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„Das fliegende Auge - Krieg per Joystick"

Der Einsatz von Drohnen hat die moderne Kriegführung revolutioniert. Die damit verbundenen Optionen sind allerdings gleichermaßen faszinierend wie beängstigend. Nicht nur können auch kleinste Bewegungen des Gegners live am heimischen Bildschirm mitverfolgt werden, was die Idee totaler Überwachung in bisher ungeahnte Dimensionen vorstoßen lässt. Das fliegende Auge kann bei Bedarf auch problemlos in eine tödliche Waffe umfunktioniert werden und Laser gelenkte Luft-Boden-Raketen oder Bomben äußerst präzise ins Ziel bringen, ein Hightech-Krieg wie man ihn lange Zeit nur aus Science-Fiction-Filmen kannte.
Die psychologischen Auswirkungen solcher Angriffe sind sowohl für die Angreifer wie auch für die Angegriffenen von einer ganz neuen „Qualität". Das septische, anonyme Töten per Knopfdruck und Joystick schafft eine Distanz zur Tat, die eine irgendwie geartete Verarbeitung enorm erschwert. Und der plötzliche Tod vom Himmel erzeugt ein Gefühl der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins, das vor allem die immer wieder betroffenen, unbeteiligten Zivilisten zermürbt.  

Dieser komplexen, thematischen Gemengelage widmet sich der britische Thriller „Eye in the Sky". Colonel Katherine Powell (Helen Mirren), eine auf den afrikanischen Kontinent spezialisierte Terrorexpertin, sieht die Chance drei jahrelang beobachtete und verfolgte militante Islamisten mit einem Schlag hoch zu nehmen. In Nairobi steht ein einheimisches Eingreifteam bereit, das nur noch auf die letztendliche Identifikation per Drohne wartet, um das als Wohnhaus getarnte Versteck zu stürmen. Als die dafür eingesetzte Mikrodrohne auch noch die unmittelbaren Vorbereitungen mindestens eines Selbstmordanschlags belegt, gibt Powell dem zuständigen „Reaper"-Drohnenteam den Befehl, das Haus mitsamt seinen Insassen unverzüglich per ferngelenkter Rakete zu zerstören.
Doch die dafür zu durchlaufende Befehlskette wird länger und länger. Da es sich bei den Terroristen um britische und amerikanische Staatsbürger handelt, will sich praktisch jeder Zuständige erst bei der nächst höheren Instanz rückversichern. Keiner will für die wahrscheinlichen Kollateralschäden mindestens in Person eines kleinen Mädchens, das vor dem Haus Brot verkauft, verantwortlich sein. Als auch noch der zuständige amerikanische Drohenpilot Lieutenant Steve Watts (Aaron Paul) von seinem Recht auf eine Neuberechnung der möglichen Schäden Gebrauch macht, droht die angespannte Situation vollends aus dem Ruder zu laufen ...

„Eye in the Sky" bezieht seine außerordentliche Spannung aus dieser nervenaufreibenden Rangelei um Kompetenzen, Entscheidungen und Verantwortung. Trotz mehrerer Schauplätze ist der Film ein Kammerspiel, wenn man so will, ein „Mehrkammern-Spiel". In der Londoner Militärzentrale muss sich Colonel Powell mit ihrem Rechtsberater und Schadensberechner auseinander setzten. Telefonisch ist sie mit General Frank Benson (Alan Rickman in einer seiner letzten Rollen) in Whitehall verbunden. Der sitzt zusammen mit drei hochrangigen Politikern, die schließlich eineEntscheidung des im Ausland weilenden Außenministers fordern. Auch auf der konkreten Handlungsebene gibt es zwei Schauplätze. Vor Ort in Nairobi sitzt eine Eingreiftruppe, die auch für die gefährliche Nahaufklärung per Mikrodrohne zuständig ist. Im amerikanischen Nevada schließlich befehligt ein US-Colonel die zweiköpfigen Drohnenteams, welche für den möglichen Angriff per Hellfire-Rakete zuständig sind.

Der Film zieht den Zuschauer nicht nur sofort und durchgängig in den Bann, sondern zwingt ihn auch, sich der unbequemen Frage nach einer möglichen eigenen Entscheidung zu stellen. Er ergreift für niemand Partei, jede Position hat ihr Für und Wieder und ist vom jeweiligen Standpunkt aus nachvollziehbar. Weder sind die als kalte Hardliner gezeichneten Powell und Benson Sympathieträger, noch sind es die teilweise aufreizend zaudernden Politiker, die zudem hauptsächlich die propagandistischen Auswirkungen, also das politische Folgegefecht im Blick haben. Am ehesten fühlt man mit Drohnenpilot Watts, der zwischen dem Dilemma unschuldige Zivilisten zu töten, oder mögliche Terroranschläge nicht verhindert zu haben, regelrecht zerrieben wird.

Gavin Hood („Tsotsi", „X-Men Origins: Wolverine") ist mit „Eye in the Sky" ein kluger, vielschichtiger und enorm spannender Politthriller gelungen, der die vermeintliche Sauberkeit und Simplizität moderner Kriegführung und Terrorbekämpfung schonungslos offen legt. Er moralisiert nicht, belehrt nicht und serviert keine bequemen Lösungen. Zusammen mit Mike Nichols ähnlich gelagertem „Good Kill" (2015) der bis dato beste Beitrag zum gleichermaßen brandaktuellen wie komplexen Thema.

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