„Der Action-Discounter"
Discounterware ist in der Regel dadurch gekennzeichnet, dass sie die Bedürfnisse, Interessen und Vorlieben der breiten Masse anspricht. Zudem sollte sie natürlich aufgrund der angestrebten hohen Konsumentenzahl sowohl eine einigermaßen solide Qualität aufweisen wie auch relativ günstig sein. Sind all diese Kriterien erfüllt, steht dem Verkaufserfolg nichts mehr im Weg.
Im ebenfalls vornehmlich gewinnorientierten Filmbusiness gibt es nicht wenige, die nach demselben Prinzip verfahren und damit auch ähnlich erfolgreich sind. Ein Paradebeispiel ist sicherlich der französische Tausendsassa Luc Besson.
Ob Regie, Drehbuch oder Produktion, Luc beherrscht sämtliche Disziplinen aus dem Effeff und hat zudem ein untrügliches Gespür für den Publikums(Massen)geschmack. Das gilt insbesondere für schnell verdauliche Actionkost (u.a. Taxi, The Transporter, Unleashed, Colombiana, 96 hours, Lockout), die er bevorzugt einem festen Stamm von Regisseuren überträgt, die allesamt einen ähnlichen Stil pflegen (u.a. Louis Terrier, Pierre Morel, Olivier Megaton). Dieser ist gekennzeichnet durch Hochglanzoptik, schnelle Schnitte - nach Bedarf gekoppelt mit einer wackeligen Handkamera - sowie eine schnörkellose Erzählweise. Gerne wird dazu ein international zugkräftiger Star der zweiten Reihe angeheuert (u.a. Jason Statham, John Travolta, Zoe Saldana, Liam Neeson) um auch in Konkurrenz mit dem Platzhirsch Hollywood treten zu können. Da die jeweiligen Budgets stets überschaubar gehalten werden, stimmt meist auch der Profit.
Wird mal ein richtiger Hit (The Transporter, Taxi, 96 hours) gelandet, dann folgen sehr schnell ein bis zwei Sequels, um die Goldmine so richtig auszuschlachten, bevor das Interesse an der nicht sehr nachhaltigen Kost wieder erlahmt. Wie sehr dabei das monetäre Interesse dominiert, zeigt das ebenfalls formelhafte Sequelrezept.
Zeichen sich die Originale oft noch durch Ruppigkeit, Härte bzw. das ein oder andere inszenatorische Risiko aus, so versucht man mit den Fortsetzungen ein noch breiteres Publikum zu erreichen, indem man sämtliche Unebenheiten glatt bügelt und damit auch eine niedrigere Altersfreigabe anvisiert. Puristische Actionfans sind darüber natürlich wenig begeistert, doch der Erfolg gibt Besson und seinen Erfüllungsgehilfen recht, denn meist steigern die Sequels nochmals das Einspiel.
So geschehen bei dem Vigilanten-Reißer 96 hours, dessen unerwarteter Erfolg nicht nur die späte Action-Karriere des bis dato eher im Charakterfach aufgefallenen Liam Neeson einläutete, sondern auch das sich etwas im Abseits befindende Subgenre des „Ballerfilms" wieder lukrativ machte. Für die unvermeidliche Fortsetzung (Taken 2) tauschte Besson den Regisseur Morel aus und ließ den gefälliger und harmloser inszenierenden Olivier Megaton (Transporter 3, Colombiana) ans Ruder. Rein künstlerisch und actionpuristisch gesehen zwar ein erkennbarer Rückschritt, zahlte sich die verwässernde Umorientierung an der Kasse kräftig aus (das globale Einspiel konnte beinahe verdoppelt werden).
Wenig überraschend, das nun trotz seinerzeit gegenteiliger Beteuerungen von Besson, Neeson und Megaton nun ein zweites Sequel nachgeschoben wurde, das erheblich näher am erfolgreicheren Taken 2 als am besseren Original orientiert ist. Der Plot um die familiären Beziehungen zwischen Brian Mills (Neeson), seiner Tochter Kim (Maggie Grace) und seiner Ex-Frau Lenore (Famke Janssen) rückt noch mehr in den Vordergrund und verkleinert dementsprechend den Actionanteil. Da beide Frauenrollen aber ähnlich schablonenhaft angelegt sind wie in den Vorgängern, ist der dramaturgische Schaden weitaus größer als der vermeintliche Nutzen.
Wie im zweiten Teil versuchen die bösen Buben - wieder einmal aus dem gern genommenen Reservoir der Russenmafia - über Bryans Familie an ihn heran zu kommen. Der Titel ist nun endgültig Makulatur, denn weder gibt es ein Zeitfenster von 96 Stunden, noch wird irgendjemand entführt, den es zu retten gilt. Vielmehr befindet sich der unter Mordverdacht geratene Mills die meiste Zeit auf der Flucht vor den heimischen Behörden, was vor allem zu Lasten des Härtegrades geht, denn als der „good guy" tötet Bryan natürlich keine Gesetzeshüter. So gibt es in erster Linie eine Reihe spektakulärer Autostunts zu bestaunen, wobei man sich dabei als Zuschauer ordentlich Mühe geben muss, denn dank Megatons gewohnt hektischer Montage und unrhythmisch gesetzter Schnitte ist man mehr zum Erahnen verurteilt, als dass man etwas erkennen könnte. Das gilt leider auch für die ähnlich verhunzten Faustkämpfe, die obendrein weder durch Anzahl, poch durch Länge positiv auffallen. Wenn der im ersten Teil noch wild um sich ballernde Mills dann doch mal zur Schusswaffe greift, dann ist das Ergebnis frappierend unblutig und harmlos.
Prinzipiell ist nichts dagegen einzuwenden, Mills diesmal im „The Fugitive"-Modus zu inszenieren, aber dann hätte man sich auch am enormen Spannungsgrad des Harrison Ford-Hits orientieren und vor allem mit einem adäquaten Gegenspieler aufwarten müssen. So wird der für einen Tommy Lee Jones-Gedächntnisauftritt eigentlich bestens geeignete Forest Whitaker sträflich unterfordert und darf als ermittelnder Franck Dotzler dem flüchtigen Mills lediglich dackelhaft hinterher trotten, als sich in Pitt Bull Terrier-Manier in dessen Spur zu verbeißen. Zu diesem Ganzen Samthandschuh-Szenario passen dann auch vortrefflich die immer wieder mal eingestreuten seichten Popsongs, die sowohl die Familientauglichkeit wie auch die Belanglosigkeit des Ganzen kongenial untermalen.
Taken 3 ist filmische Discounterware par excellence, der einstige Markenartikel ist damit allerdings auch endgültig zur Verramschung freigegeben. Oberflächlich betrachtet, für den schnellen Feierabendkonsum durchaus noch einigermaßen schmackhaft, dürfte der nach Härte, Kompromisslosigkeit und politischer Unkorrektheit hungernde Actionfan mit lautem Magenknurren nach Hause gehen. Olivier Megaton zementiert seinen mit dem ähnlich weichgespülten und auch dramaturgisch seichten Backkatalog (Transporter 3, Colombiana, Taken 2) bereits vorgezeichneten Ruf eines zuverlässigen Auftragsarbeiters, dessen Hauptaufgabe im kurzfristigen finanziellen Erfolg besteht und keineswegs in der längerfristigen Reputation. Qualitätsware sieht anders aus, für den Wald- und Wiesen-Actionfreund dürfte es aber dennoch mal wieder genügen.