Ein Dokumentarfilm dient dazu, Fakten offenzulegen und sie möglichst publikumswirksam zu vermarkten. Wie man jenen Film strukturiert, ist jedem selbst überlassen, ob man nur die Bilder sprechen lässt oder selbst noch seinen Senf hin zu gibt. Der Dokumentarfilm ist vielschichtig, aber es ist ein sehr gefährliches Terrain, da man die Thematik komplett falsch angehen kann. So ein Fall ist Michael Moore.Â
  Moores Intentionen liegen ganz klar auf der Hand; das Publikum so zu manipulieren, um sie auf seine Seite zu ziehen; das Gesellschaftsbild seiner eigenen Heimat in ein schlechtes Bild zu rücken, nur um sich selbst zu profilieren.Â
„Bowling for Columbine“ handelt von der Waffengeilheit der US-Bevölkerung. Ausschlaggebend war der Amoklauf in einer Highschool im verschlafenen Nestchen Columbine. Polemiker Moore nimmt dieses Geschehnis als Grundbaustein für seine ganz persönliche Reise durch die Waffenkultur der Staaten. Aus diesem Stoff hätte ein recht interessanter Beitrag werden können, doch leider legt Moore seinen Fokus zu stark auf die Frage, weswegen gerade die US-Bevölkerung so sehr in Waffen vernarrt sei. Dass er dabei den Ausgangspunkt komplett aus den Augen verliert (Columbine Massaker) ist zwar etwas egoistisch, aber wer hier auf zufriedenstellende Antworten hofft, wird vergeblich warten müssen.Â
  Was Moore auf den Tisch bringt, sind verdrehte Tatsachen, Halbwahrheiten und teils gestellte „Realszenen“, welche einem ihm Nachhinein sehr übel aufstoßen. Allein das Intro, in dem Moore bei einer Bank ein Konto eröffnen möchte und als Begrüßungspresent eine Waffe geschenkt bekommt, ist an Fiktion nicht mehr zu toppen. Es ist nicht zu sagen, dies sei nicht der Realität entsprechend, aber wie Moore diese Szene aufarbeitet, hat mit der Wirklichkeit herzlich wenig zu tun. Die Mitarbeiter wurden vor Dreh mit ins Spiel eingeluchst, ihnen wurde genau vorgesagt, was sie zu tun und zu sagen haben. Was hat dies bitteschön in einer Dokumentation zu suchen, deren Thematik gar nicht mal so unheikel ist?!
Es ist nicht zu bezweifeln, dass ein Großteil weitere Sequenzen nicht mal halb der Wahrheit entsprechen, dafür hat der Film einfach zu viele Schnitte, welche den Wahrheitsgehalt enorm auf die Probe stellen. Jedoch lässt sich nicht leugnen, dass der Film dem ein oder anderen dennoch die Augen öffnet. Dass die Staaten schon stetig ein seltsames Völkchen waren, ist nicht zu leugnen. Dass an der Masche, Politik und Medien versetzen die Bevölkerung in einen Dauerzustand geprägt von Angst und Unsicherheit, etwas dran ist, lässt sich nur schwer verbergen. Generell ist es Moore gelungen, der Thematik ordentlich auf den Zahn zu fühlen. Er weiß, sein Film aufzubauen, versucht, sein Gegenüber mit sarkastischem Zynismus in die Mängel zu treiben. Das ist mitunter sehr amüsant, erschreckend sind auch teilweise die Antworten der zu Interviewenden. Das Schlussplädoyer gibt dann der bereits verstorbene Charlton Heston ab, jedoch lässt sich selbst dann nicht wirklich definieren, was Moore mit diesem Film bezwecken wollte. War es einfach der Drang, die Sensationsgeilheit der Zuschauer zu stillen? Einen hochprofessionellen Dokumentarfilm hatte er wohl kaum im Sinn, zu verwaschen sind seine Absichten, gar seine Ziele.
  Gut, der K-Markt hat die Munitionsausgabe eingeschränkt, aber was nützt das schon? So lange es Befürworter der Waffenkultur wie Heston geben wird, wird sich an deren Moral nichts ändern. Und das wird auch ein Film von Michael Moore nicht zu ändern wissen.
Was der ganzen Wahnwitz-Aktion aber die Krone aufsetzt, ist die Taktik, sein Publikum mit einseitigen Statements emotional zu bannen. Es hat sicherlich eine tiefgehende Wirkung, höre man die Originaltelefonate besorgter Eltern nach einem Amoklauf. Doch hat ein Dokumentarfilm nicht zu manipulieren, sondern zu unterrichten. Und es gibt immer ein Wider, für das Für. Doch dies ist Moore wohl nicht klar gewesen. Während er meistens die Opfer zu Wort kommen lässt (welche in gewissen Situationen dann auch noch anfangen zu weinen), lässt er die Gegner meist in einer emotionalen Kälte stehen, was für den Zuschauer befremdlich distanziert wirken kann. Auch Moores Humor kann diese Schwäche nicht kompensieren, wenngleich er doch teils lustige Anekdoten über die US-Historie in seinem Film einbaut.Â
  Es ist nicht zu ignorieren, dass ein 6-jähriger Grundschüler eine gleichaltrige Kameradin in einer Schule kaltblütig erschoss, doch dieses Exampel ist genauso fehlinterpretiert wie die Ausgangssituation; was kein ein Kind dafür, dass die Amerikaner geil auf Waffen sind? Die Schuld liegt bei den Eltern, welche ihre Aufsichtspflicht verletzt hatten, nicht an der rohen Eigenmoral der Regierung.Â
Michael Moores Beitrag hat sicherlich einen interessanten Aspekt, doch versagt er auf ganzer Linie, da die Wahrheit hinter seinen Fakten auf wackligen Beinen steht. In wie weit die Aussagen wirklich 100% der Meinungen der zu Befragenden entsprich, wird Moore wohl mit in sein Grab nehmen, aber eins muss man ihm dennoch lassen – er muss sein Land ganz schön hassen, um es bis zur Unkenntlichkeit zu denunzieren, dafür hat er meinen Respekt. Allerdings hinkt seine Meinung genauso wie das Zusatzkapitel der Kanadier; wer in seinem Leben schon mal Opfer eines Gewaltverbrechens war, dennoch seine Türe in einer Millionenstadt nicht abschließt, sollte sich mal Gedanken über die eigene Sicherheit machen, oder einfach nicht jeden Mist nachbrabbeln, was einem ein vermutlich aufmerksamkeitsgestörter Vorstädtler versucht einzureden, nur der Provokation wegen.Â
  Dass dieser Mist einen Oscar gewonnen hat, ist genauso unverständlich wie die Tatsache, dass er ein paar Jahre später erneut so erfolgreich werden konnte, mit fast schon gefährlichem Halbwissen.