„Ein Monster macht Politik"
Wenn vom sündteuren amerikanischen Blockbusterkino die Rede ist, rümpfen Kritiker regelmäßig und geradezu reflexartig die Nase. Seelenlose Bombastspektakel für die breite, anspruchslose Masse, heißt da das gängige Pauschalurteil. Wer es etwas pointierter mag, dem wird mit der Formel „platt, laut, dumm" geholfen.
Ironischerweise ist die kollektive Kritikerschelte genauso plakativ, formelhaft und oberflächlich, wie man es den Hollywoodschen Großprojekten unterstellt. Denn immer wieder hat das so gering geschätzte Eventkino auch für großartige Unterhaltung gesorgt, ohne dabei seine Figuren im Effektgewitter untergehen zu lassen (u.a. Gladiator, Iron Man).
Tatsache ist aber auch, dass dies ein durchaus anspruchsvoller Spagat ist, an dem viele Regisseure immer wieder scheitern. Vor allem die Bombastkönige Michael Bay und Roland Emmerich teilen sich nicht zu Unrecht die Style-Over-Substance-Schublade inzwischen praktisch exklusiv. Vor allem die beiden Transformers-Sequels (Bay) sowie der Desaster-Kracher 2012 (Emmerich) sind Musterexemplare perfekt getrickster CGI-Schlachten, bei denen die auftretenden Personen zu bloßen Statisten verkommen und das klapprige Handlungsgerüst lediglich als roter Faden für die teilweise völlig aus dem Ruder laufenden Schauwerte taugt.
In Hollywood ist man sich des Dilemmas „Je mehr visuelles Wow!, desto mehr dramaturgisches Gähn!" durchaus bewusst. Schon seit längerem ist daher ein Umdenken bei der Konzeption neuer potentielle Blockbuster zu beobachten. Zwar setzt man weiterhin auf riesige Budgets, um möglichst viel Spektakel zu bieten. Allerdings vertraut man diese immer häufiger relativ unbekannten oder Genre-fremden Regisseuren an. Man hofft auf diese Art die formelhaft gestrickten Megaproduktionen mit einen frischen Anstrich oder einem überraschenden Blickwinkel neu auszurichten.
Vor allem die Marvel-Studios setzten für ihre Superheldenabenteuer in den letzten Jahren konsequent auf diese Wild-Card. Und das mit Erfolg. So wurde beispielsweise der Hammerschwingenden Donnergott Thor vom Shakespeare-erfahrenen Kenneth Branagh mit launigem Theater-Pomp aufgemotzt, oder der reichlich angestaubte Biedermann Captain America in einem ausgewachsenen Paranoia-Szenario auf einen schmerzlichen Selbstfindungstrip geschickt.
Dieser unverstellte, unverbrauchte Blick auf das vermeintliche Patentrezept für den klassischen Sommerhit sollte nun auch die japanische Monsterechse Godzilla runderneuern. Zu diesem Zweck hat man den schottischen Regisseur Gareth Edwards angeheuert. Immerhin hat dieser mit dem Independent-Hit „Monsters" bewiesen, dass er das Genre nicht nur versteht, sondern ihm auch neue Facetten abzugewinnen vermag. Sicherlich keine schlechte Wahl, zumal Edwards dem lärmenden Spektakel durchaus Sympathien entgegen bringt.
So ist der 39-jährige filmisch mit Spielberg und Lucas groß geworden und tatsächlich ist auch in seiner Godzilla-Version etwas von dem naiven Charme, der beinahe kindlichen Begeisterungsfähigkeit und nicht zuletzt auch der Liebe zum Detail und für den Stoff zu spüren, die die beiden Pioniere des modernen Blockbusters lange Zeit auszeichneten. Auch findet er ein ausgewogenes Verhältnis zwischen spektakulären Spezialeffekten und ruhigeren Passagen, in denen er geschickt eine düstere Atmosphäre aufbaut und seinen Figuren Raum zur Entfaltung lässt. Dass diese am Ende trotz namhafter Besetzung dennoch relativ blass bleiben, ist ein traditionelles Manko des Monsterkinos, das lediglich Steven Spielberg in seinem Megaerfolg „Jurassic Park" einigermaßen zufriedenstellend in den Griff bekam. Aber hier lag immerhin auch die Romanvorlage eines versierten Thriller-Autors zugrunde.
Edwards „Godzilla" hat andere Stärken. So verpasst er dem Film fast spielerisch eine Reihe gesellschaftspolitischer Metaebenen, die man über das bloße Spektakel hinaus dekodieren kann, wenn man denn will (u.a. der Umgang mit den Ressourcen des Planeten, Auswirkungen und Gefahren der Nukleartechnologie, Umgang mit Naturkatastrophen sowie den Nachwirkungen des 11. September).
Zudem war er sich offenbar durchaus des enormen Stellenwerts der Godzilla-Figur für die japanische Popkultur bewusst und trägt deren Kultcharakter deutlich Rechnung. Er orientiert sich dabei auffällig an der Urversion Ishiro Hondas von 1954. Mit der zunehmenden Lächerlichkeit und dem zweifelhaften Pappmache-Charme der unzähligen Epigonen hat Edwards Interpretation dagegen kaum Schnittmengen. So ist auch Godzilla anno 2014 ein vergleichsweise düsterer und kritischer Kommentar zu der nach wie vor aktuellen Gefahr menschlicher Eingriffe in die Natur. Zwar steht dieser Subtext nicht im Zentrum und kann der Film auch problemlos ohne diesen als Unterhaltungsfeuerwerk konsumiert werden. Dennoch ist dieser Aspekt zumindest unterschwellig permanent spürbar und hebt „Godzilla" deutlich von solch infantilen Kindergeburtstagsspektakeln wie „Tansformers" ab.
Geschickt ist auch die Visualisierung des Monsters. Und das liegt nicht nur am gelungenen Creature-Design, das sich Kanongetreu - auch das eine deutliche Hommage - an Hondas Original orientiert. So bekommt man lange Zeit lediglich Bruchstücke Godzillas zu sehen und auch später, wenn Edwards die Echse vollständig aus dem Sack gelassen hat, variiert er zwischen Nahaufnahmen, großen Entfernungen oder bloßen Verwüstungsbildern. Über die eigentliche Intention Godzillas bzw. sein tatsächliches Feindbild lässt Edwards den Zuschauer übrigens ebenfalls eine ganze Weile im Dunkeln. Das funktioniert nicht zuletzt auch deshalb so gut, weil der Filmtrailer endlich einmal nicht den ganzen Handlunsgverlauf mitsamt Twists in 2 Minuten gepackt hat, so dass man sich den Kinobesuch eigentlich schenken könnte.
Ganz ohne Schwächen kommt der 60. Monster-Geburtstag dann aber doch nicht daher. So gelingt es auch Edwards nicht, der an sich vorhersehbaren Story - Mensch erschafft unfreiwillig Monster und denkt es kontrollieren zu können, Monster kann sich befreien und wird zur Bedrohung für die Zivilisation - mit überraschenden Twists und/oder unkonventionellen Plotideen Spannung zu verleihen. Hier hätte etwas mehr Mut zum narrativen Risiko nicht geschadet.
Das gilt auch für die Figurenkonstellationen. Wieder einmal gibt es einen warnenden Wissenschaftler („Breaking Bad"-Star Bryan Cranston kann hier kaum Akzente setzen) dem viel zu spät Gehör geschenkt wird. Und erneut gibt es einen mutigen Mann der Tat („Kick-Ass" Aaron Taylor-Johnson mit einem noch blasseren Auftritt als Bombenentschärfungsexperte der US-Army), der versucht das Schlimmste zu verhindern. Dazu kommt noch die ebenso unvermeidliche wie überflüssige Ehefrau des Helden (Elizabeth Olson) sowie der (hier moderat) sturköpfige hochrangige Militär (David Strathairn). Das ist am Ende dann doch leider wieder nur Dienst nach Genrebaukasten-Vorschrift.
Dennoch ist Edwards „Godzilla" durchaus sehenswert und macht Emmerichs platte Materialschlacht von 1998 weitestgehend vergessen. Die aktuelle Version ist vielschichtiger, düsterer, mit mehr Respekt vor dem japanischen Original und auch nicht so offensichtlich dem Primat der Effekte unterworfen. Zudem gelingen Kameramann Seamus McGarvey ein paar wunderschöne Bilder, die apokalyptischen Gemälden gleichen und der an sich simplen Geschichte vor allem visuell Bedeutungsschwere verleihen.
Wären nicht die menschlichen Charaktere relativ blutleer, ein Gros der Handlung relativ spannungsarm und das Ende nicht so unnötig abrupt, gäbe es nicht allzu viel zu meckern. Letztlich hat sich aber auch hier wieder die aktuelle Taktik Hollywoods, ihre Großproduktionen von unverbrauchten, motivierten Jung-Regisseuren betreuen zu lassen, als absolut zukunftstauglich erwiesen.