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Welch Schauspiel! Aber ach! Ein Schauspiel nur!

Der Schauspieler ist auch nur ein Mensch. Soll heißen ihn dürstet es genauso nach Liebe, Wertschätzung und Aufmerksamkeit wie jeden anderen. Nur ist sein Durst größer, exzessiver, brennender und nicht nur von ein paar netten Kollegen, guten Freunden oder liebenden Familienangehörigen zu stillen.
In diesem Sinne ist Riggan Thomson geradezu ausgedörrt, gewissermaßen emotional dehydriert. Einst ein gefeierter Filmstar als gefiederter Superheld „Birdman", fristet er inzwischen ein tristes Schatten-Dasein abseits des medialen Scheinwerferlichts und zuschauerlicher  Liebesbezeugungen. Sein Scheitern als Ehemann und Vater geben der geschundenen Seele noch den letzten Feinschliff. Ein Erfolg auf den Brettern die die Welt bedeuten - in der Stadt die niemals schläft - soll es nun richten, soll sein geschundenes Ego wieder mit Beachtung und Anerkennung aufpäppeln. Dafür riskiert er seine letzten monetären und psychischen Reserven und wagt sich in der Doppelfunktion als Regisseur und Hauptdarsteller an den Broadway.

Michael Keaton spielt diesen Abgestürzten und es ist eine der vielen doppelbödigen Ironien des Films, dass sein zumindest einigermaßen konservierter Bekanntheitsgrad maßgeblich auf der Verkörperung des Titelhelden in Tim Burtons Batman-Doppelpack von vor gut 25 Jahren fußt.
Auch wenn er immer wieder betont nur sehr wenig mit seiner Figur gemein zu haben, war er schon lange nicht mehr so intensiv und wahrhaftig wie in dieser Rolle. Die tiefe Verzweiflung über die womöglich eigene Unbedeutsamkeit, die Frustration über die Fixierung auf seine Superheldenvergangenheit mit der gleichzeitigen Negierung künstlerischen Anspruchs hat sich tief in jede Falte seines Gesichts gegraben und wir durch einen fast dauerhaft gehetzten Blick geradezu haptisch greifbar. All dies versucht er durch eine fiebrige Hektik zu übertünchen, eine fast schon destruktiv wirkende Energie, da sie ihn nur schneller in den wahrscheinlichen Abgrund des totalen Zuschauer- und Kritikerflops zu treiben scheint. Ein Abgrund, vor dem ihn sein Alter Ego „Birdman" in mephistophelischen Einflüsterungen zu bewahren versucht. Lieber ein weiteres Sequel als reifer Superheld mit der keineswegs abwegigen Option auf ein glorreiches Leinwand-Comeback - schließlich ist 60 das neue 30! -, als der reputable Harakiri-Akt in einem miefigen Seitenstraßen-Theater mit der geringen Aussicht auf künstlerische Anerkennung.

Dass man als Zuschauer sich permanent ganz nahe bei Riggan wähnt, die Geschehnisse der wenigen Tage vor der Premiere quasi hautnah miterlebt und sich auch in seiner Gedankenwelt wie zu Hause fühlt ist ein inszenatorisches Husarenstück. Die wenigen Schnitte wurden so geschickt gesetzt, dass man sie kaum wahrnimmt und der Film gefühlt wie in einem einzigen, zweistündigen Take abläuft. Die Kamera verfolgt dabei den Titelhelden auf Schritt und Tritt bei seinen rastlosen Streifzügen durch die Flure des Theaters sowie seinen Ausflügen in die umliegenden Bars und quer über den Times Square. Sowohl in Bewegung wie auch bei den Close Ups der Gesichter ist sie kaum weiter als eine Armlänge vom Geschehen entfernt. Nur selten nimmt sie eine mehr beobachtende, distanziertere Position ein - u.a. bei den Theater-Proben - und gönnt einem so eine kleine Empathie-Pause.  

Neben Hauptdarsteller Keaton profitieren v.a Emma Stone und Edward Norton von der ungemein intensiven und persönlichen Inszenierung. Stone hat als labile, drogenabhängige und vom Filmstar-Vater lange Zeit vernachlässigte eine der eindringlichsten Szenen, in der sie Riggan mit einer Mischung aus brutaler Gnadenlosigkeit und tief empfundener Liebe mit seiner destruktiven Angst vor der Bedeutungslosigkeit konfrontiert. Und Norton hat sein unbestrittenes Talent eine ganze Ewigkeit nicht mehr so gewinnbringend eingesetzt wie in der Darstellung des exzentrischen Theaterstars Mike, der lediglich auf der Bühne er selbst und natürlich sein kann und außerhalb permanent eine Rolle spielt, vornehmlich die des arroganten, selbstverliebten Arschlochs.

Der bisher eher für sperrige und ernste Stoffe („Babel") bekannte Regisseur Alejandro González Inárritu überrascht hier mit einem schwungvollen, raffiniert erzählten und ungemein kurzweiligen Stück Kino, das sich geschickt jedweder Etikettierung entzieht. Der Film lässt sich in keine Schublande stecken und das macht ihn so erfrischend anders. Er ist tragisch, melancholisch, traurig, aber auch sehr humorvoll, teilweise zum Brüllen komisch, bissig, sarkastisch, bösartig.
In seinen Angriffen und Seitenhieben auf das Showbusiness ist er manchmal frontal, vordergründig und brachial. Dann aber auch wieder sehr subtil und hintersinnig. Zwar wird das Hollywoodsche Star-System und sein Blockbuster-Fetischismus gehörig unter Beschuss genommen, aber der scheinbare Gegenentwurf der New Yorker Broadway-Theaterwelt leidet dabei keineswegs unter versehentlichen Querschlägern oder friendly fire, sondern bekommt ebenfalls gezielte Volltreffer verpasst. Von der als selbstverliebt und zerstörerisch gezeichneten feuilletonistischen Kritikerzunft mal ganz zu schweigen.
Ohnehin kann man „Birdman" universeller und persönlicher - in diesem Fall kein Widerspruch - sehen, als es der klare Fokus auf das Schauspielgewerbe suggeriert. Jeder Mensch besitzt ein Ego, das ihn zu allerlei Höhenflügen, aber auch zu Abstürzen und auf Irrwege führen kann. Für die menschliche Natur, für ihr Wesen ist es essentiell.

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