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Anna Kaminskis (Eva Kotthaus) Schicksal kam Ende des zweiten Weltkriegs sicher nicht selten vor. Als ihr Freund an die Front gerufen wurde, war sie schwanger von ihm, und ans Heiraten war zuvor nicht zu denken. Da dieser im Krieg fiel, blieb sie als allein erziehende Mutter mit einem unehelichen Kind zurück. In ihrer Not wandte sie sich an die Eltern ihres Freundes, die Ihre Hilfe allerdings an die Bedingung einer Adoption ihres Enkelkindes knüpften, in die Anna gezwungenermaßen einwilligte. Diese kleine Geschichte, die sich nur aus wenigen Worten Annas erschließt, liegt zum Zeitpunkt der Filmhandlung schon einige Jahre zurück, aber sie ist die Initialzündung des Films, ohne die das dramatische Geschehen nicht stattgefunden hätte und sie ist typisch für Helmut Käutner.

Schon in seinen frühen, während des Nationalsozialismus entstandenen Filmen, betonte er die Verlogenheit der allgemeinen Moralvorstellungen, die in Diskrepanz zum tatsächlichen menschlichen Verhalten stand, und gerade in seinen Filmen ist heute noch gut zu erkennen, dass die 50er Jahre in dieser Haltung an Strenge nicht nachließen. Man hätte annehmen können, dass die Menschen auf Grund der gemeinsamen Erfahrungen im Krieg, für eine Situation ,wie sie Anna danach erlebte, Verständnis aufgebracht hätten, aber erst deren moralischer Druck zwang sie zum Einverständnis in die Adoption. Inzwischen, Anfang der 50er Jahre, hatte sich in ihrem Leben einiges geändert, weshalb Anna in der Lage wäre, ihren Sohn Jochen wieder zu sich zu holen, aber zwei Dinge durchkreuzen ihr Ansinnen - die rechtliche Situation mit den Eltern ihres toten Freundes und vor allem die innerdeutsche Grenze, die ausgerechnet zwischen den beiden unweit von einander entfernten Heimatorten verläuft.

Und an dieser Stelle beginnen Käutners Schwierigkeiten, denn "Himmel ohne Sterne" konnte so nur ein Film werden, der sich zwischen die Stühle setzte. Dabei hätte es sich der westdeutsche Regisseur in seiner Anklage an die Trennung Deutschlands leicht machen können, in dem er die politischen Umstände und damit besonders die sowjetische Besatzungsmacht angeprangert hätte, aber das entspräche nicht Käutners Linie, der die Ursachen nie im Grossen, sondern immer im Kleinen suchte. "Ich habe die Grenze nicht gemacht!" legt er seinen Protagonisten häufig in den Mund, aber er lässt kein Zweifel daran, dass die wirklichen Probleme untereinander eben doch von ihnen gemacht wurden und die Umstände immer als Ausrede dafür herhalten müssen.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Nebenfigur Mischa Bjelkin, einem sehr jungen sowjetischen Soldaten. Horst Buchholz spielt diesen mit erstaunlicher Zurückhaltung, auch dadurch bedingt, dass seine Umgebung Russisch nicht versteht. In seiner Figur wird erkennbar, dass man eine Wahl hat, selbst wenn man sich davon keinerlei Vorteile versprechen kann. Ganz anders dagegen charakterisiert Käutner die westdeutsche Seite, die dank der schnell eintretenden wirtschaftlichen Erfolge, nur noch wenige Gedanken an die kommunistisch regierten Landsleute in der DDR verlieren. Die Wahl der sympathischen Darsteller Camilla Spira und Gustav Knuth als die Großeltern Elsbeth und Otto Friese ist sehr gelungen, denn Käutner vermeidet damit Einseitigkeiten und demonstriert in einer Authentizität, die man sich heute kaum noch in Erinnerungen rufen kann, wie schnell sich der Mensch damals an diese Situation als Alltag gewöhnt hatte, besonders ,wenn sich diese für einen persönlich positiv entwickelte.

Umgekehrt gelingt es Käutner ohne Beschönigung den DDR-Alltag in einer Art zu vermitteln, die jegliche Abqualifizierung vermeidet. Es wird dabei auch deutlich, dass es für Anna, die in einem volkseigenen Betrieb arbeitet (sehr gut auch Siegfried Lowitz als korrekter, aber nicht unmenschlicher Leiter), in der DDR leichter ist, als allein erziehende Mutter ihr Leben zu organisieren, obwohl sie sich sogar noch um ihre sehr alten Großeltern (Lucie Höflich, Erich Ponto) kümmern muss, die sie deshalb auch nicht allein lassen will. Wer glaubte, erst durch die Mauer wurde es schwierig in den Westen zu fliehen, wird hier eines Besseren belehrt, denn auch wenn Anfang der 50er Jahre die Perfektion der späteren Todesstreifen-Jahre noch nicht bestand, so galt schon der Schiessbefehl der ständig patrouillierenden Grenzsoldaten.

Auch in "Himmel ohne Sterne" spielt Käutner wieder seine Stärke aus, eine Vielzahl von Darstellern so agieren zu lassen, dass ein komplexes Bild der Verhältnisse untereinander entsteht. Selbst kleine Rollen sind sehr gut besetzt (Georg Thomalla, Josef Offenbach, Wolfgang Neuss) und die Wahl der beiden Hauptrollen (der Sachse Erik Schumann als westdeutscher Grenzer, die aus der BRD stammende Eva Kotthaus als Anna) ist intelligent, besonders da beide damals für die DEFA spielten. Man spürt in jedem Moment des Films wie ernst es Käutner mit seinem Anliegen war und wie sehr ihm an einem ausgeglichenen Bild beider Seiten lag, dass ohne einseitiges Anklagen auskommt. Betonte er in seinen Filmen aus der nationalsozialistischen Zeit gerade die individuelle Freiheit des Einzelnen, die im Gegensatz zur äußeren Reglementierung stand, wirken hier fast alle Figuren wie Marionetten, die nicht in der Lage sind, sich aus den ihnen aufgesetzten Strukturen und Vorurteilen zu befreien.

"Himmel ohne Sterne" fehlt jeglicher Optimismus, positive Momente entstehen nur im Verhalten einzelner Figuren, die aber auch nichts am Fortlauf des Dramas ändern können. In dieser Konsequenz wirkt der Film konstruiert, da er melodramatisch die Umstände so aneinander reiht, dass sich alles zum Negativen fügt. Er befindet sich damit auf einer Linie mit den Filmen Douglas Sirks, aber Käutner hat eine andere Art der Charakterzeichnung, zu der diese fast an Sturheit grenzende Umsetzung, die auch den Liebenden etwas von ihrer Reputation nimmt, nicht wirklich passt. Erklärbar ist das nur durch Käutners Intention, denn "Himmel ohne Sterne" ist nicht einfach eine kritische Beschreibung der Zustände, sondern - anders als bei ihm üblich - eine Anklage, etwas daran zu ändern (8,5/10).

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