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„Ein Fremder ohne Gnade, oder: Hüte dich vor dem Hütehund"

Chris Kyle war ein amerikanischen Scharfschütze. Chris Kyle hat es von 2003-2009 in vier Irak-Einsätzen auf 160 verifizierte „Kills" - er selbst sprach von über 250 - gebracht, Rekord in der US-Militärgeschichte. Chris Kyle wurde wenige Jahre nach seiner Entlassung auf einem texanischen Schießstand von einem anderen Veteranen erschossen. Chris Kyle gilt vielen Amerikanern als Nationalheld.

Diese Lebensgeschichte scheint wie gemalt für einen Spielfilm, da mit ihr Legionen kontrovers diskutierter Themen aufgeworfen werden (können). So gilt das amerikanische Engagement im Irak-Krieg vielen im In- und Ausland nicht nur motivisch fehlgeleitet, sondern auch von seinem Ergebnis her als mindestens fragwürdig und dem globalen Ansehen der USA nicht gerade förderlich. Für die betroffenen Veteranen ist diese Lesart nicht unproblematisch. Damit einhergehend berührt diese spezielle Vita auch das uramerikanische Selbstverständnis - mitsamt der dazugehörigen Legitimation - vom Beschützer der Schwachen und Unterdrückten bzw. einer aus hehren Beweggründen operierenden Weltpolizei oder Ordnungsmacht.
Schließlich werden auch unterschiedliche Sichtwiesen der bzw. auf die einzelnen Soldaten evoziert. Beispielswiese wird die Profession des Snipers auch in militäraffinen Kreisen zumindest kritisch diskutiert, da hier aus dem Hinterhalt kaltblütig und bewusst getötet wird. Aus diesem Grund sind auch die psychischen Auswirkungen auf die entsprechenden Kombattanten von anderer Natur wie bei „gewöhnlichen" Soldaten. In diesem Zusammenhang gerät dann der in der Öffentlichkeit - zumindest der westlichen Demokratien - immer breiter und schärfer fokussierte Bereich der Posttraumatischen Belastungsstörungen ins Blickfeld.

Einem Regisseur bieten sich hier also mannigfaltige Möglichkeiten für ein facettenreiches und vielschichtiges Bild der Post 9/11-USA hinsichtlich Krieg, Soldatentum sowie innen- und außenpolitischer Positionierung. Dazu kommt, dass der echte Kyle in zahlreichen Interviews - Printmedien wie TV - sowie in seiner Autobiographie ein sehr ambivalentes Bild abgibt. Einerseits tritt er als überzeugter Patriot, pflichtbeflissener Soldat, treuer Kamerad und liebevoller Familienmensch auf, andererseits bezeichnet er die Irakis durchweg als „Savages" und zeigt keinerlei Ansätze einer emotionalen Reaktion, oder zumindest intellektuellen Reflexion hinsichtlich seiner Sniper-Tätikeit, außer der in diesem Zusammenhang äußerst befremdlichen Äußerung Spaß daran gehabt zu haben.  

Vor diesem Hintergrund konnte man regelrecht aufatmen, dass der nicht zu Unrecht häufig als „Märchenonkel" und „Gefühlskitsch-Kleisterer" geschmähte Steven Spielberg aus dem bereits sehr weit gediehenen Projekt wieder ausstieg und der weitaus nüchterner und sachlicher inszenierende Clint Eastwood stattdessen anheuerte. Zumal der sich mit dem Iwo-Jima-Doppelpack „Flags of our Fathers" und „Letters of Iwo Jima" als kritischer und origineller „Kriegsfilmer" ausgezeichnet hatte, während Spielberg mit der verlogenen und tendenziösen Heroismus-Eloge „Saving Private Ryan" lediglich den anachronistischen Hollywood-Kriegseintopf der 1950er und 60er Jahre neu aufkochte.

Dieses Pro-Eastwood-Aufatmen ist allerdings nur von kurzer Dauer, denn sehr schnell wird deutlich, dass man es bei „American Sniper" mit einem klassischen Spielberg-Stoff zu tun hat, der lediglich von Eastwood ausgeführt und abgefilmt wurde. Nach der spannenden Exposition, die Kyle bis kurz vor der Ausführung seines ersten Todesschusses im Irak zeigt, hakt Eastwood in so kurzen wie hölzern inszenierten Episoden die wichtigsten Stationen auf Kyles Weg zum Scharfschützen ab und vermittelt dabei den falschen Eindruck eines vorbestimmten und geradlinigen Weges hin zum „geborenen" Kriegshelden.
So darf er am texanischen Küchentisch das zum Niederknien simple Menschenbild des Vaters von der Dreiteilung in Schafe, Wölfe und Hütehunde in sich aufsaugen, nach einem TV-Bericht von Terroranschlägen auf US-Botschaften in Afrika seine Rodeo-Karriere an den Nagel hängen und sich verpflichten und kurz nach dem ebenfalls im TV erlebten Zusammenbruch der New Yorker Twin Towers in den Krieg gegen den Irak ziehen. All dies packt Eastwood in gut 25 Minuten und legt damit das Fundament für die anschließende Überhöhung des Sniper-Hütehundes zum selbstlosen Beschützer und gnadenlos effizienten Krieger.
Die restlichen zwei Stunden beschäftigen sich dann vornehmlich mit Kyles 4 Irak-Einsätzen, bei denen er nicht nur als Scharfschütze, sondern auch als Teil eines Teams zur Räumung und Erstürmung feindlicher Häuser agierte. Bei seinen - bezeichnenderweise sehr kurz gehaltenen - Heimaturlauben werden Schwierigkeiten mit der Wiedereingliederung ins private und bürgerliche Leben lediglich angedeutet, bagatellisiert (u.a. hoher Blutdruck, Geräuschempfendlichkeit) und wirken arg alibihaft in Hinsicht einer bestenfalls behaupteten kritischen Sichtweise. Probleme haben im Prinzip nur die anderen. Vollends entlarvend ist dabei Kyles Sitzung bei einem Trauma-Psychologen, die damit endet, dass dieser Kyle dann zu den „wirklichen" Problemfällen führt, denen der ehemalige Scharfschütze schließlich damit hilft, dass er mit ihnen auf den Schießstand geht und man gemeinsam ein fröhliches Scheibenschießen veranstaltet.

„American Sniper" bleibt damit in jeder Hinsicht an der Oberfläche und zeichnet das für die breite Masse angenehm zu konsumierende Bild eines simplen, aber aufrechten Patrioten, der seinen früh entwickelten Beschützerinstinkt selbstlos für seine Kameraden und gnadenlos für seine Gegner einsetzte. Die hässlichen Seiten des Kylschen Weltbildes sowie seine familiären Probleme nach dem Kriegsdienst werden nur ganz kurz angerissen und können bei entsprechender Neigung problemlos auch übersehen oder gänzlich ignoriert werden.
Post-traumatische-Belastungsstörungen gibt es weder bei Kyle, noch bei anderen, relevanten Filmfiguren. Zu sehen - und das ebenfalls nur kurz - sind lediglich ein paar vornehmlich körperlich Kriegsversehrte, die Kyle bezeichnenderweise auf dem Schießstand „therapiert". Der für die USA äußerst negativ belegte Irakkrieg dient lediglich als Blaupause für Kyles Soldatenleben und erfährt keinerlei kritische Durchleuchtung was sein Zustandekommen, die damit verbundenen Intentionen der US-Politik, oder seine Ergebnisse betrifft. Zwar zeigt er den Zusammenhang mit 9/11, ohne aber die damit verbundene Kontroverse auch nur andeutungsweise aufzugreifen. Im Gegenteil. Wer den Krieg immer schon als gerechte Folge der Anschläge sehen wollte, muss nach dem Film seine Ansicht nicht hinterfragen und schon gar nicht revidieren.

Wie wenig Eastwood an der historischen Figur Kyles sowie den Begebenheiten des Irakkriegs interessiert war, zeigt auch die Inszenierung der Gegner. Beinahe jeder der auftretenden Irakis ist entweder hinterrücks, heimtückisch oder sadistisch. Und ausnahmslos jeder vor Kyles Flinte hat den Tod 100-prozentig verdient. Schließlich erfindet der Film auch noch das westernartig aufgezogene Duell Kyles mit einem gegnerischen Scharfschützen "Mustafa", das dann vollends die simple Schwarz-Weiß-Malerei offen legt. Während letzterer jeden US-Soldaten aufs Korn nimmt und natürlich zwei von Kyles engsten Freunden tötet, erschießt Kyle nur Gegner, die eine unmittelbare Bedrohung für seine Kameraden darstellen. Das Stalingrad-Sniper-Märchen „Enemy at the Gates" grüßt hier fröhlich aus dem ähnlich verstellten Zielfernrohr. Hier wie da sieht man in erster Linie einen Western im Kriegsfilm-Wams, der den Focus auf Tempo und Spannung der Actionszenen legt  und sich ansonsten nur durch Klitterung, Simplifizierung und Glättung hervor tut.

Bradley Cooper - der sich für die Titel-Rolle über 20 Kilo an Muskelmasse und Körperfett antrainierte und zumindest äußerlich der echten Figur frappierend nah kam - agiert dann auch mehr wie Eastwoods wortkarge Loner, die gnadenlos (und) stoisch in ihrer staubigen Umgebung aufräumten, um dann nach getaner Arbeit ungerührt weiter zu ziehen. Für einen Blick hinter die stahlblauen Augen ist da keinerlei Platz, geschweige denn für eine kritische Beschäftigung mit dem tödlichen Handwerk des Schützen. Der Mensch Chris Kyle bleibt im Dunkeln und verschwindet gänzlich hinter der Persona des War-Heroes.
Kyles Ende auf dem Schießstand erfährt der Zuschauer schließlich nur durch eine Texttafel. Eine Auseinandersetzung mit diesem brisanten Aspekt bleibt ebenfalls völlig aus. Statt dessen zeigt Eastwood Original-Aufnahmen vom Staatsbegräbnis Kyles und unterlegt diese mit einer wehmütigen Musik. Die emotionale Wirkung ist umso stärker, als er im gesamten Film davor auf Musikuntermalung fast gänzlich verzichtet hatte. Das finale Statement ist klar. Hier geht ein Großer des US-Militärs und das ist traurig. Das gilt aber leider auch für den Film an sich.

Dass „American Sniper" in der Endabrechnung des Kinojahres 2014 mit einem Einspiel um die 350 Millionen Dollar der umsatzstärkste Film am US-amerikanischen Box-Office sein wird, ist angesichts des speziellen Stoffs und seiner Aufarbeitung gar nicht mal so sensationell, wie es zunächst klingen mag. Hier zeigt sich überdeutlich die offenbar ausgeprägte amerikanische Sehnsucht etwas positives aus einem Krieg zu ziehen, der zwar nicht das nationale Trauma von Vietnam nivelliert hat, vielen aber dennoch unangenehm bis peinlich ist. Nicht zuletzt auch, weil er die USA in der Weltöffentlichkeit als schießwütigen Hitzkopf bloß stellte, dessen Behauptung aus Überzeugung für Gerechtigkeit und Menschlichkeit zu kämpfen zumindest in diesem konkreten Fall einen unschönen Nachhall aus Zynismus und Hohn hatte.
Dazu passt denn auch die Überhöhung eines Rekord-Scharfschützen zum Nationalhelden, kann man doch hier die wehmütigen Erinnerungen an den aufrechten und vor allem "erfolgreichen" World War II-Recken wieder aufleben lassen. Mut, Geradlinigkeit, Gehorsam, Pflichtversessenheit und Treue sind soldatische Grundtugenden, die eben auch im Irakkrieg den US-Kombattanten prägten, so die simplifizierende und vor allem eindimensionale Botschaft des Films. Eastwood ist damit, ob gewollt oder nicht, einer der größten gesellschaftspolitischen Versöhnungscoups der jüngeren amerikanischen (Film-)Geschichte gelungen. Ob er darauf stolz sein kann, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

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