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Ein kleines Kaff in Louisiana, 50er Jahre. Die 14-jährige Dani Trant ist in Elvis verschossen, hat ihren eigenen Kopf und geht gerne in Nachbars Tümpel planschen, auch wenn sie gerade Hausarbeiten zu erledigen hat. Mit ihr wohnen ihre Eltern und ihre kleine Schwester im Haus, außerdem ihr Ein und Alles, die große Schwester Maureen. Ein viertes Geschwist ist unterwegs. Alles scheint sehr harmonisch, gar idyllisch. Maureen ist schön, klug und trifft sich schon mit Jungen. Es scheint normal, daß ihr eindeutige Angebote gemacht werden, da sie immer in der Lage ist, sich der Bedrängung zu entziehen. Dani ist noch nicht so weit, diese Umtriebe zu verstehen. Bis der fremde Court sie beim Baden überrascht, was ihr die Schamesröte ins Gesicht treibt. Sie ist nackt.
Wie sich herausstellt ist die inzwischen verwitwete Marie Foster mit ihren drei Söhnen, darunter der 17-jährige Court, auf ihren Hof zurückgekehrt. Anfängliches Gezanke entwickelt sich zu einer Freundschaft zwischen Court und Dani, die schnell zum ersten Kuß führt. Die beiden haben jedoch unterschiedliche Ansichten der Beziehung. Während Dani sich verliebt und ihr Vater überraschend nachsichtig agiert, hat Court zum einen den Kopf voll Arbeit und zum anderen ist ihm Dani eigentlich viel zu jung. Als er dann erstmals Maureen begegnet, ist es um ihn geschehen und die Freundschaft der beiden Mädchen wird auf eine harte Probe gestellt.

Die wohl größte Stärke von Der Mann im Mond ist, daß dieses Drama mit erstaunlicher Natürlichkeit abläuft und seine Geschichte vom jugendlichen Aufblühen zunächst ohne plumpe Manipulation erzählt wird. Es ist das Erlebnis eines für die Figuren speziellen Sommers, der ihr Leben nachhaltig verändern wird. Rein von der Atmosphäre, ohne sich mehr als schemenhaft vergleichen zu lassen, könnte man den Film vielleicht als ein weibliches Gegenstück zum hervorragenden Stand by Me beschreiben. Auch Der Mann im Mond bietet, neben anderen stimmigen Kniffen, welche die Aufmerksamkeit des Zuschauers erhalten, einen groben Einschnitt, der selbstverständlich kalkuliert wurde, jedoch die Grundlage dazu bildet, das soziale Gefüge an die Grenzen zu führen.
Regisseur Robert Mulligan beobachtet Details, ohne deren Bedeutung aufdringlich zu erklären. So bleibt es am Zuschauer, zum Beispiel die Belastung Marie Fosters nachzuempfinden, wenn sie ganz nebensächlich beim nachmittaglichen Kaffee einen Schuß Schnaps aus der Flasche in ihrer Handtasche in ihren Eistee gibt. Da läßt sich die Anspannung Courts schon leichter erahnen, da er immer mehr in seiner Arbeit versinkt und selbst zugibt, nicht zu wissen, ob er sich damit nicht zu viel vorgenommen hätte. Daß die Rassenproblematik in den der 50er Jahre noch nicht bewältigt war, spürt man beiläufig an den einzigen mit Afroamerikanern besetzten Rollen.

In der Erziehung der Trants gibt es keine klare Trennung in Gut und Böse. Einerseits ist Vater Matthew sehr streng, greift in Verzweiflung sogar zum Gürtel. Dem begegnet seine geschlagene Tochter mit Verständnis und spricht die Gefühle aus, die der Vater nicht in Worte fassen kann. An anderer Stelle ist er sehr besonnen und hilft seinerseits den Töchtern die Augen zu öffnen. Was man spürt ist die Liebe innerhalb der Familie und so empfindet man selbst ein schlechtes Gewissen bei einem Mißgeschick als schwerwiegend mit.
Obwohl Maureen kurz vor ihrem Schritt in die weite Welt steht, zeigt Der Mann im Mond eben nur diesen begrenzten Ausschnitt der wunderschön ländlichen Einöde mit seinem Frieden und seinen Beschwerlichkeiten. Nur ein kleiner Hauch dessen, was sie erwarten könnte, läßt sich im Film überhaupt ausmachen. Bei einer authentischen Besetzung fällt es da kaum noch auf, daß die junge Reese Witherspoon mit einer unglaublichen Debütleistung glänzt. Als naiv-regsamer Frechdachs, wovon sie sich zumindest ihre ergreifend kesse Art in späteren Rollen gern bewahrt hat, vollzieht sie die Wandlung vom hosentragenden Mädchen zum Teenager, welcher zur Betonung der Weiblichkeit plötzlich auf einen Rock zurückgreifen und Hausarbeiten verrichten möchte, mit einer bezaubernden Niedlichkeit. Ihre Kollegen spielen sich den Präferenzen der Geschichte geschuldet zwar nicht vor sie, wissen jedoch jeden Moment trefflich zu interpretieren und so homogen auszufüllen.

Mulligan setzt das in Details durchdachte Drehbuch von Jenny Wingfield in der Gefahr um, seine Nuancen nicht an ein plumpe Holzhammermethodik gewohntes Publikum durchboxen zu können. Durch die entstandene Dynamik erreicht er damit jedoch auch eine Qualität, die Der Mann im Mond zu einer gefühlsintensiven Erfahrung macht, die zu gleichen Teilen tragisch, rührselig, offen und wunderschön endet - ein bisschen vielleicht, wie John Ford seine großen Dramen ausklingen ließ.

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