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Breakfast Club - Der Frühstücksclub (1985)

Eine Kritik von Fastmachine (Bewertung des Films: 8/10)
eingetragen am 31.10.2005, seitdem 702 Mal gelesen


„Los, buddel“ (Clint Eastwood in „Zwei glorreiche Halunken“)

Na, dann mal an die Schaufel. Nötig werden die Ausschachtungsarbeiten in den Ablagerungen meines Gedächtnisses allemal sein. Irgendwo, weit unten, liegt die Erinnerung daran, wie der Film „Breakfast Club“ beim ersten Ansehen auf mich gewirkt hat und an den noch viel jüngeren Mann, der ich damals war.
Es war zwar nicht im Kino, sondern später auf Video, doch zeitlich noch nahe genug, dass der Film unmittelbar als etwas Gegenwärtiges erschien, als etwas, das auch mit mir zu tun hatte, obwohl die Hauptdarsteller Emilio Estevez und Judd Nelson deutlich älter sind als ich, ja einer anderen Generation angehören. Welchen Eindruck genau hat „The Breakfast Club“ damals bei mir (und meinem Umfeld) hinterlassen? Nicht einen so weltumstürzenden, wie spätere Legendenbildung es will. Trotzdem habe ich den Film beim ersten Ansehen als etwas Bemerkenswertes wahrgenommen, von dem etwas ausging, was andere Jugendfilme nicht besaßen.

John Hughes Teenager Psycho-Drama gehört zu den Filmen, bei denen nicht nur das Alter der Zuschauer, sondern vermutlich auch die Generationszugehörigkeit, erheblichen Einfluss auf die emotionale Empfänglichkeit und für das Verständnis hat, jedenfalls in einem höheren Grade, als das bei den meisten anderen Filmen der Fall ist.
Wessen Schulzeit lange zurückliegt, neigt dazu, verklärt zurückzuschauen. Vergessen und Verdrängen hat die oft alles andere als einfache Situation, der man in der Schule ausgesetzt war, erfasst. John Hughes „Breakfast Club“ setzt genau an diesem Punkt an. Er versucht durch ein psychologisches Experimentalstück die Verklärung zu sprengen. Der peinigende Kern dieses Psycho-Dramas liegt in dem Konflikt zwischen dem Zwang zur Rolle, dem man durch Gruppendruck ausgesetzt war und dem wahren Selbst mit seinen unverstellten Gefühlen.

Die Konflikte, die in diesem Film ausgetragen werden, scheinen auf den ersten Blick sehr spezifisch amerikanisch zu sein, da hier fünf Teenager stellvertretend für fünf allgemein bekannte Gruppen an amerikanischen Highschools stehen. Die Sportskanone, der Streber, der Freak, die Schönheitskönigen und die Ausgeflippte. Im Grunde genommen leistet sich John Hughes damit eine sehr fragwürdige Stereotypisierung, wie ihm von Gegnern des Films nicht unberechtigt aufs Brot geschmiert wurde. Wahrscheinlich wäre „The Breakfast Club“ heute einer von vielen Highschoolfilmen vergleichbaren Themas, wenn es John Hughes nicht gelungen wäre, dieses Thema in einer sehr persönlichen Weise anzugehen, die Mitte der Achtziger Jahre einzigartig war und den Film zu einem internationalen Erfolg machte. Der Konflikt zwischen der Einzelpersönlichkeit und dem Gruppendruck reicht weit über die besonderen Verhältnisse an amerikanischen Highschools hinaus. Fast gegen seine simplen Grundstrukturen und Figurenstereotypen, gelingt es dem Film, durch eine gute Besetzung und den Verzicht auf eine handelsübliche Teenagerfilmhandlung, den Freiraum für ein bemerkenswertes Drama zu gewinnen, welches den Kern jugendlichen Gefühlsleben ohne Besserwisserei oder billige, bis heute zum Erbrechen wiederholte Klischees, freilegt. Es ist schwer zu fassen, aber dieser von Hughes freigelegte emotionale Kern vermittelte den damaligen Zuschauern ein Weltgefühl, in welchem sich viele im Kino erstmals wieder fanden.

Der Traum vom reinen Menschsein, frei von allen gesellschaftlichen Zwängen, dürfte einer der ältesten Träume der Menschheit sein. Nicht so werden wollen wie die Erwachsenen, in ihren Rollen und Verstellungen. Nie ist dieses Gefühl so lebendig wie in der Jugend, aber schon hier baut das Kastensystem der Highschool soziale Käfige um die Menschen. John Hughes lässt seine fünf archetypischen Teenager einen Samstag lang den Traum in die gelebte Wirklichkeit umsetzen. Sie wurden zum Nachsitzen verdonnert und sollen einen Aufsatz darüber schreiben, wer sie glauben, dass sie seien. Das gemeinsame Nachsitzen und Nachdenken setzt bei den Fünf einen ungewöhnlichen Selbsterkenntnisprozess in Gang. Einige schmerzhafte, peinliche, aber auch aufrichtige Stunden lang fallen die Schranken und sie leben im ekstatischen Urzustand. Sie kiffen gemeinsam, lassen die Masken fallen und sind kurz frei. Mit Tanzszenen wird diese Befreiung von John Hughes filmisch gefeiert. Symbolisch stößt Andrew einen Urschrei aus, der das Glas springen lässt.
Oberflächlich betrachtet kommt die Welt der Erwachsenen bei John Hughes nicht gut weg, er nimmt hier ganz die Teenagerperspektive ein. „Wenn du erwachsen wirst, stirbt dein Herz“, sagt Allison. Zu den subtileren Leistungen des Films gehört die Art, wie das Erwachsenwerden doch noch zu seinem Recht kommt. Gerade als die Fünf einander nahe gekommen sind, dämmert ihnen die Einsicht: Am Montag werden sie wieder in ihre Rollen zurückfallen. Nicht aus Bosheit, sondern weil es schon immer so war, so ist und sein wird. Eine düstere Botschaft, wie manche meinen? Nein, nur die Schwelle des Erwachsenwerdens. „Werden wir etwa so wie unsere Eltern?“ – Ja. Und das wird irgendwann fast jeder akzeptieren. Denn nichts ist peinlicher als der „ewige Jugendliche“, der im gestandenen Alter nicht erwachsen sein möchte. Peter Pan im Alltag scheint mir eine traurige Figur zu sein.

Auf der anderen Seite: Wer als Erwachsener vergessen hat, wie es war, jung zu sein, der erstarrt und wird kalt und zynisch. In einer leider zu kurzen Szene erinnert der Hausmeister Carl den Lehrer Richard daran, als dieser wieder mal seinen Frust über die von Jahr zu Jahr arroganter werdenden Schüler rauslässt. Vielleicht hätte John Hughes diese Szenen etwas weiter ausarbeiten müssen, gerade bei der Figur des Hausmeisters wurde viel Potential verschenkt. Verlängert man die Linien der skizzenhaften Andeutungen im Film, so könnte man hier wohl John Hughes geheimes Anliegen finden, wenn man so will, seine Botschaft. Zum Erwachsenwerden und Erwachsensein gehört zweierlei: nämlich seine Rolle, seinen Platz unter all den andren in dieser oft harten Wirklichkeit zu finden, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Zum andren, den jugendlichen Impuls, die Spontanität des eigenen Ichs zu wahren, und die Rollen und die Regeln nicht als unveränderlich ansehen, sondern sie zu ändern. Wenn dieses Gleichgewicht erzielt wird, könnte man mit Hughes folgern, böte sich die Chance für ein geglücktes Leben. Diese Überlegung sollten vielleicht auch diejenigen einmal berücksichtigen, die das letztlich doch erstaunlich positive Ende des Films mit Kitschvorwürfen überziehen. Es finden sich nämlich ganz ungewöhnliche Liebespaare zusammen. Der Punk mit der Schönheitskönigin und die Sportskanone mit der Ausgeflippten. Sie haben die eigenen Beschränkungen überwunden, wissen aber um ihre eigenen Begrenzungen und wollen doch von ihrem gemeinsamen Erlebnis den Impuls mitnehmen, die Grenzen etwas zu verschieben. Und deshalb auch die schöne Schlussszene, in der Judd Nelson allein über den Rasen des Stadions geht und die Faust hebt. Yeah.

Gegen den Film spricht sicher auch einiges, jedoch nichts, was seinen Kern nachhaltig beschädigte. Auf die Stereotypen als Grundlage der fünf Hauptfiguren wurde schon eingegangen. Doch gilt hier, wie auch bei weiteren angreifbaren Aspekten des Films: So sehr die Fünf auch liebevoll gezeichnete Teenager der Achtziger sind, Naturalismus strebte John Hughes nicht an. Der Film wirkt nicht über eine exakte Milieubeschreibung der Highschoolwelt, sondern über eine in Gang gesetzte emotionale Bewegung. Selbst die ist in ihrer rein psychologischen Anlage oft ziemlich unglaubwürdig. Wer hat schon mal davon gehört, dass sich Leute so in wenigen Stunden ändern. Nur als Bespiel: Allison wird als seltsame Außenseiterin geschildert, die nicht mal spricht, dann aber plötzlich mit den anderen clever und durchdacht diskutiert. Ebenso Andrew, die Sportskanone, der nachsitzen muss, weil er die Schwächeren schikaniert hat. Warum sollte ein so dummdreister Schulhofschrecken plötzlich eine tränenreich sensible Selbstanklage von sich geben? Es widerspricht dies aller Erfahrung, aber trotzdem funktioniert der Film auch hier, an seiner fragwürdigsten Stelle, weil John Hughes auf reines Gefühlskino setzt. Längst geht es nicht mehr um die die besondre Wirklichkeit bestimmter Figuren, sondern um einen archetypischen Vorgang: Die Selbstfindung von Jugendlichen an der Grenze zum Erwachsenendasein. Man spürt, dass derartige Seelenerforschung eher aus dem Zeitgeist der Siebziger stammt, denn zuweilen geriet es gar zu tränenreich. Vielleicht lassen gerade diese Elemente den Film heute etwas veraltet wirken, da das Selbstempfinden der folgenden Jugendgenerationen sich doch deutlich geändert hat.

Ein kurzer Blick noch auf die Schauspieler, die für ihr Alter eine erstaunlich differenzierte und ausdrucksstarke Leistung vollbringen. Man sollte hier auf eine Tatsache hinweisen, die gerne übersehen wird. Die Darsteller der Teenager sind mitnichten gleich alt. Der älteste, Judd Nelson (geb. 1959), ist fast zehn Jahre älter als die Jüngsten, Molly Ringwald (geb. 1968) und Anthony Michael Hall (geb. 1968). Trotzdem wirkt die Truppe erstaunlich homogen und auf dem gleichen geistigen Stand. Trotz ihres frühen Ruhmes gelang es keinem von ihnen, später eine wirklich große Karriere zu machen. Auch als Schauspieler scheint die Hürde zwischen Teenager- und Erwachsenendarsteller sehr hoch zu sein.

Kann ein Film nach zwanzig Jahren noch der sein, der er mal war? Nein. Ein Film, der so eng mit der Jugendkultur der frühen Achtziger Jahre verknüpft ist wie „The Breakfast Club“, setzt sich der modischen und generationsbedingten Alterung stärker als andere Filme aus. Die Mode, die Umgangssprache der Teenager – alles längst vergangen, tiefste Achtziger. Dies ist eine Welt ohne Internet und Handys. Die eingängige Filmmusik, angeführt vom hymnischen „Don’t you forget about me“ der Simple Minds, war ein großer Hit, wirkt aber heute altbacken. Daran können alle Achtziger-Jahre-Retrowellen nichts ändern, ebenso wie die nostalgischen Gefühle derjenigen, die damals jung waren.
Die Tanzszenen etwa nehmen Elemente der frühen Musikvideoclips aus jener Zeit auf, oft etwas parodistisch nachinszeniert oder nachempfunden. Die Videoclips waren gerade erst in den Kinderschuhen, in Deutschland allzumal. Wir sehen diese Szenen heute wohl mit demselben Gefühl, wie die Generation der Achtziger auf die frühen Rock’n’Roll Filme der Fünfziger und Sechziger geblickt haben mag.

Fazit: Natürlich hat auch dieser Film etwas über seine Epoche hinausweisendes, aber für einen völlig zeitlosen Klassiker reicht es nicht ganz. Nostalgie sollte nicht das wichtigste Kriterium beim Umgang mit den eigenen Erinnerungen an diesen Film sein. Jede Generation muss sich ihre eigenen Jugendfilmikonen schaffen. Was James Dean in den Fünfziger Jahren mit „…denn sie wissen nicht, was sie tun“ gelang, schaffte „The Breakfast Club“ für die Achtziger. Fragt sich, welches der Film unseres Jahrzehnts wird (oder schon ist?).


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