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„Wüstenduell"

Wenn Söhne berühmter Regisseure ihren Vätern nacheifern, ist das meist ein zweischneidiges Schwert. Zweifellos fällt der professionelle Einstieg dank Verbindungen und Reputation des Vaters deutlich leichter. Andererseits umweht das eigene Wirken immer der Odem einer ordentlichen Vitamin-B-Schützenhilfe. Jonás Cuarón ist der Sohn des mexikanischen Shooting Stars und Kritikerlieblings Alfonso Cuarón, dem 2014 das Kunststück gelang, als erster lateinamerikanischer Filmemacher den Oscar für die beste Regie (`Gravity´) einzuheimsen. Ein solcher Erfolg kann durchaus belastend sein, zumal, wenn man dem Vater beruflich nacheifert.  

Andererseits blickt der 35-jährige Jonás bereits auf ein erstaunlich breites Spektrum filmischer Erfahrungen zurück. So hat er, neben ersten Regieerfahrungen, bisher schon als Schauspieler, Kameramann, Produzent und Drehbuchautor (u.a `Gravity´) gearbeitet und damit die Profession des Filmemachens von praktisch allen relevanten Seiten kennen gelernt. Für seinen ersten Langfilm `Desierto´ war er also auch unabhängig der väterlichen Unterstützung bestens gerüstet. Und das hat sich erkennbar ausgezahlt.

Mit einem Budget von 3 Millionen Dollar ist `Desierto´ natürlich trotz der Co-Produktion durch Vater Alfonso und dem nicht ganz unbeschriebenen Hollywood-Hauptdarsteller Jeffrey Dean Morgan (der „Comedian" in `Watchmen´) ein kleines Projekt, was aber den Vorteil birgt, nicht auf den potentiellen Massengeschmack schielen zu müssen. Und das zeigt sich deutlich in Erzählhaltung, Charakteren, Handlung und vor allem beim gewählten Sujet.
Illegale Einwanderung in die USA seitens mexikanischer Flüchtlinge ist nicht erst seit den aggressiven Wahlkampfparolen des designierten US-Präsidenten Donald Trump ein äußerst brisantes Thema, das die Gemüter mindestens beider Grenzregionen schon seit Jahrzehnten erhitzt. Cuarón spitzt dieses noch zu, indem er es in den Kontext einer privaten Menschenjagd stellt.

Aufgrund einer Autopanne muss eine Gruppe mexikanischer Flüchtlinge den Rest des wüstenähnlichen Grenzgebietes zu den USA zu Fuß absolvieren. Doch unvermittelt taucht der amerikanische Redneck Sam (Jeffrey Dean Morgan) auf, der mit Jeep, Präzisionsgewehr und abgerichtetem Kampfhund Jagd auf sie macht. Die Überlebenschancen der illegalen Einwanderer sind gering, denn neben dem zu allem entschlossen Sam wird auch die unwirtliche Gegend zur tödlichen Falle ...

Jonás Cuarón holt aus dieser äußerst simplen Plot-Konstruktion ein gehöriges Maß an Spannung heraus, schafft es aber trotz eines klaren Primats der Thriller-Elemente die politischen wie humanitären Konnotationen nicht gänzlich zu vernachlässigen. So hat beispielsweise Sams hartnäckigster Gegner Moises (Gael G. Bernal) eine durchaus komplizierte Flüchtlingsgeschichte und bereits einen Sohn in den USA. Dennoch tappt Cuarón nie in die Falle manipulativer Moralisierung oder bevormundender Belehrung und gibt sich mehr als stiller Beobachter. Sich tiefer gehende Gedanken zu machen, bleibt Aufgabe des Zuschauers.
     
In erster Linie ist Cuarón aber ein atmosphärisches und fesselndes Stück Spannungskino gelungen, das aufgrund seiner tagespolitischen Aktualität noch zusätzlich an Kontur gewinnt. Die betörenden Bilder der gleichermaßen kargen wie schönen Landschaft kontrastieren mit einem Höchstmaß an menschlicher Grausamkeit. Cuaróns ruhige Inszenierung setzt auf Stimmungen, die er immer wieder mit ruppigen Brutalitäten aufreißt. Dazu gesellt sich nicht selten auch blanker Zynismus, u.a. wenn der menschenverachtende Sam erst dann Gefühle zeigt, wenn seinen Hund ein ähnliches Schicksal ereilt wie die von ihm Verfolgten.

Mexiko tritt mit `Desierto´ bei der kommenden Oscarverleihung in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film" an. Natürlich werden jetzt wieder die Vorwürfe laut werden, man rechne sich mit dem Sohn eines bereits prämierten Vaters besonders gute Chancen aus. Damit wird Jonás Cuarón leben können bzw. müssen, auch wenn er es im vorliegenden Fall absolut verdient hätte, einfach nur und ausschließlich für seine kompetente Arbeit wahrgenommen zu werden.

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