Wir befinden uns im Jahre 2014 n.Chr. Das ganze Actiongenre ist von den US-Amerikanern beherrscht ... Das ganze Actiongenre? Nein! Ein von einem unbeugsamen Waliser angeführter Trupp indonesischer Action-Aficionados hört nicht auf, dem Okkupator Widerstand zu leisten ...
Man möchte fast meinen Gareth Evans verfügte über einen Zaubertrank, so unerwartet, radikal und brachial mischte er 2011 mit eigentlich hoffnungslos unterlegenen (finanziellen) Mitteln den so unangefochten wie uninspiriert vor sich hin trampelnden Actionfilm Hollywoodscher Prägung auf.
Sein vergleichsweise spottbilliger (Budget 1 Mio $) Martial-Arts-Kracher „The Raid" setzte ganz neue Maßstäbe in punkto Kampfchoreographie, Härtegrad und Intensität und förderte das Plumpe, Schwerfällige und Biedere amerikanischer Hochglanz-Krawalle der Marken „Bay" oder „Die hard" schonungslos zu Tage. Auch Stallones reaktivierte Testosteron-Rentner machten im Vergleich ihrem Kampfnamen alle Ehre und wirkten mehr als entbehrlich.
Wenn man „The Raid" überhaupt eine Vorwurf machen konnte, dann war es der einer minimalistischen Story. Die Erstürmung eines von Gangstern besetzten Hochhauses durch eine Spezialeinheit der Polizei in Jakarta lies wenig Raum für mehrdimensionale Figuren oder gar einen vielschichtigen Plot. Bei einer knackigen Lauflänge von knapp 90 Minuten und einem Actionanteil von gefühlt 90 Prozent konnte man das allerdings recht locker verschmerzen. Evans hatte zwar auch da bereits höhere Ambitionen, aber keine Geldgeber zur Umsetzung. Das Problem hat er nach dem fulminanten Erfolg nun nicht mehr und das merkt man „The Raid 2" auch deutlich an.
Nicht nur die Dauer von 2,5 Stunden, auch die zahlreichen Schauplätze und deutlich exquisitere Ausstattung lassen Evans epische Vorstellungen diesmal endlich Wirklichkeit werden. Vor allem aber ist es die komplexe, vielschichtige Handlungsstruktur um Verrat, Rache und Korruption, die den Begriff „Gangster-Epos" vollauf rechtfertigt. Ganz in der Tradition der „Pate-Trilogie" oder ihrem asiatischen Pendant „Infernal Affairs" taucht „The Raid 2" tief in die mafiösen Machenschaften und Strukturen konkurrierender Gangstersyndikate ein. Strukturen in die zudem Hochfinanz, Politik und Polizeiapparat verwickelt sind und die damit undurchdringbar und v.a. undurchschlagbar scheinen.
Einer soll es dennoch versuchen. Kurz nach dem Einsatz in dem besetzten Hochhaus wird Rama (Iko Uwais) von einer geheimen Spezialeinheit rekrutiert um die Organisation des aalglatten Unterweltbosses Bangun (Tio Pakusodewo) zu infiltrieren. Völlig abgeschnitten von Freunden, Familie und Kollegen versucht er daraufhin Beweise gegen Bangun zu sammeln und gerät immer tiefer in einen Strudel aus blutigst ausgetragenen Macht- und Revierkämpfen ...
Trotz dieser ungleich anspruchsvolleren und ausgefeilteren Handlung ist aber auch „The Raid 2" zuvorderst ein bahnbrechendes Action-Spekatkel. In superb choreographierten, oft minutenlangen Faustkämpfen setzt Evans erneut Maßstäbe, sowohl die Dramaturgie innerhalb der Kämpfe, wie auch deren Intensität und Härtegrad betreffend. Die teilweise überaus drastischen und expliziten Gewaltdarstellungen verkommen dabei aber nie zum Selbstzweck und haben auch keinen sadistischen Unterton.
Die optisch völlig unterschiedlichen Locations sorgen zudem dafür, dass keine Redundanz eintritt und der erneut sehr hohe Actionanteil nie Langeweile verursacht. Das verhindern insbesondere auch mit ungewöhnlichen Waffen operierende Auftragskiller (u.a. Hammer, Baseball und Krummmesser), die Rama im großen Finale im Verbund bekämpfen.
Schließlich fügt sich auch die Kameraarbeit in die momentan konkurrenzlos dastehende Actionexpertise Evans. Anders wie in der von der "Bourne"-Trilogie losgetretenen Wackelkamera-Unart ist sie hier fixer Bestandteil der Choreographie und erreicht damit genau die Unmittelbarkeit und das „Mitten-drin-Gefühl" an denen die US-Vertreter in nervtötender Penetranz und Ignoranz regelmäßig scheitern.
Sollte das US-Kino seine Herrschaft über das Actiongenre zumindest auf dem heimischen und europäischen Markt weitestgehend konservieren wollen, dann ist ein Lernen vom noch nur aufmüpfigen Gegner Pflicht. Sattheit, Bequemlichkeit und Ignoranz sind schon vielen Herrschern zum Verhängnis geworden. Die Kampfansage des Walisers Gareth Evans ist jedenfalls klar und deutlich. Einen Zaubertrank brauchte er dafür nicht.