History repeats itself. Wie oft schon begann eine mögliche Filmreihe stark, um dann schnell schwach zu werden und nachhaltig nachzulassen? Erst vor wenigen Jahren bescherte beispielsweise Pierre Morels „96 Hours" (2008) dem waschechten Krachfilmfreund eine wohlige Überraschung. Es gab sie nämlich doch noch, die kinotauglichen Actionfilme überlieferter Rezeptur, die einen Königstiger von Held durchs Bild rollen lassen, der weder Gnade, Haarausfall, Depressionen oder Abfuhren kennt und der stets den Trümmern des von ihm maßgeblich mitfabrizierten kleinen Weltkriegs als strahlender (oder zumindest lässig dreinblickender) Sieger entsteigt. Doch schon der Nachfolger („Taken 2", 2012) war nur ein lauwarmer, zu allem Überfluss auch noch jugendfreier Aufguss und Teil 3 dann schließlich sozusagen nur noch der Aufguss vom Aufguss für den Ausguss. Auch Antoine Fuquas „Olympus Has Fallen" (2013) traf den Geschmack des dankbaren Filmfreunds, wenn auch nicht ganz so effektiv wie der französische Beitrag fünf Jahre zuvor. Jedenfalls stand auch hier ein Nachladen ins Haus. Und wieder krepiert das Ding. Zwar nicht im Rohr. Doch auch nicht im Ziel.
Es ist unfassbar, was da passiert. Nur weil eine amerikanische Drohne die Familie irgendeines waffenschiebenden Beduinen aus Versehen zu Buddha bombt, kommt der auf die unzivilisierte Idee, sich zu rächen. Denn wo gemogelt wird, fallen Späne. Und da im dekadenten Westen ja sowieso jeder mit jedem irgendwie rummacht und allemal alle europäischen Staatschefs für die gönnerhafte Behandlung des Orients mitverantwortlich sind, denkt sich der hiesige Muselmann mit dem eingefrorenen Zahnpasta-Lächeln, dass man um Zeit zu sparen am besten doch gleich alle auf einmal abserviert. Dabei kommt ungemein gelegen, dass dieses Vorhaben bei Babak Najafis „London Has Fallen" überhaupt nicht schwer, sondern ein reines Kinderspiel ist. Erst wird zum Aufwärmen der britische Premierminister vergiftet, dann fünfhunderttausend Bomben in London platziert, dann der Funkverkehr zwischen den Staaten und dem MI6 gehackt und schließlich die gesamte Polizei Londons durch Attentäter ersetzt. Nicht schlecht für einen Typen, dessen Papa vermutlich noch auf einem Kamel in den Kampf wackelte. Auch praktisch, dass die Staatschefs die Einladung zum fröhlichen Politiker-Tontaubenschießen ausnahmslos dankend annehmen und alle Londoner nach den ersten Attacken brav die Straßen räumen, um für die Terroristen Platz zu machen.
Aber Klugscheißer hin, Spielverderber her, wir wollen mal nicht so sein. Denn „London Has Fallen" hat auch etwas zu bieten, wenn auch vielleicht nicht das, was er verspricht. Eine durchdachte Geschichte hört sich nämlich ebenso anders an wie geschliffene Dialoge, die hier erst gegen Ende mit dem einen oder anderen starken Spruch ins Schwarze treffen. Um dem wenigstens ohne längere (Feuer-)Pausen und so ziemlich ohne Unterlass aus allen Rohren ballernden Streifen nun aber doch noch zu ein paar mehr Treffern zu verhelfen, müssen wir das Ziel vergrößern. Und das heißt, wir müssen uns ehrlich eingestehen, dass der zweite gefallene Olymp zwar kein Reinfall, aber ein reiner Fall fürs Wohnzimmer ist. Kinotauglich ist diese düstere Computersuppe, in der London hier hilflos herumplantscht, nämlich nicht. Allerdings war das die Mehrzahl der uns nach all den Jahren so ans Herz gewachsenen Genrejuwelen der 1980er Jahre auch nicht. Und die genießen heute nicht selten Kultcharakter. So ein Schicksal könnte auch „London Has Fallen" einst ereilen. Alles eine Frage persönlicher Zugriffsmöglichkeiten.
Es ist schon ein kindischer, dafür umso kindlicherer Spaß, wenn man dem amerikanischen Präsidenten beim Nahkampf mit arabischen Terroristen in endzeitlich wirkenden, dunklen Gassen Londons zusieht. Über ihm stets die schützende Hand eines quasi überirdischen Leibwächters, der die Pläne des Gegners schon durchschaut hat, bevor die überhaupt erdacht wurden, und sich als hemdsärmeliger Amerikaner ohne viel Federlesens binnen Minuten zum Chef der verblieben englischen Polizei mausert. Natürlich nicht naseweis, sondern nur um den inseleuropäischen Kameraden geduldig zu zeigen, wo vorne und hinten ist. Wie gesagt, die Geschichte wiederholt sich, denn es sind einmal mehr die renitenten ehemaligen Kolonisten, die England aus dem Feuer ziehen und es ist ein weiteres Mal die enge angelsächsische Waffenbrüderschaft, die hier filmisch beschworen wird. Dazu passt, dass, wie einst bei Teil 1, Präsident (Aaron Eckhart), Vizepräsident (Morgan Freeman) und Leibwächter (Gerard Butler) nach getaner Arbeit verbale Purzelbäume fürs Vaterland schlagen. Und das beinahe ebenso unbeirrt ungewandt wie einst Chuck Norris.
Ist „London Has Fallen" nun zu gebrauchen oder nicht? Das hängt vielleicht davon ab, ob man den Vergleich zum mimisch gehandicapten, lustigen Karate-Ass als Kritik oder Lob auffasst. Der, gemessen am ersten Teil, unbedeutend billigere Actioner wirkt im Resultat jedenfalls wesentlich preiswerter als erwartet, seine Prämisse sogar recht geschmacklos zusammengestöpselt. Der Bodycount ist hoch, aber zu wenig blutig, um ein echtes Plus an Schauwerten zu liefern. Insgesamt sind die entwickelten Ideen zu uninspiriert und verleiden ein bisschen einen Film, der zwar lobenswert zügig verfliegt, aber letztendlich überraschungsarm gerät. Vom Maulwurf im eigenen Team bis zum pathetischen Ende reichen die unnötigerweise beim Vorgänger geklauten vorhersehbaren Zweifelsfälle. Gar nicht so leicht, einen soliden Actionfilm zu inszenieren. Denn dass der für Genrehighlights wie „Shooter" (2007) oder „The Equalizer" (2015) verantwortliche Filmemacher vermutlich mehr im Kreuz haben würde als der Schöpfer von „Easy Money II" (2012) hatten wir geahnt. Und was die Geschichte des Actionfilms angeht, so ist heute überraschend vieles wie damals. Oder alles beim alten.