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Der Beginn des Films lässt es schon erahnen. Da geht als kleiner Auftakt nämlich der Hoover Damm in Nevada in die Brüche, was für den kalifornischen Oberseismologen (Paul Giamatti) und seinen wissenschaftlichen Mitarbeiter, die gerade auf dem Ding rumklettern, ziemlich ungelegen kommt. Der Professor entkommt dem Drama, sein Student leider nicht. Der freundliche Quotenasiate des Films darf aber, bevor es mit ihm abwärts geht, noch ein kleines weinendes Mädchen retten, das er mit einem letzten beherzten Kraftakt seinem in der Folge nicht minder musterhaften Boss in die Arme schleudert. Danach ist klar: 114 Minuten überdimensionierter Kitsch warten darauf, ausgesessen zu werden.

Aber es kommt noch dicker. In jeder Hinsicht. Denn nachdem der bisher recht unbefleckte Regisseur Brad Peyton erst einmal das Handbuch für den US-amerikanischen Popcornkatastrophenfilm gezückt hat und daran geht, Punkt für Punkt abzuhaken, vermag das uninspirierte Schema F Szenario keine Überraschungen mehr aufzutischen und auch keine noch so schemenhaft erkennbaren Akzente mehr zu setzen.

Stereotyp ist hier nicht nur der von seiner Frau und Familie getrennte Beinahe-Ex-Ehemann und liebevolle Papi Ray (Dwayne Johnson), der mit ansehen muss, wie seine Verflossene einem reichen Stararchitekten (Ioan Gruffudd) mit schicker Hütte und schlechtem Charakter ins Garn geht. Doch keine Bange, auch jeder Kinoneuling weiß, wer da quasi schon „hier" ruft, um von der bald ohnehin alles plättenden Story aus dem Weg geräumt zu werden. Praktisch dabei, dass sich die beiden Ehepartner in Scheidung natürlich eigentlich immer noch lieben. Wie könnte besonders Sie auch nicht? Ist doch Ray zwar nur Rettungspilot bei der Feuerwehr, aber eben einer, der nicht nur Hubschrauber (und Propellerflugzeuge) fliegen kann, sondern auch Mechatroniker, Bootsführer, Langstreckentaucher, Kampfsportler, Ex-Soldat und Wunderheiler ist. Welcher Zuschauer möchte nun noch ernsthaft daran zweifeln, dass die Familie, wie einst bei „The Day after Tomorrow" (2004) oder „2012" (2009), am Ende wieder glücklich zusammengeführt wird? Vermutlich der gleiche Mensch, der „The Rock" auch noch den Stararchitekten abkaufen würde.

Trivial zudem das derzeit in Hollywood gefeierte Konzept des Schneller, Höher, Weiter, Lauter. Es reicht schon lange nicht mehr, dass etwa nur ein Mega-Beben die Westküste erschüttert. Wo kämen wir denn da heute hin? Nicht weit. Es müssen mindestens drei sein, die in ihrer Folge natürlich den Grad der Erschütterung multiplizieren. Es beginnt mit ein paar zerbröselten Gebäuden und endet mit einer hundert Meter hohen Sintflut, die Ozeanriesen und Supertanker auf die Dächer der Hochhäuser San Franciscos setzt. Dass der Held des Films sich die Gelegenheit nicht entgehen lässt, mit seinem Gummiboot auf diesem biblischen Tsunami zu reiten, darf an dieser Stelle als kleines Appetithäppchen erwähnt werden.

Eher schlecht als recht auch das 3D Korsett. Wenn Dwayne Johnson mit seiner Familie durch die gefluteten Straßen der Bay Area Metropole schippert, dann wirken die Gebäude links und rechts des Weges beinahe verschwommen, vor allem, wenn die Bilder Fahrt aufnehmen. Es sind diese unscharfen Computerkulissen, die nicht gerade scharf darauf machen, den Aufpreis für ein Kinoticket zu zahlen, das in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle kein Plus an Visuellem liefert, sondern im wahrsten Sinne des Wortes den Filmgenuss trübt.

Sozusagen gut ins Bild passt da auch die in jedem passenden und unpassenden Moment geschwenkte Flagge. Es ist ja schön und völlig in Ordnung, wenn man sein Land und die zugehörige Symbolik gern hat, aber muss man sich bei „San Andreas" das US-Banner derart aufdringlich vor die Augen wehen lassen, dass man nicht nur metaphorisch sonst nichts anderes mehr sieht? Vielleicht schon. Denn im direkten Vergleich zum lieblos arrangierten CGI im Hintergrund bietet selbst so eine dröge Festbeflaggung womöglich mehr Unterhaltung. Zumindest für einen Amerikaner. Glücklich übrigens, wer seine Ansprüche zu dem Zeitpunkt bereits im Alkohol ersäuft hat. Ganz in diesem Sinne und standesgemäß zeigt der Über-Daddy am Schluss der Welt, mit wie vielen Wassern ein echter Feuerwehrmann gewaschen ist, indem er ohne technische Hilfsmittel sein ertrunkenes, totes Töchterchen wiederbelebt. Und den Trick kennen immerhin noch nicht einmal Yoda, Superman oder Herkules.

Natürlich - Selbst dümmlichstes amerikanisches Mainstreamkino wie „San Andreas" lässt sich auf seine Weise genießen. Wenn man weiß, was einen da erwartet und man sich bewusst ist, wie kalkuliert banal und schematisch hier alles zugeht, spricht nichts dagegen, sich von einer dem Rechner entsprungenen Flutwelle einfach mal treiben zu lassen. Es muss ja nicht immer Kaviar sein.

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