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Dritte Mann, Der (1949)
Eine Kritik von nickpicker (Bewertung des Films: 9/10) eingetragen am 26.03.2007, seitdem 431 Mal gelesen
Carol Reed drehte in der Nachkriegszeit, genauer gesagt 1949, einen Film, der sich mit der zeitgenössischen Problematik der Besatzungszonen, dem Schmuggel beschäftigte. Aus historischem Interesse sicher ganz nett, aber wen sollte dieser Film heute noch begeistern, der wenig an geschichtlichen Filmen interessiert ist und zudem nicht unbedingt der erste Freund von Kriminalfilmen ist? Häufig werden bei Filmen wie diesem Wörter wie "Klassiker" und "zeitlos" verwendet, die aber bei den meisten der so gelobten "Meisterwerke" in ihrer Bedeutung eher hohl bleiben. Sicher, man kann stets die handwerkliche Perfektion erkennen, die exzellenten Schauspieler, aber der Abstand zum Gezeigten bleibt; denn die meisten, die es mit solchen wie den eben genannten Begriffen belegen, verbinden etwas aus ihrem eigenen Leben mit dem Film. Sollte man aber nicht erst dann von "zeitlos" reden können, wenn das entsprechende Oeuvre von jemandem, dessen Lebensgeschichte nichts mit diesem Werk verbindet, davon begeistert ist?
Bezeichnend für meine Unverbundenheit mit Der Dritte Mann ist bereits die Tatsache, dass ich die Titelmusik bisher nur aus Der Schuh des Manitu kannte. Ja, ich gebe es zu; niemals hätte ich mit einer derart leichten, fröhlich gezupften Melodie bei einem geschichtsschwangeren Werk wie diesem gerechnet. Doch es beginnt alles andere als schwermütig. Begleitend zu den erwarteten Bildern vom zerstörten Wien, das wie Berlin in vier Besatzungszonen geteilt war und in dem die Geschichte dieses Film spielt, berichtet uns zur angesprochenen Musik ein Erzähler in leicht ironischem Plauderton vom alltäglichen Schmuggel in der ausgezehrten und an Lebensmitteln und Medikamenten Mangel leidenden Stadt.
Schon diese Einleitung macht den Stil, den der gesamte Film im Grundsatz beibehalten wird, deutlich: Vor schwerer Thematik wird ein kontrastierend unterhaltsames Handlungsspiel entspannt, das vom eingereisten Autoren und Lebemann Holly Martins getragen wird. Diese Person, gespielt von Joseph Cotten, hat, bis dato weit entfernt vom Krieg und dessen Auswirkungen, ihre Energie und Lebensfreude behalten. Diese treiben sie voran, die Ereignisse aufzuklären, die sich im Zentrum der Stadt abgespielt haben: Hollys Freund Harry Lime, der schon länger in der Stadt lebte und ihn einlud, dort Arbeit zu finden, ist tot. Überfahren vom eigenen Chauffeur im Beisein von einigen Freunden aus der Stadt - und einem geheimnisvollen dritten Mann, dessen Identität herauszufinden sich Holly zur Aufgabe gemacht hat, in der Hoffnung, so dem angeblichen Unfall und den Schmuggelvorwürfen gegen Harry auf den Grund zu gehen. Dabei lernt er dessen letzte Freundin, die schöne Theaterschauspielerin Anna Schmidt (Alida Valli) kennen, die immer noch dem Toten nachtrauert. Bald fühlt sich Holly zu ihr hingezogen, wobei jedwede schnulzigen Anklänge tunlichst vermieden werden; hier kommt es nicht zu emotional überladenen Blitzbeziehungen, wie man es sonst erwarten würde. Anna, die den Krieg miterlebte und selbst noch einige aktuelle Probleme hat, bildet den gezeichneten Gegenpart zum unbeleckten Holly. Die Beziehung zwischen beiden entwickelt sich dementsprechend interessant, von Annäherung aus Schutzbedürfnis einer- und Hilfe wie Halt andererseits hin zu Spannungen, wenn die Unterschiede zwischen beiden aufklaffen und die Realität durchbricht. Nie stehen die Verhältnisse zwischen den Charakteren fest, immer bleiben sie in Bewegung; Stereotypen sucht man bei den Hauptpersonen vergebens.
Zu den realistisch gezeichneten Personen des Films müssen auch die Schauplätze passen. Zwar wurde auch im Studio gedreht, jedoch fanden viele Szenen direkt im Nachkriegswien statt; die zerstörte Stadt ist allgegenwärtig und verdeutlicht stets, vor welchem Hintergrund die Geschichte handelt. Auch viele Nebendarsteller sind östereichisch-deutscher Abstammung und runden mit ihren Akzenten die Originalität des Settings ab. Ebenso wurde darauf geachtet, weder Besatzungsmächte noch Besetzte in einem zu positiven Licht erscheinen zu lassen. Dies ist eine bemerkenswerte Leistung für einen Film, dem jeglicher historischer Abstand fehlt und für den Propaganda beider Seiten wohlbekannt sein musste. Die differenzierte Darstellungsweise ist ein Verdienst der Sichtweise des fremden Holly wie auch der spielerischen Dynamik des Films, die die Handlung stets weiterspinnt und nie zu lange bei einem Punkt verweilt. Eine langsame Entwicklung, die sonst typisch für ältere Werke ist und viel zu ihrem historischen Abstand beiträgt, fehlt hier. Häufig geht es Schlag auf Schlag; dennoch lässt sich die Kamera an wichtigen Stellen Zeit, um die eingefangene Szenerie nicht zu zerstören (ich denke hierbei zum Beispiel an den herrlich kitschfreien Schluss).
Wenn dann die Sprache auf die Schauspieler kommt, fällt sofort und als erstes der Name Orson Welles. Obwohl dieser Name als einer der ersten im Vorspann auftaucht, darf der Zuschauer einige Zeit warten, bis er ihn zu Gesicht bekommt. Die entsprechende Szene gehört zu den eindrucksvollsten des gesamten Films. Ganz offensichtlich wurde hierauf sorgfältig zugearbeitet: Der berühmte Name, auf den das Publikum wartet, bewirkt ein wohlige Schauer über den Rücken jagendes Wiedererkennen, ohne die entsprechende Person je vorher im Film gesehen zu haben. Die Präsenz des Schauspielers erfüllt bereits in diesen wenigen Sekunden das gesamte Bild; sein übergroßes Ego, das mit dem Talent durchaus in Einklang stand, macht sich bemerkbar. Weil Welles nur wenig Screentime bekommt, macht sich dessen Einzigartigkeit um so deutlicher bemerkbar. Sein berühmter Monolog hoch oben im Riesenrad auf dem Prater birgt die gesamte Thematik der erzählten Geschichte; alles zielt, so scheint es, auf den sympathisch bösartigen Welles und das zurecht. Dabei dürfen die anderen Schauspieler nicht vergessen werden. Dieser Satz klingt bereits nach einer Supportcast-Aufführung mit dem Motto "unter ferner liefen...". Dem ist nicht so. Nur weil Welles' Rolle eine besondere Bedeutung zukommt, die dieser wunderbar erfüllt, werden die anderen Schauspieler ihrem Anspruch nicht weniger gerecht. Sowohl Cotten als auch Valli wissen sehr gut zu spielen und harmonieren ausgezeichnet miteinander - sei es in Freundschaft oder Streit. Trevor Howard als Militärpolizist wirkt so undurchschaubar und gefährlich wie sympathsich, Bernard Lee als dessen Untergebener treu und lieb, aber nie (wie es leider in entsprechenden Fällen häufig der Fall ist) wirklich treudoof. Die Charakterzeichnung wurde offensichtlich bis ins Detail sehr sorgfältig betrieben
Im Finale dann macht sich die Ambivalenz der Charaktere, besonders des von Welles gespielten, deutlich. Soll man für ihn sein? Seine Verfolger? Ich war beim Ansehen hin- und hergerissen; die Spannung der labyrinthischen Hetzjagd in den Kanälen unter Wien ist auch heutzutage noch äußerst spannend. Wenn aus allen Tunnels Stimmen schallen und sich Echos an jeder Ecke brechen, in welche Richtung soll man rennen? Bis zum Schluss bleibt das Ende offen; mich enttäuschte es nicht, vielmehr fühlte es sich richtig an.
Wie das Gefühl aber auch ausschlagen sollte: In jedem Fall macht sich der wohltuende Verzicht auf Klischees bemerkbar, die großräumige Umgehung von ausgetretenem Terrain.
Es bleibt eine entschlackte, von jedem Ballast befreite Inszenierung, die in allen Belangen Perfektion ausstrahlt. Beim Erleben des Films fühlte ich keinen Abstand zwischen ihm und mir. Das nenne ich zeitlos.
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