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Bowling for Columbine (2002)

Eine Kritik von Stefan M (Bewertung des Films: 9/10)
eingetragen am 20.07.2003, seitdem 554 Mal gelesen


„Sind wir verrückt nach Waffen - oder sind wir nur verrückt?“ - Michael Moore begibt sich auf die intensive Suche nach einer Antwort auf die Frage, warum in den USA fast jeder Haushalt eine Waffe besitzt und warum das Sicherheitsdenken hier wie in keinem anderen Land so ausgeprägt ist. Dabei läßt er sowohl zwei Opfer des Schulamoklaufs an der Columbine Highschool in Littleton als auch den berühmt-berüchtigten Waffenaktivisten Charlton Heston zu Wort kommen. Nebenbei übt er scharfe Kritik an der Berichterstattung der Medien und dem längst noch nicht überwundenen Rassismus...
Man wird lange in den Vereinigten Staaten suchen müssen, um einen Menschen zu finden, der mit solch einer Vehemenz und schonungslosen Ehrlichkeit die Schwächen der USA aufzudecken vermag, wie der anerkannte Schriftsteller und Regisseur Michael Moore. Der pfundige, immer leger gekleidete Kritiker heimste bereits 1989 mit dem bissigen Dokumentarfilm „Roger & Me“, in dem er mit dem riesigen Automobilkonzern General Motors hart ins Gericht ging, ausgezeichnete Kritiken ein. In den folgenden Jahren folgten neben diversen systemkritischen Büchern („Downsize This“, „Stupid White Men“) der ähnlich gestrickte und ebenfalls preisgekrönte „The Big One“, und nur drei Jahre später, kurze Zeit nach dem Anschlag auf das World Trade Center, kam „Bowling For Columbine“ in die Kinos. Dieses Werk bedeutete Moores vorläufigen Höhepunkt, gewann es doch völlig zurecht den Oscar als „Bester Dokumentarfilm“. Er nutzte die Oscarverleihung sogar für einen spektakulären Auftritt, indem er seinem Ärger über die Regierung Bush und den grad begonnenen Irakkrieg lautstark Luft machte („Shame on you, Mr. Bush, shame on you!“).
In der Tat hat es der engagierte Regisseur einfach verdient, für seine fortwährenden Bemühungen, vor allem dem eigenen Volk die negativen Aspekte seines Staats vor Augen zu führen, belohnt zu werden. Was besonders bemerkenswert an „Bowling For Columbine“ ist, ist die Tatsache, daß Moore eine waghalsige Gratwanderung zwischen erschütternden Bildern und zynischem Humor unternimmt und dabei tatsächlich in der Lage ist, sie zu bewältigen. Wenn Archivmaterial von Diktatoren, die die Amerikaner in den vergangenen Jahrzehnten in anderen Ländern eingesetzt haben (u.a. Saddam Hussein), Verletzten und Toten, die aus von den USA hervorgerufenen Kriegen resultieren, gezeigt und mit dem erfolgreichen Hit „What A Wonderful World“ von Louis Armstrong untermalt wird, muß ich doch immer wieder kräftig schlucken - und dieses Paradoxon zwischen Bild und Ton erzielt eine hundert Mal stärkere Wirkung, als wenn Moore die grauenvollen Szenarien mit düster-bedrückender Musik begleitet hätte.
Bei einigen Interviews bleibt einem das Lachen im Halse stecken, wenn ein vermeintlicher Ex-Attentäter betont, Gandhi nicht zu kennen, oder befürwortet, daß man Plutonium eingeschränkt besitzen dürfe, weil draußen viele Spinner herumlaufen (!). Einfach absurd wird es, als ein Schüler der Columbine Highschool erzählt, daß er die Nummer zwei auf der Liste der potentiellen Amokläufer gewesen wäre, es aber lieber gesehen hätte, die Nummer eins zu sein, weil es eben eine Ego-Sache sei. Doch die Szene, die bei mir das stärkste Kopfschütteln verursacht hat, ist eine Archivaufnahme des Amoklaufs in Littleton: Dort sind Kinder in Todesangst zu sehen, und aus dem Off hört man ein Telefongespräch, bei dem eine Lehrerin der Presse (FOX, CNN etc.) haargenau jedes kleine Detail schildern soll, das diese aus ihrem Sichtfeld beobachten kann. Nebenbei hört man Beschwerden einer Journalistin, weil ein Konkurrenzsender mehr Auskünfte über den Tathergang erhält, und die Lehrkraft berichtet, daß sie eine bestimmte Sendung im Fernsehen liebe und jeden Tag sehe.
Über längere Zeit unvergessen bleibt sicherlich auch der bitterböse vierminütige Cartoon, der den Waffenwahn der amerikanischen Bevölkerung auf die Schippe nimmt.
Dies alles sind lediglich kurze Ausschnitte des Films: Man sollte ihn einfach auf sich einwirken lassen, keine noch so präzise Wiedergabe des Inhalts könnte die Informationsflut und beißende Kritik des knapp zweistündigen Werks ersetzen.
Unglaublich - hier ist nichts gestellt, Moore legt den Gesprächspartnern keine Worte in den Mund, sondern stellt lediglich (scheinbar) naive Fragen und läßt sie munter drauflos reden, ohne irgendwelche abwertenden Sprüche von sich zu geben, so hirnverbrannt manche ihrer Sätze auch sein mögen. Sogar Charlton Hestons rassistische Äußerungen am Ende des Films bleiben unkommentiert stehen, obgleich man Moores sichtliche Enttäuschung über den plötzlichen Interviewabbruch seines Gegenübers eindeutig erkennen kann. Zwar ergibt sich eine klar subjektiv gefärbte und sehr einseitige Dokumentation, aber die darin gezeigten Argumente unterstreichen Moores Meinung, daß etwas falsch läuft im Staate USA, eindrucksvoll.
Ich würde es begrüßen, wenn „Bowling For Columbine“ zukünftig im Geschichtsunterricht - vorausgesetzt man beschäftigt sich mit der Geschichte der Vereinigten Staaten - gesehen wird, damit der deutsche Schüler diese Kultur kennenlernen kann. Der Film hat mir das amerikanische Volk näher gebracht und mich schlauer gemacht als jede Erzählung, die ich bis dato von meinen Lehrern gehört, oder jedes Buch, das ich zu diesem Thema gelesen habe - und das Wichtigste: Er ist weitaus unterhaltsamer, so daß man gern zusieht.

Fazit: Michael Moore gelingt es, Kritik an der amerikanischen Kultur zu üben, ohne Oberflächlichkeit an den Tag zu legen. Er vertieft das Problem der Waffensucht derart gründlich, daß keine Fragen offen bleiben. Das größte Meisterstück aber ist, daß er sein Publikum für das Thema zu interessieren weiß, indem er die richtige Mischung aus bösem Witz und Provokation sowie aufschlußreicher Information und Erschütterung findet. Eine phantastische Doku - nicht nur für Antiamerikanisten! 9/10.


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