmischenden Ex-Trainer „Lightning" (Alan Arkin) erinnert stark an Mickey. Eine Stärke des Skripts ist es, dass diese Themen nicht einfach nur nach Checklisten-Manier abgehakt, sondern frotzelnd variiert bzw. kommentiert werden. Auch die beiden ernsteren Nebenhandlungsstränge - Razor kommt seiner Jugendliebe Sally (Kim Basinger) wieder näher und McDonnen seinem lange Zeit ignorierten Sohn B.J. (Jon Bernthal) - wirken nicht bemüht dramatisch überhöht und fügen sich stimmig in den humorvollen Grundton.
Slapstick, derbe Sprüche am Fließband oder ähnliche Aufforderungen zum brüllenden Lachen sollte man allerdings besser nicht erwarten. Das war aber hier auch offensichtlich nicht avisiert und dürfte zudem an der sicher etwas reiferen Zielgruppe ganz ordentlich vorbeigeschossen haben.
„Zwei vom alten Schlag" ist somit v.a. ein gelungenes Schmunzelvergnügen für „Rocky"-Nostalgiker, dessen schwaches US-Einspiel bestimmt nicht aus mangelnder Qualität resultiert. Vielmehr gab es in letzter Zeit einfach zu viele launige Abenteuer rüstiger Ex-Stars, so dass das Zielpublikum einfach nicht mehr Schritt halten konnte. Schließlich sind die in der Regel auch nicht mehr die Jüngsten. In diesem Fall sollten sie es allerdings den beiden Protagonisten gleichtun und ihre müden Knochen noch mal in Schwung bringen. Die alten Herren des Rings habens nämlich immer noch drauf.