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Electric Boogaloo: The Wild, Untold Story of Cannon Films (2014)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 4 / 10)
eingetragen am 21.04.2017, seitdem 138 Mal gelesen



Mit „Not Quite Hollywood“ und „Machete Maidens Unleashed“ hatte sich Mark Hartley als Spezialist für das abseitige B-Kino platziert und blieb seiner Materie treu, als sich in seiner dritten Film-Doku der berühmten Firma Cannon Films annahm: „Electric Boogaloo: The Wild, Untold Story of Cannon Films“.
Den meisten Filmfans dürfte Cannon natürlich für ihre Actionware aus den 1980ern bekannt sein, die häufig reaktionär war, aber gleichzeitig das Objekt glühender Genrefanverehrung. Doch die für die meisten Fans die zentralen Actionsachen bekommen vergleichsweise wenig Raum; sieht man von der Freude ab, mit der eine Anekdote dargebracht wird, das jedes Actiondrehbuch bei Cannon auf einen der zwei Staffel für die Chucks sortiert wurde – Chuck Norris und Charles Bronson. Stattdessen wird viel Zeit wird auf die Anfänge verwendet, in denen die israelischen Cousins Menahem Golan und Yoram Globus die Firma nach und nach als Verleiher und Filmemacher auf dem amerikanischen Markt etablierten, angefangen mit Softsexfilmen und Teenie(sex)komödien wie „Eis am Stiel“. Das mag zwar auch zum Thema Cannon gehören, wird aber in einer Ausführlichkeit behandelt, die ein wenig das Bild des Studios verzerrt.
Insgesamt erzählt „Electric Boogaloo“ (benannt nach dem Cannon-Breakdance-Film „Breakin‘ 2: Electric Boogaloo“) fast nix außer lauter Anekdoten, die zwar mitunter witzig sind (ein Castinggespräch mit einem Affen, die „Stone Girl“-Story), aber wenig zum Gesamtbild von Cannon beitragen. So klappert Hartleys Doku in Filmausschnitten und Interviewschnippseln eine Mischung aus den Greatest Hits der Firma und größten Kuriositäten, die keiner kennt (mal ehrlich: Wer kennt Filme wie „Going Bananas“ oder bringt Cannon mit „Bolero“ in Verbindung?), ab. Das mag ja ein Versuch sein das Spektrum der Firma möglichst interessant abzubilden, bleibt aber viel zu sehr an der Oberfläche, schaut nie auf den zeitlichen Kontext. Für allerlei Obskures fällt Wichtiges und Erwähnenswertes mehr oder weniger vom Tisch: Ein Film wie „Bloodsport“ wird nur kurz erwähnt, sein Einfluss auf den (US-)Martial-Arts-Film gar nicht. Vergleiche zu den Praktiken anderer Studios und Filmemacher werden nicht gemacht (bei Roger Corman gab es oft Poster und Titel vor dem Drehbuch, das Pre-Sale-Modell hat Carolco mit viel teureren Genrefilmen ebenso ausgereizt usw.), und auch sonst jeder erhellende Kontext wird direkt für Talking Heads rausgeworfen, damit jeder mal kurz zu Wort kommt, aber keiner so richtig was erzählen kann. Interessant wird es erst gegen Ende, wenn tatsächlich einigermaßen nachvollziehbar über Cannons Niedergang berichtet wird (das Studio gab zu viel für Stargagen, z.B. beim Drei-Film-Deal mit Sylvester Stallone, und Rechte, wie bei „Superman IV“, aus um die Summen wieder hereinzubekommen), aber bis dahin ist viel Zeit vergangen und von einer Doku-Dramaturgie wenig zu merken. Und auch hier werden interessante Ansätze (Golan und Globus als Vorläufer der Weinsteins; Nu Image usw. als kommerziell erfolgreichere Nachahmer des Cannon-Modells) bloß angerissen und nicht vertieft.

Das größte Manko von „Electric Boogaloo“ ist allerdings die Geisteshaltung hinter dem Film. Die meiste Redezeit geht an Schauspieler Alex Winter (dessen Hauptarbeit für Cannon darin bestand einen Punk in „Death Wish 3“ zu spielen, der nach wenig Screentime abgeknallt wurde) und vor allem Music Supervisor Richard Kraft, die andauernd betonen wie schlecht doch alles gewesen sei. Letzterer hat übrigens ein paar Cannon-Film-Credits und danach jahrzehntelang nichts (bis zu dem von ihm gedrehten „Finding Kraftland“) in seiner Filmographie. Kann man wahlweise so sehen, dass seine Karriere durch Cannon zerstört wurde (positive Lesart) oder er so untalentiert war, dass er danach keine Arbeit mehr fand (negative und eventuell glaubwürdigere Lesart) – da hat jemand gut reden. Währenddessen kommen Franco Zeffirelli und John Frankenheimer (via Archivmaterial) als positive Stimmen nur einmal zu Wort und die interessantesten, weil nuanciertesten Interviewpartner (z.B. Mark Goldblatt oder Sybil Danning) auch nicht so viel Redezeit. Ein vorgefertigtes „Höhö, wie blöd waren die eigentlich“, das gar keinen anderen Blickwinkel zulässt. Selbst Werke wie „Barfly"“ und „Runaway Train“ werden daher als Betriebsunfälle ins Positive umgedeutet; Golan und Globus lediglich als begeisterte Stümper dargestellt. Das Interview mit Dolph Lundgren besteht im Film aus ein oder zwei Sätzen, in denen er zu Protokoll gibt, dass er es seltsam fand die Actionfigur He-Man in „Masters of the Universe“ zum Leben zu erwecken (eine Aussage, deren Informationswert gegen null tendiert); andere Stars wie Chuck Norris sind gar nicht dabei (weil sie teilweise bei der Konkurrenzdokumentation „The Go-Go Boys“ exklusiv als Interviewpartner verpflichtet waren) oder kommen auch eher kurz zu Wort, wie Michael Dudikoff.
In Sachen Hit-and-Miss-Verteilung bei Cannon überwiegt letzteres sicher, aber trotzdem hätte man wesentlich ausgewogener darüber berichten können. Außerdem färbt diese Geisteshaltung auch unangenehm auf den Informationsgehalt ab. Da alles Gegenlautende der Schlechtheitsthese entgegensteht, wird mehrmals gesagt, dass Cannon im Kino oft Verluste machte, der erstarkende Videomarkt der 1980er aber mit keinem einzigen Wort erwähnt: Doch genau darüber (sowie über die erwähnten Auslandsverkäufe) dürfte die Firma Einnahmen generiert haben, denn anders hätte sie sich kaum so lange halten können. Derartige Überlegungen und Nuancen sind Hartley allerdings fremd. Noch dazu belaufen sich die Ausschnitte aus den Cannon-Werken fast immer auf hastig aneinandergereihte Titten- oder Blutszenen, die kaum einen Eindruck vom vorgestellten Film vermitteln. Vielleicht soll „Electric Boogaloo“ auch ein Metafilm sein, denn Hartley vertritt ja die These, dass Cannon-Produktionen wenig filigran Zusammengestückeltes waren, das Schwächen mit Nacktheit und Gewalt ausgleichen wollte. Insofern ist das hier das Doku-Äquivalent dazu.

Das ist schade, denn „Electric Boogaloo“ gewährt schon nette Einblicke in die Arbeitsweise des Studios und macht durchaus Lust auf einige der weniger bekannten Filme des Studios, auch wenn das leider auf Kosten des Informationsgehaltes geht, gerade im Bezug auf richtungsweisende Filme von Cannon. So bleibt eine leidlich unterhaltsame Anekdotensammlung, deren Geisteshaltung das angeblich so durchgeknallte und wenig geschäftsfähige Produzentenduo am Ring durch die Manege zu führen, leider zu diversen Fehldarstellungen und klaffenden Lücken in der Berichterstattung führt, was Hartley und seinen Film unterm Strich reichlich unsympathisch macht.


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