Review

„Das Jerico Projekt" (Kurz und schmerzlos Teil 35)
 
An moralischen Skrupeln würde es bestimmt nicht scheitern. Könnte man Gedanken und Erinnerungen eines toten Agenten via Transplantation auf einen x-beliebigen Lebenden übertragen, würden weltweit bei sämtlichen Geheimdiensten die Sektkorken knallen. Neue, ungeahnte Möglichkeiten sowohl für Spionage wie auch für Gegenspionage. So gesehen ist die fantastische Prämisse des britisch-amerikanischen Thrillers „Criminal" durchaus eine spannende.

Quaker Wells (Gary Oldman) steht mächtig unter Druck. Sein Agent Bill Pope (Ryan Reynolds) wurde von dem Anarchisten Xavier Heimdahl in eine Falle gelockt und getötet. Zwar verriet er auch unter Folter nicht den Aufenthaltsort von Heimdahls übergelaufenen Hacker Jan „The Dutchman" Strook (Michael Pitt), die Londoner CIA-Zentrale konnte er aber ebenfalls nicht mehr informieren. Strook hatte für Heimdahl ein Computerprogramm geschrieben, das  es ihm ermöglicht, weltweit nukleare Abschusscodes zu umgehen. Sollten sie in falsche Hände geraten, droht ein globales Chaos.
Da erscheint die Gedankentransplantationstheorie des Neurowissenschaftlers Dr. Micash Franks (Tommy Lee Jones) durchaus verlockend, auch wenn sie bisher nur an Mäusen erprobt wurde. Allerdings ist der einzig in Frage kommende Probant der seit Jahrzehnten inhaftierte Killer Jerico Stewart (Kevin Costner), der zu keinerlei Emotionen fähig ist und über keinen moralischen Kompass verfügt. Ein kaum kalkulierbares Risiko, zumal der operierte Jerico permanent zwischen beiden Persönlichkeiten hin und her gerissen wird ...

Zweifellos kann man diese Handlung als ausgemachten Blödsinn abtun. Andererseits ist diese Jekyll-Hyde-Konstellation ein Fest für jeden Darsteller und Kevin Costner war ganz offensichtlich in Feierlaune. Der in den letzten Jahren zunehmend aus dem Rampenlicht verschwundene Star legt sich mächtig ins Zeug und lotet die Extreme seiner Figur gekonnt aus. Vor allem die Diskrepanz zwischen rüder Brutalität und sich unvermittelt Bahn brechender Gefühle wie Liebe oder Mitgefühl ist faszinierendes Schauspiel.
Demgegenüber fallen die Charakter-Profis Gary Oldman und Tommy Lee Jones überraschend deutlich ab. Obschon gegen den Strich besetzt, sind der cholerische CIA-Boss (Oldman) und der introvertierte Wissenschaftler (Lee Jones) zu schablonenhaft angelegt, um Akzente setzen zu können. Immerhin hat man die drei seit 25 Jahren (Oliver Stones „JFK", 1991) nicht mehr gemeinsam auf der Leinwand gesehen. Mehr im Gedächtnis bleiben da schon die frisch gebackenen Comic-Helden Ryan „Deadpool" Reynolds und Gal „Wonderwoman" Gadot. Reynolds gelingt in seinem 5-Minuten-Auftritt ein weiterer Beweis für seine lange Zeit belächelten Action-Qualitäten und Gadot ist als Popes trauernde Ehefrau weit mehr als bloßer Beauty-Support.

Der israelische Regisseur Ariel Vromen („The Iceman") ist auch kein Stümper. Den Schauplatz London setzt er schick ins Bild und die endlich einmal ohne CGI auskommenden Explosionen und Actionsequenzen sind deutlich über landläufigen B-Produktionen, geschweige denn der Dutzendware aus der DTV-Ramschkiste anzusiedeln.  Der eigentliche Thrillerplot ist natürlich wenig originell, aber Vromens straffe Inszenierung übertüncht so manche Vorhersehbarkeit. Ohnehin ist „Criminal" mehr Costner- denn Action-Show und die Regie ist sich dessen voll bewusst.

Fazit:
Spannender, wenn auch nicht sonderlich origineller Spionage-Thriller mit Science-Fiction-Touch, der vor allem von Hauptdarsteller Kevin Costner lebt, der eine knackige Jekyll-Hyde-Show hinlegt. Die anderen großen Namen wie Gary Oldman und Tommy Lee Jones sind lediglich Edelsupport und komplettieren immerhin das 25-jährige Klassentreffen von „JFK".  Nicht die einzige Parallele, denn ein Faible für verschwurbelte Theorien braucht es auch hier.

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