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Für eine Handvoll Dollar (1964)
Eine Kritik von Fastmachine (Bewertung des Films: 8/10) eingetragen am 10.10.2005, seitdem 525 Mal gelesen
So beginnen Legenden: Ein Mann reitet in eine Stadt, aus der ihm ein Toter entgegen geritten kommt, aber ohne mit der der Wimper zu zucken reitet er weiter. Mit Dreitagebart und Poncho kommt Joe (Clint Eastwood) als Fremder in eine kleine Grenzstadt, die von zwei Schmugglerbanden beherrscht wird. Der gewaltsame Tod gehört hier zum Alltag, was den Fremden nicht im Geringsten abzuschrecken scheint. Wer er ist und was er will? Niemand weiß es. Ausgerechnet hier will er reich werden. Er lässt sich von beiden Parteien als Söldner anheuern, nur um sie gegeneinander auszuspielen. Ein tödliches Spiel, bei dem skrupellos über Leichen gegangen wird.
Wie alle starken Geschichten, ist auch die Grundidee dieses Westerns ebenso einfach wie einleuchtend. Wie sie aber erzählt wird, ist vollkommen neu, in einem Grade, dass man glaubt, der Western habe eine neue, nie gehörte Sprache gelernt.
Im Grunde schuf Leone mit „Für eine Handvoll Dollar“ gegen sein ursprüngliches Anliegen etwas Neues. Lässt sich etwas Naiveres denken, als einen italienischen Regisseur, der zu einer Zeit, als der Western alter Prägung am Krückstock ging, ganz unverbildet die alten Mythen des Westerns liebte? Entgegen allem Gerede vom angeblich zynischen, zeittypischen Tabubruch, kennzeichnete es Leone, dass ihm der Anschluss an das vermeintlich Angesagte, an den Zeitgeist fehlte. Niemand, der sich für künstlerisch auf Höhe hielt, wollte 1964 einen Western, schon gar nicht von einem Italiener. Leone verband ein eine jungenhafte Naivität und Begeisterungsfähigkeit mit einem eigenwilligen Kunstverstand und gab dem Publikum etwas Neuartiges, von dem das Publikum bisher gar nicht wusste, dass es genau dies vermisste und haben wollte, nämlich den Italowestern.
Die Geschichte des Kinos ist die Geschichte des kreativen Diebstahls. Nichts an den Zutaten von Leones „Für eine Handvoll Dollar“ war wirklich neu. Leone klaute und ahmte nach, schuf aber unter der Hand etwas Neues, dessen volle Bedeutung er ebenso wie das Publikum der Zeit nicht einmal erahnte. Es gehört heute zu Allgemeingut, dass Leone das Grundgerüst der Handlung aus Akira Kurosawas Film „Yojimbo“ (1961) übernahm. Damit beweist man gar nichts. Schon John Sturges bediente sich für „Die glorreichen Sieben“ bei Kurosawas „Sieben Samurai“ (1954), da er ebenso wie Leone das Potential der japanischen Vorbilder erkannte. Aber obwohl „Die glorreichen Sieben“ nur vier Jahre vor „Für eine Handvoll Dollar“ entstand, wirkt der Film wie aus einer anderen Epoche. Sturges verhielt sich kompromissbereiter gegenüber den Publikumserwartungen, indem er Kurosawas Inszenierungsstil abwandelte, um die Geschichte der „Sieben Samurai“ den Erzählkonventionen des Hollywoodwesterns anzupassen.
Im direkten Vergleich tritt der originelle und neuartige Stil von Leone klar zu Tage. Wo Leone einen schweigsamen Helden ohne Vorgeschichte unmittelbar auftreten lässt, wird bei Sturges viel geredet, um in geradezu altertümlicher Manier die einzelnen Charaktere herauszuarbeiten. Die einzelnen Revolverhelden der „glorreichen Sieben“ wissen weiß Gott mit ihrem Schießeisen umzugehen und vollbringen hierbei genretypisch unglaubliche Leistungen, denen aber immer was von Zirkusnummer und erworbener Geschicklichkeit anhaftet. Clint Eastwood hingegen umgibt eine geradezu magische Aura, die seinem Auftreten eine mythische Dimension gibt. Archetypisch und folgerichtig seitdem hundertfach kopiert und persifliert, erscheint Eastwoods geisterhaftes Heraustreten aus dem Nebel zum Schlussduell.
Ganz traditionell verteilt Sturges auch die Gut- und Böse Rollen sehr eindeutig, wobei es sicher zu den Qualitäten seines Films gehört, die Helden auch als Menschen mit gebrochener Biographie zu zeigen. „Die glorreichen Sieben“ sind Söldner, die aber den Kampf fürs Gute über ihre eigenen materiellen Interessen stellen. Clint Eastwoods Figur arbeit dagegen von Anfang an mit unklaren Motiven in einem merkwürdigen moralischen Zwielicht eben „für eine Handvoll Dollar“. Er lässt sich kaufen und spielt selbst falsch. Seine Moralität tritt übergangslos zwischen kaltblütigsten Manövern zutage, etwa als er der Familie von Marisol die Flucht ermöglicht. Was ihn dazu treibt bleibt ebenso im Dunkeln wie sein gesamtes Innenleben.
Wie sein Held, so stoßen auch Leones Schurken in neue Dimensionen vor. Waren Sturges mexikanische Schurken noch Filmbösewichter alten Stils und die Schießereien unblutig, so zeigt uns Leone sadistische Finsterlinge, die lauthals lachend Wehrlose reihenweise abschlachten.
Leones Wirkung beschränkte sich beileibe nur auf den Western. Aus heutiger Sicht muss man sogar sagen, dass seine Wirkung auf den Western eher zweitrangig war, seine Neuerungen waren weitaus wegweisender, als es damals abzusehen war. Sicher, all die italienischen Nachahmer hängten sich bald an Leone, sie machten den Italowestern zum kurzeitig blühenden, aber bald in neuen Genrekonventionen erstickendem Markenzeichen. Selbst die Amerikaner zeigten Wirkung, ihre Western änderten nun auch die Tonart. Und trotzdem: der Western blieb, besondern nach 1970, ein Nebengenre, von dem kaum noch Impulse für die gesamte Filmwelt ausgingen.
Wesentlich wichtiger wurde „Für eine Handvoll Dollar“ für ein neues Genre, dessen Blütezeit erst kommen sollte, den Actionfilm. Clint Eastwoods Auftritt als schweigsamer und knallharter Revolverheld, der aber bei aller Ausgekochtheit von einem untergründigen Gerechtigkeitsempfinden durchdrungen ist, darf ohne Übertreibung als grundlegend angesehen werden.
Der Westernheld mit dem Poncho steht am Beginn einer langen Reihe, die sich bis zum heutigen Tag fortsetzen lässt. Von hierher kommen sie alle. Sei es Eastwood selbst als „Dirty Harry“, Charles Bronson mit seinen Selbstjustiztypen, Kurt Russel als Snake Plissken in der „Klapperschlange“ oder Bruce Willis als John McClane in „Stirb Langsam“, selbst der frühe Schwarzenegger liegt noch auf der Linie. Und auch Tarantino, generationsmäßig schon weiter von Leone entfernt, huldigt dem Vorbild, wenn auch auf Grund des Zeitabstandes in Form von spielerischen Retro-Einlagen.
Darf man Clint Eastwoods Auftreten große Schauspielerei nennen? Schwer zu sagen. Er war vorher eher ein konventioneller B-Film und Fernsehdarsteller. Im Grunde hat Leone den Mythos „Clint Eastwood“ aus dem Nichts erschaffen. Die Coolness, die durch den mimischen Minimalismus Eastwoods verströmt wird, ist lächerlich einfach aufgebaut, aber trotzdem praktisch nicht nachzuahmen. Viele haben es versucht, kaum einer kam auch nur in die Nähe.
Fazit: Kann, soll und muss man gesehen haben. Wer diesen Film gegen die späteren, opulenteren Werke Leones hält und nur die Fülle zum Maßstab macht, wird diesem Film nicht ganz gerecht. Was Leone sagen wollte und zu sagen hatte, hat er hier schon gültig gesagt. Man könnte etwa das Verhältnis von „für eine Handvoll Dollar“ zu „Zwei glorreiche Halunken“ oder gar „Spiel mir das Lied vom Tod“ etwa vergleichen mit dem Verhältnis von einer mit dem Stift gezeichneten Vorstudie zu einem großen Ölgemälde. Was ihr an Pracht und Detailausformung fehlt, gleicht sie durch die kaum je zu bewahrende Frische des ersten Entwurfs aus.
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