„Super-Hahnenkampf die zweite"
Diesmal war die Konkurrenz schneller. Eine im hart umkämpften Blockbuster-Business halbe Ewigkeit von geschlagenen fünf Wochen ist es bereits her, dass sich die DC-Alphatiere Batman und Superman zum ultimativen Superhelden-Schlagabtausch trafen. Bei den ansonsten in so ziemlich jeder Hinsicht enteilten Rivalen von Marvel heißt das Äquivalent-Duell Iron Man versus Captain America. Und weil das noch immer nicht episch genug klingt, hört diese Titanen-Schlacht auf den vor allen in den USA geradezu mystisch aufgeladenen Titel „Civil War".
Verhandelt wird das Zerwürfnis der beiden Avengers-Anführer im Rahmen des dritten Captain America-Films. Auf dem Regiestuhl saßen wie schon bei „Captain America: The Winter Soldier" die Brüder Anthony und Joe Russo, eine ebenso kluge wie logische Entscheidung, überraschten sie doch vor knapp zwei Jahren mit dem bis dato besten Beitrag aus dem Hause Marvel. Nachdem sie „Cap 2" in einen perfekt sitzenden Polit-Thriller-Anzug gesteckt hatten, durfte man mehr als gespannt sein, in welchem Genre-Gewand ihr zweiter Auftritt daher kommen würde.
Dass die Russos diesmal in den Gefilden des Psycho-Thrillers wildern ist bei dem eskalierenden Streit zweier Super-Egos nicht weiter überraschend, aber nichts desto trotz erneut ein cleverer Schwenk weg von ausgetrampelten Genre-Pfaden. Es wird einfach nicht langweilig bei den „Rächern", angesichts eines Ausstoßes von mindestens einem Abenteuer pro Jahr eine mehr als beeindruckende Bilanz. Dass Steven Rogers dritter Solofilm dennoch nicht ganz das Niveau des allerdings superben Vorgängers erreicht, hat andere, man kann fast schon sagen „logistische" Gründe.
Offenbar hieß ein Teilauftrag für „Cap 3" auch das Heldenensemble für das große Avengers-Finale „Infinity War" in Stellung zu bringen. Also wird nicht nur der Zwist zwischen Steve Rogers und Tony Stark verhandelt, sondern auch das heldische Hilfspersonal der beiden Streithähne konsequent mit einbezogen. So schart Captain America neben seinem Buddy Falcon (Anthony Mackie) auch noch Scarlet Witch, Ant-Man (Paul Rudd), Hawkeye (Jeremy Renner) und Sharon Carter (die „Rache-Erfahrene" Emily van Camp) um sich. Iron Man kann wie immer auf War Machine (Don Cheadle) setzen, hat überraschenderweise aber auch Steves Vertraute Black Widow (Scarlett Johansson) sowie Vision und den Neuzugang Black Panther auf seiner Seite. Die Rekrutierung eines gewissen Peter Parker aus Queens holt schließlich eine lange Zeit abseits gestandene Marvel-Ikone ins proppenvolle Avengers-Boot und dürfte vor allem für Comic-Fans ein Festakt sein.
Am Ende tummeln sich dadurch mehr Superhelden, als in den beiden „Team"-Filmen „The Avengers" und „Avengers - Age of Ultron" zusammen. Das geht natürlich zu Lasten des Titelhelden, der sich das Rampenlicht ja ohnehin bereits mit Iron Man teilen muss. Angesichts dieses Superheldengedrängels ist es eine bemerkenswerte Leistung, dass die die Fokussierung auf Captain America dennoch weitestgehend gelingt bzw. erkennbar ist. Die narrative Stringenz und strukturelle Kompaktheit von „Winter Soldier" bleibt dabei aber auf der Strecke.
Natürlich drängt sich an dieser Stelle auch der Vergleich mit „Batman vs Superman" auf, der mit ganz ähnlichen Hürden und Fallstricken zu kämpfen hatte. Doch wo Zack Snyder mangelnde Plausibilität bestenfalls notdürftig mit Pathos und bedeutungsschweren Bildkompositionen kaschieren konnte, erweisen sich Anthony und Joe Russo erneut als ebenso souveräne wie unaufgeregte Erzähler. Anders wie im DC-Hahnenkampf wirkt das auseinander driften bzw. das aufeinander losgehen der beiden Helden sowohl motivisch wie auch in seiner Beeinflussung von außen (Daniel Brühl als Baron Zemo) durchweg nachvollziehbar und in sich schlüssig.
Hier zahlt sich der lange Atem und die akribische Planung im Marvel-Universum voll aus. Beide Charaktere wurden in mehreren Filmen immer weiter und tiefer gehend entwickelt, so dass man auf vielschichtige und facettenreiche Persönlichkeiten zugreifen konnte. Hier der bodenständige Moralapostel Steve Rogers. Dort der schillernde, gern auch mal unkonventionelle Wege gehende Tony Stark. Als die Regierung im Verbund mit den Vereinten Nationen die „Avengers" aufgrund zunehmender Kollateralschäden enger an die Leine nehmen will, ist das für den eher in Schwarz-weiß-Kategorien denkenden Rogers eine nicht hinnehmbare Einschränkung. Der sich stets bestens aufs Taktieren und Lavieren verstehende Stark dagegen, sieht auch in stärker überwachten Avengers-Einsätzen noch genügend Möglichkeiten zur Eigeninitiative, zumal er - im Unterschied zu Steve - die Gefahr von vigilanter Willkür durchaus für virulent hält.
Dass man beide Positionen nachvollziehen kann und dennoch keiner der beiden dabei Sympathien einbüßt, ist eine der großen Stärken von „Civil War". Der Film tappt auch nicht in die Gut-böse-Falle und zwingt den Zuschauer sich mit beiden Sichtweisen auseinander zu setzen. Ein finales Urteil wird nicht gefällt. Unverkennbar ist die gesellschaftskritische Komponente und das Aufgreifen von Fragen wie „Können wir unserer Regierung noch vertrauen?", oder „Wie viel Kontrolle ist nötig und wie viel Freiheit ist dann noch möglich?".
Natürlich ist „Civil War" trotz seiner politischen Untertöne in allererster Linie ein Unterhaltungsspektakel. Und in dieser Hinsicht gibt es rein gar nichts zu bemängeln. Die zahlreichen Kämpfe sind hervorragend choreographiert und eine erfreuliche Abwechslung bzw. Abgrenzung zu den sterilen CGI-Orgien der allermeisten Blockbuster-Konkurrenten. Auch hier dient „Batman vs Superman" wieder als Negativbeispiel, bei dem sich im Endkampf lediglich die engagierten Computerfirmen austoben. Robert Downey Jr. und Chris Evans bzw. ihre Stuntmen dagegen leisten Schwerstarbeit, ein für die Action-Kredibilität definitiv lohnender Aufwand. Die dennoch vorhandenen digitalen Effekte wirken mehr ergänzend denn dominant und fügen sich in den vergleichsweise geerdeten Ton des Films. Vor diesem Hintergrund war es auch richtig und sinnig, auf Donnergott Thor und Wutmonster Hulk zu verzichten, zumal ein Eingreifen nur eines der beiden sämtliche Realismus-Ambitionen über den Haufen geworfen hätte.
Ein wenig schade, zumal bei einer solch teuren Großproduktion, ist die offensichtliche Location-Trickserei. Die globale Hatz nach dem vermeintlichen Bombenleger Winter Soldier führt die Helden u.a. nach Wien und Berlin. Während die österreichische Hauptstadt lediglich als Schauplatz einer Sicherheitskonferenz dient und das kostengünstige doubeln sicher vertretbar erscheint, spielen große Teile der Handlung in der Spree-Metropole. Hier hätte man sich dann schon etwas mehr gewünscht als ein zwei mal die Siegessäule von oben, den Fernsehturm von weitem, oder das Reichstagsgebäude im Hintergrund. Schließlich fanden ausgedehnte Dreharbeiten in den Babelsberger Filmstudios statt, da hätte man schon auch mal etwas länger und erkennbarer vor die Tür gehen können. Wie sehr sich reale Schauplätze lohnen, beweisen seit Jahrzehnten die ähnlich groß angelegten Bond-Filme.
Fazit:
Die DC-Konkurrenz mag diesmal schneller gewesen sein, das Kräftemessen um die Publikumsgunst dürfte dennoch wieder Marvel unter Führung ihres „First Avengers" gewinnen. Die Helden sind glaubwürdiger, ihre Motivation nachvollziehbarer, die Action ist realer und druckvoller, die Erzählung flüssiger und das Gesamtkonzept wirkt weniger verkrampft. Kurz: die Runde geht an Cap, oder Iron Man, oder die Avengers.
Der erste Großangriff wurde souverän abgewehrt. Ob Rache an Profi-Rächern überhaupt funktionieren kann? Superman und Batman sind unter Zugzwang. Die Reihen der Kampfgockel sind jedenfalls wieder geschlossen, der Bürgerkrieg hat zwar Risse hinterlassen, aber die Bande eben nicht zerrissen. Einfacher wird es damit für die Liga der Gerechtigkeit sicher nicht.